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Erfolgreiche Grundschule

Presseartikel von Ludger Wößmann, Frankfurter Rundschau, 03.12.2007, Nr. 281, S. 12

Experte Ludger Wößmann fordert längeres gemeinsames Lernen

Die Grundschüler haben es uns wieder gezeigt: So schlecht sind wir nicht! Die Iglu-Leseleistungen haben sich gegenüber dem schon guten Niveau von vor fünf Jahren noch einmal ordentlich verbessert und sind nicht mehr weit von der Weltspitze. Die Abhängigkeit vom jeweiligen sozialen Hintergrund ist zwar relativ hoch - und das ist der Wermutstropfen - sie hat sich aber zumindest nicht verstärkt und ist im internationalen Vergleich noch längst nicht so ausgeprägt wie am Ende der Mittelstufe bei Pisa.

Wer ist dafür verantwortlich - Schüler, Lehrer, Eltern oder Politiker? Natürlich ist das erstmal ein Erfolg der Kinder, denen es zunehmend Spaß macht zu lesen. Vor allem haben sich aber auch die leseförderlichen Aktivitäten in den Elternhäusern verbessert wie in keinem anderen Land. Der Pisa- Schock hat die Eltern wachgerüttelt. Wir wissen jetzt: Grundlegende Basiskompetenzen wie das Lesen sind wichtig und wurden hierzulande viel zu lange vernachlässigt.

In den Elternhäusern beginnt sich das zu ändern. Bei den Unterrichtsmethoden der Lehrerinnen scheint sich auch ein wenig verbessert zu haben, auch wenn kreative und die Lernfreude anregende Unterrichtsgestaltung und individuelle Förderung immer noch eher die Ausnahme sind.

Am allerwenigsten aber darf sich die Schulpolitik auf die Schultern klopfen. Denn mal ganz ehrlich: Grundlegendes hat sich an unserem Schulsystem gerade bei den Grundschulen nicht wirklich getan. Dabei wäre das insbesondere für die Kinder, die eben nicht schon zu Hause ein bildungsanregendes Umfeld erfahren, überaus wichtig.

Darum müssen endlich die ideologischen Grabenkämpfe entlang der wohl gehegten, aber längst verstaubten linken und rechten Mythen aufhören. Die Fakten der internationalen Studien zeigen ganz klar: Die Vorstellung, ein integratives Schulsystem stehe im Widerspruch zu einer Leistungsausrichtung, ist eine Mär. Unser Schulsystem muss sich ganz konkret ändern. Der Staat muss klare Fernziele vorgeben und ihr Erreichen extern überprüfen, dann aber den Schulen die Möglichkeit geben, selbstständig die besten Wege zu diesen Zielen zu finden.

Um Innovation und Wettbewerb um die besten Konzepte ins System zubringen, müssen wir private Initiative nutzen und privat geleitete Schulen durch öffentliche Finanzierung für alle öffnen. Gerade Kinder aus bildungsfernen Schichten müssen schon in Kindergärten spielend zum Lernen angeregt werden.

Und schließlich hat uns Iglu ein weiteres Mal vor Augen geführt, wie ungerecht unsere auf der Welt einmalig frühe Aufteilung auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen ist. Kinder mit identischen Leistungen werden durch die frühe Entscheidung auf ganz unterschiedliche Pfade gestellt - nur, weil die einen aus einer Akademiker - und die anderen aus einer Arbeiterfamilie stammen. Das hat sich in den vergangenen fünf Jahren nur noch weiter verschärft. Wir müssen den Druck der unsinnig frühen Übertrittsentscheidung aus dem System nehmen. Iglu zeigt, dass die Grundschule, zumindest im Vergleich zum weiterführenden Schulsystem, ein „Erfolgsmodell" ist. Erfolgsmodelle sollte man ausbauen: Alle Schüler müssen länger zusammen lernen. Bei den Eltern hat Pisa als hilfreicher Schock gewirkt. Warm endlich löst sich auch bei den Bildungspolitiken der Schockzustand, um echte Reformen anzugehen?

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