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Das grüne Paradoxon

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Cicero, 27.10.2008, Nr. 11/2008, S. 74-78

Finanzkrise, umstrittener Klimaschutz und Zwänge der globalen Wirtschaftsströme: Einer der international wichtigsten Ökonomen Deutschlands plädiert für ein Umdenken und fordert eine realistische Klimapolitik.

Warum gibt es immer mehr Füchse in Brandenburg? Weil sie sich von dem frischen Geflügel ernähren, das ihnen die Windräder zerhackt vor die Füße werfen. Jägerlatein? Vielleicht. Immerhin schätzt aber der deutsche Naturschutzbund, dass jährlich mindestens 100000 Vögel in den rotierenden Windrädern umkommen. Nicht nur Jäger schütteln den Kopf, wenn sie sich die Folgen grüner Politik vor Augen führen. Die grüne Politik ist voller Paradoxa. Im Namen der Umweltpolitik werden die schönsten Naturlandschaften Norddeutschlands durch Windräder entstellt. Auf grünen Auen wachsen Wälder weißer Betonpfeiler, und in des echten Waldes Stille dringt das Brummen ihrer Rotoren. Wer bei klarem Wetter nach Hamburg oder Berlin fliegt, sieht Landstriche, die, so weit das Auge reicht, mit den neuen weißen Wäldern durchzogen sind. Nach einem solchen Flug, noch im Bann der für mich unglaublichen Eindrücke, habe ich einen führenden grünen Politiker getroffen und ihn gefragt, ob der Naturschutz nicht auch das Landschaftsbild umfasse.

Als Antwort erhielt ich die lapidare Feststellung, die Gebiete, die ich gesehen hätte, stünden nicht unter Naturschutz. In Naturschutzgebieten dürfe man die Windräder nicht aufstellen. Das verschlug mir die Sprache. Mit dem grünen Pass im Gepäck darf man die Landschaft offenbar nach Belieben verschandeln. Alle scheinen im Bann der grünen Ideologie zu stehen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendeine führende Zeitung über neue technische Wunderdinge berichtet, die uns helfen, fossile Energie zu sparen und neue Energiequellen zu erschließen. Man träumt von der Wasserstoffwirtschaft, als ob der Wasserstoff irgendwo im Boden läge und nicht bloß ein Speichermedium sei, man will das Land mit Windrädern bepflastern, die Dächer mit Solarzellen decken und die Autos mit Biosprit fahren. Neue Industrien werden mit staatlichem Geld oder über staatlich verordnete Preise hochgezogen, um diese Bedürfnisse zu befriedigen, aber im Endeffekt zahlt immer der Bürger die Zeche.

Ich will den grünen Politikern wirklich nicht unterstellen, dass sie sich Pfründe verschaffen wollen. Sie sind gemeinhin Idealisten, die das Klima retten und ihre Mandate halten wollen. Das ist achtenswert. Das Geld verdienen andere. Aloys Wobben hat in seiner Firma Enercon mit Windrädern ein Vermögen gemacht, das auf 4,8 Milliarden Euro geschätzt wird. Für Windräder gibt es nämlich einen reißenden Absatz, nachdem die Politik im Jahr 2000 das Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien in Kraft gesetzt hat. Danach mussten die Energieversorger für Windstrom 80 Prozent mehr als für normal erzeugten Strom zahlen, obwohl er wetterbedingt sehr unregelmäßig fließt und auf dem Großhandelsmarkt für Strom wie saures Bier weiterverkauft wird. Für Sonnenstrom, der gerade dann nicht zur Verfügung steht, wenn man das Licht anknipsen will, muss sogar mehr als das Zehnfache gezahlt werden. Im Durchschnitt über alle alternativen Energieträger ist der grüne Strom für die Energieversorger mehr als doppelt so teuer wie normaler Strom, was bei den Herstellern Goldgräberstimmung erzeugt hat.

