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Wie bei Münchhausen

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 03.03.2008, Nr. 10, S. 47

Die Gewerkschaften dürfen in der Tarifrunde nicht überziehen. Denn der Verteilungsspielraum ist über Jahrzehnte hinweg künstlich aufgebläht worden, sagt Hans-Werner Sinn.

Man kann es ja verstehen, dass die Gewerkschaften 2008 endlich wieder zulangen wollen: Sie waren einige Jahre lang tatsächlich bescheiden. Der rechnerische Verteilungsspielraum im Sinne einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik wurde in keinem der vergangenen sieben Jahre ausgenutzt. Wollten die Gewerkschaften den Rückstand im Jahr 2008 aufholen, so müssten sie im Schnitt eine Lohnerhöhung von etwa 6,5 Prozent anstreben. Falls sie indes eher an die Zukunft denken und sich darauf beschränken, die derzeitige Verteilungsposition der Arbeitnehmer zu verteidigen, dürften sie nur etwa 2,3 Prozent verlangen. So groß ist die für das Jahr 2008 prognostizierte Summe aus dem Zuwachs der Stundenproduktivität (1,0 Prozent) und dem Anstieg des Preisindex für das Bruttoinlandsprodukt (1,3 Prozent).

Die bisherigen Abschlüsse und Forderungen lassen erwarten, dass eher ein Tarifabschluss in der Nähe der oberen genannten Zahl herauskommen wird. Die Lokführer haben elf Prozent durchgesetzt, was wegen der Verminderung der Arbeitszeit faktisch einer Erhöhung von 13,8 Prozent entspricht. Die Stahlindustrie hat gerade mit einem Plus von 5,2 Prozent abgeschlossen. Verdi fordert für den öffentlichen Dienst (Bund und Kommunen) 8,0 Prozent oder mindestens 200 Euro pro Monat mehr.

Vor allem der Abschluss der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) ist atemberaubend. Seit ÖTV-Chef Heinz Kluncker im Jahr 1974 einen Lohnzuwachs von elf Prozent durchsetzte, hat es so etwas in Deutschland nicht mehr gegeben. Der Abschluss ist aber zum Glück nicht repräsentativ, denn er gelang nur, weil sich die GDL aus dem Tarifverbund mit den anderen Bahngewerkschaften löste. Eine Minderheit von gerade einmal drei Prozent der Belegschaft hat ihre Machtposition hemmungslos ausgespielt. Dass berufsständische Gewerkschaften, die jede für sich stets nur einen kleinen Teil der Belegschaft vertreten, extreme Lohnsteigerungen durchsetzen, ist aus der ökonomischen Theorie und der Zeit des Niedergangs Großbritanniens in der Nachkriegszeit wohl bekannt. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hatte den Ultimaten der GDL nichts entgegenzusetzen, zumal auch der Verkehrsminister alles andere als ein neutraler Vermittler war.

Aber auch das Ergebnis bei der Stahlindustrie und die Forderungen von Verdi muss man kritisch sehen. Zwar ist es verständlich, dass die Gewerkschaften zur Aufholjagd blasen. Doch sollten sich alle Beteiligten genau überlegen, was sie aufs Spiel setzen. Gerade weil die Lohnpolitik der letzten Jahre durch einen Kurs der Bescheidenheit geprägt war, ist es Deutschland gelungen, endlich wieder mehr Beschäftigung zu schaffen. Seit den Zeiten von Willy Brandt ist dies der erste Konjunkturaufschwung, bei dem die Arbeitslosigkeit so weit zurückging, wie sie in der vorangehenden Flaute angestiegen war. Bislang hatte die Sockelarbeitslosigkeit von Boom zu Boom um 800 000 Personen zugenommen. Soll dieser Erfolg wirklich aufs Spiel gesetzt werden? Ist es vertretbar, zu alten Ritualen und damit zu dem verheerenden Trend zurückzukehren, der Deutschland jahrzehntelang gegeißelt hat?

Nur auf den ersten Blick sind die Löhne früher streng nach der Produktivitätsformel gestiegen. In Wahrheit haben sich die Gewerkschaften einen Rechenfehler zunutze gemacht. Die aggressive Lohnpolitik hatte nämlich zur Vernichtung schwächerer Betriebe und Produktionsprozesse geführt - und dadurch die gemessene Produktivität künstlich aufgebläht. Durch das Wegstreichen minderproduktiver Arbeitsplätze aus der Statistik entstand ein rechnerischer Produktivitätszuwachs, der keinerlei Verteilungsspielraum eröffnete, aber dennoch von den Gewerkschaften genutzt wurde, immer höhere Lohnforderungen zu stellen. Wie Münchhausen zogen sich die Gewerkschaften am eigenen Schopf empor, während der Sozialstaat die Kollateralschäden dieser Politik in Form wachsender Soziallasten zu tragen hatte.

Das Ausmaß des Rechenfehlers war riesig: Von 1970 bis 2000 stieg die gemessene Arbeitsproduktivität Westdeutschlands um durchschnittlich 2,6 Prozent pro Jahr, der westdeutsche Preisindex des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nahm um 3,1 Prozent zu. Das ergab rechnerisch einen Verteilungsspielraum von 5,9 Prozent pro Jahr - was die tatsächliche Zunahme der Lohnkosten je Arbeitnehmerstunde in Höhe von 5,8 Prozent pro Jahr zu rechtfertigen schien. In Wahrheit lag aber der Zuwachs des nominalen BIP relativ zu der Stundenzahl, die sich ohne eine Zunahme der Arbeitslosigkeit und ohne eine Verringerung der Wochenarbeitszeit ergeben hätte, nur bei 4,6 Prozent pro Jahr. Die Folge: Die Lohnkosten sind deshalb über 30 Jahre hinweg um 42 Prozent über das Niveau hinausgeschossen, das sich ergeben hätte, wenn man die Nullproduktivität der Arbeitslosen und der nicht mehr geleisteten Arbeitsstunden bei der Produktivitätsberechnung mit berücksichtigt hätte. Nur vom Jahr 2000 an bis heute trat der Rechenfehler nicht mehr auf, weil in dieser Zeitspanne das Beschäftigungsvolumen kaum mehr abnahm.

Die Konsequenz der maßlosen Lohnabschlüsse zwischen 1970 und 2000 war, dass die westdeutschen Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe am Ende dieses Zeitraums praktisch die höchsten der Welt waren. Danach hat sich die Situation zwar wieder etwas entspannt. Aber noch immer liegt Deutschland an dritter Stelle aller Länder und mit großem Abstand an erster Stelle unter den größeren Industrieländern. Das alles zeigt, dass die Gewerkschaften gut beraten sind, bei den Lohnrunden dieses Jahres auf eine Vergangenheitsbewältigung zu verzichten.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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