Dass der grüne Idealismus sich so gut mit dem Mammon versteht, ist für einen Ökonomen wie mich zwar nicht paradox, doch manch einer mag es so empfinden. Deutschland ist dreifacher Weltmeister bei grüner Energie. Bei der Produktion von Biodiesel, Sonnenstrom und Windstrom liegen wir weit vor allen anderen Ländern dieser Erde. Beim Biodiesel und beim Sonnenstrom liegen die Marktanteile schon bei fast der Hälfte, beim Windstrom übersteigen sie ein Viertel. Die Lobby aus Automobilfirmen, die ihre Auflagen zur CO2-Drosselung abmildern wollen, und Bauern, die auf die neuen Gewinne durch den Anbau von Pflanzen zur Biospritgewinnung hoffen, paart sich mit dem ideologischen Interesse grüner Politiker und führt Deutschland auf einen einsamen Sonderweg. Nur der Alarmruf des ADAC, der darauf hinwies, dass bei Millionen von Autos durch das beigemischte Bioethanol die Dichtungen kaputtgehen würden, hat die Politik gezwungen, für einen Moment innezuhalten. Dass der Teller mit dem Tank im Wettbewerb steht, wenn man Energiepflanzen zum Autofahren statt zum Essen nimmt, war nicht das Thema. Es hätte aber das Thema sein sollen, denn die Hungerproteste in 37 Ländern der Welt, die im Jahr 2008 durch die hohen Nahrungsmittelpreise ausgelöst wurden, gehen auf das Konto der Biosprit-Freunde. Ethisch gemeinte Entscheidungen können unethische Folgen haben, auch dies ein Paradoxon.

Gleichzeitig scheren wir aus der internationalen Staatengemeinschaft aus, indem wir die Einzigen sind, die am Atomausstieg festhalten. Selbst die Schweden, die einstigen Vorreiter beim Kampf gegen die Atomkraft, sind hier zurückgerudert, und auf der ganzen Welt werden im großen Stil neue Atomkraftwerke gebaut. Beim G-8-Gipfel im japanischen Toyaka im Juli 2008 stand Deutschland mit seiner Forderung, die Klimaprobleme durch Windflügel und Solaranlagen lösen zu wollen, mutterseelenallein auf der Bühne. Unser Land spielt bei der Atomkraft den Geisterfahrer auf der Autobahn und findet es paradox, dass alle anderen in die falsche Richtung fahren. Für die Bürger, aber auch die Politik und die Wissenschaft stellt sich die Frage, ob der deutsche Kurs wirklich sinnvoll ist.

Wissen wir eigentlich, was wir tun? Oder ist das alles nur blinder Aktionismus zur Befriedigung einer neuen grünen Religiosität? Der Klimaschutz absorbiert mittlerweile so viel Kraft, und er drückt durch die horrenden Kosten den Lebensstandard der Deutschen in einem solchen Ausmaß, dass eine nüchterne ökonomische Nutzen-Kosten-Rechnung des Geschehens vonnöten ist, die über die gefühlsbetonte Semantik der öffentlichen Debatte hinausgeht. Es stellen sich viele Fragen. Ist das Klimaproblem wirklich so gravierend, dass energische Maßnahmen ergriffen werden müssen, oder sind die Deutschen dem Umweltwahn verfallen, wie der tschechische Präsident Václav Klaus vermutet? Und wenn, wofür vieles spricht, das Klimaproblem tatsächlich besteht: Welche Maßnahmen bringen am meisten in Relation zu ihren Kosten? Sollte man tatsächlich alles tun, was technisch möglich ist, oder sollte man seine Kräfte nicht lieber auf jene Maßnahmen konzentrieren, die in Relation zu dem Geld, das sie kosten, die größte Einsparung beim Ausstoß des gefährlichen Kohlendioxidgases versprechen? Sollten wir die Atom-Option nicht doch offenhalten, statt allein auf die regenerativen Energiequellen zu setzen?

Die entscheidende Frage ist aber, ob wir Deutschen überhaupt durch unsere Aktionen das Weltklima retten können. Die meisten denken: Wir sind zwar nur ein kleiner Teil der Menschheit, aber wir gehen mit gutem Beispiel voran und tun, was wir können. Wir wissen, dass das nicht reicht, aber es ist mehr als nichts. Je mehr andere Länder unserem Beispiel folgen, desto mehr wird im Endeffekt erreicht. Leider ist diese Sichtweise falsch. Erstens übersieht sie, dass Deutschland im Rahmen des Kioto-Abkommens in ein System des internationalen Emissionshandels für Kohlendioxid eingebunden wurde. Dieses System lässt jeglichen Effekt der deutschen Förderung grünen Stroms verpuffen, weil das, was wir an fossiler Energie einsparen, stattdessen anderswo konsumiert wird. Die Politik erzählt den Leuten, sie könnten mithelfen, das Klima zu retten, wenn sie den Stand-by-Modus ihres Fernsehgerätes deaktivieren oder Energiesparbirnen kaufen, doch in Wahrheit passiert nichts, außer dass wir dem Ausland die Emissionszertifikate verbilligen und dort Energieverschwendung ermuntern. Wenn in Deutschland die Kraftwerke ausgeschaltet werden, werden sie anderswo in Betrieb genommen, und zwar in einem Umfang, dass dort exakt so viel zusätzliches Kohlendioxid in die Luft geblasen wird, wie wir einsparen. Nicht eine Tonne Kohlendioxid wird wegen der deutschen Windflügel und fotovoltaischen Dächer weniger in die Luft geblasen, als es sonst der Fall gewesen wäre: ein Paradoxon, an dem sich die Politiker die Zähne ausbeißen werden.

Zweitens übersieht die zitierte Sichtweise, dass hinter dem Ausstoß von Treibhausgasen das Geschehen auf den Weltmärkten für fossile Brennstoffe steht. Die Treibhausgase, die wir in die Luft blasen, entstehen durch die Verbrennung von fossilen Beständen an Öl, Kohle und Gas, die vor vielen Millionen Jahren in der Erdkruste abgelagert wurden und nun Schritt für Schritt wieder aus der Erde herausgeholt werden. Was, wenn die Ölscheichs und all die anderen Anbieter fossiler Brennstoffe auf den Weltmärkten weiterhin so viele fossile Brennstoffe abbauen, wie sie es geplant hatten, bevor Deutschland und andere umweltbewusste Länder mit ihrer grünen Politik begannen? Sie sind ja nicht auf uns angewiesen, sondern können ihr Öl genauso gut den Chinesen und Amerikanern geben, denen der Klimaschutz ziemlich gleichgültig ist. Die Umweltsünder können sich sogar über billigere Preise freuen, die aus der geringeren Nachfrage der umweltfreundlichen Länder resultieren. Die Amerikaner fahren noch dickere Autos, und die Chinesen errichten noch mehr Schlote. Nichts, aber auch gar nichts ist dann für das Weltklima gewonnen. Ob wir das Klima retten, wird nicht von Angela Merkel, der EU-Kommission oder uns Verbrauchern bestimmt, sondern von den Eigentümern der fossilen Kohlenstoffvorräte in der Erde. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der venezolanische Präsident Hugo Chávez, die arabischen Ölscheichs und Putins Oligarchen sind die wahren Klimamacher. Sie bestimmen, wie schnell die Erderwärmung fortschreiten wird, und haben damit das Schicksal der Menschheit in der Hand.

Die Politiker glauben, wir könnten durch grüne Gesetze, die unsere Nachfrage nach fossilen Brennstoffen verringern, die Emissionen von Kohlendioxid reduzieren und so das Klima retten. Aber wie soll das bitte gehen? Mit unserer Energiesparpolitik können wir das weltweite Angebot an Kohlenstoff nicht aushebeln. Wir mindern lediglich partiell die Nachfrage und verringern dadurch den Anstieg der Weltmarktpreise, mehr nicht. Damit verschlimmern wir das Problem vermutlich noch. Immerhin müssen die vorhandenen Ressourcen irgendwann aus der Erde herausgeholt werden, wenn man sie verwerten will. Bedrohen wir die Ressourcenbesitzer mit einer immer grüner werdenden Politik, die ihnen das zukünftige Geschäft kaputt macht, kommen sie der Bedrohung zuvor und fördern ihre Bodenschätze nur noch schneller. Statt den Klimawandel zu bremsen, beschleunigen wir ihn. Das ist das grüne Paradoxon. Die Klimapolitik Deutschlands und der EU hat dem Problem des Angebots fossiler Brennstoffe bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die Hälfte des Marktgeschehens wird einfach aus der Klimadiskussion ausgeblendet. Man erlässt Hunderte von Verordnungen, Gesetzen und Förderprogrammen, die allesamt allein auf die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen abzielen, ohne das Angebot überhaupt nur einmal zu erwähnen. Kein Wunder, dass diese Politik bislang keinerlei sichtbaren Effekt auf die Entwicklung des Kohlendioxidausstoßes der Welt gehabt hat.

Gerade weil ich das Klimaproblem für eines der größten Probleme der Menschheit halte, bin ich über diese Ignoranz zutiefst beunruhigt. Alle beschriebenen Paradoxa lassen sich aufklären und verstehen. Wer die Paradoxa durchschaut, wird seine Illusionen verlieren und eine andere Klimapolitik betreiben, die mehr Chancen hat, die Welt vor dem Kollaps zu bewahren.

Hans-Werner Sinn
gilt als einer der einflussreichsten und international renommiertesten Volkswirte Deutschlands.Er ist Präsident des Ifo-Instituts und des International Institute of Public Finance, des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler

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