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Bremsspuren

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 01.10.2007, Nr. 40, S. 198

Hans-Werner Sinn über die US-Hypothekenkrise und den Euro-Dollar-Kurs

Die Sub-prime-Mortgage-Krise hält die Finanzwelt in Atem. Die schon seit Mitte 2006 ansteigende Zahl der faulen Privatkredite der amerikanischen Hausbesitzer wird zu einer immer stärkeren Bedrohung für das amerikanische Bankensystem. Jeder sträubt sich, die hochverzinslichen, aber wenig gesicherten Pfandbriefe zu kaufen. Wer die Papiere hat, muss sie abwerten, was seine Bilanz in Schieflage bringt.

Die Angst vor faulen Krediten verbreitet sich über das gesamte Finanzsystem. Die Banken sind nicht einmal mehr bereit, untereinander kurzfristige Kredite zu vergeben. Durch die Globalisierung der Finanzmärkte überträgt sich die Finanzkrise in die Welt. IKB und Sachsen LB waren die ersten Opfer in Deutschland. In England gab es bei Northern Rock einen Bank-Run, der sogar den als Hardliner bekannten Zentralbankchef Mervyn King zum Nachgeben zwang.

Ein Glück, dass in Deutschland die Einlagen der Privatbanken praktisch unbegrenzt versichert sind. Ein Bank-Run ist hier deshalb nicht möglich. Auch sind deutsche Pfandbriefe etwas grundsätzlich anderes als die amerikanischen Pfandbriefe, weil die Banken hierzulande sehr viel niedrigere Beleihungsgrenzen ziehen. Die langfristigen Festzinskredite für Immobilien, die bei uns üblich sind,verhindern Privatkonkurse. Das alles kommt uns jetzt zugute.

Dennoch kann die deutsche Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden. Zum einen könnten noch mehr deutsche Kreditinstitute, die ihr Geld auf dem amerikanischen Immobilienmarkt angelegt haben, in Schwierigkeiten kommen. Deutschland hat extrem viel Geld im Ausland angelegt. Allein im Jahr 2006 wurden netto etwa 124 Milliarden Euro oder 62 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse außerhalb Deutschlands investiert. Nicht immer handelte es sich dabei um sichere Investitionen. Zum anderen könnte die US-Konjunktur kippen, was sich dann negativ auf den Rest der Welt und auch Deutschland auswirken würde. Immerhin ging acht der letzten zehn Rezessionen der USA eine Immobilienkrise voraus. Der ifo-Index fiel vergangene Woche zum vierten Mal hintereinander. Erste konjunkturelle Bremsspuren sind sichtbar. Die Wirtschaftsforschungsinstitute werden dazu in ihrer Gemeinschaftsdiagnose Mitte Oktober sicher etwas sagen.

Die amerikanische Zentralbank hat die Zeichen der Zeit erkannt und ihren Zins gleich um 50 Basispunkte gesenkt. Der überraschende Umfang der Senkung kann sowohl als Zeichen von Entschlossenheit als auch von Nervosität gedeutet werden. Auf jeden Fall ist er ein Signal, dass die Fed die Krise ernst nimmt.

Dazu besteht in der Tat Anlass. Die amerikanischen Hauspreise, die seit 1990 kontinuierlich angestiegen sind, nahmen im vergangenen Jahr nur noch wenig zu und stagnieren seit Jahresbeginn. Nach Meinung mancher Beobachter sind sie inzwischen sogar schon rückläufig. Damit versiegt eine der wesentlichen Quellen des Konsumbooms in den USA. Die amerikanischen Haushalte haben in den vergangenen Jahren kaum gespart und sich stattdessen auf die implizite Ersparnis durch den Anstieg der Immobilienpreise verlassen. Das geht jetzt nicht mehr. Wer Vermögen bilden will, muss wieder Konsumverzicht leisten, und Konsumverzicht ist schlecht für die Konjunktur.

Zum Konsumverzicht tritt der Rückgang der Nachfrage nach Bauleistungen hinzu. Seit dem Beginn des Jahres 2006 ist der private Wohnbau in den USA um ein Fünftel gefallen, was einen eineinhalb Jahrzehnte währenden Aufwärtstrend abrupt abgebrochen hat. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Noch befindet sich der Wohnungsbau im freien Fall.

Zu diesen Problemen gesellt sich das Ungleichgewicht in der amerikanischen Leistungsbilanz hinzu. Die Bilanz ist seit Anfang der Neunzigerjahre immer stärker ins Defizit geraten, was einen entsprechenden Kapitalimport der USA implizierte, der mittlerweile bei knapp 800 Milliarden Dollar jährlich liegt. Zwar deutet Notenbankchef Ben Bernanke den Kapitalimport als Zeichen der Stärke der amerikanischen Wirtschaft und des Vertrauens der Kapitalanleger der Welt. Doch weisen viele Ökonomen schon seit Jahren darauf hin, dass die internationalen Kapitalanleger nicht auf Dauer bereit sein werden, ihr Portfolio Jahr um Jahr in dieser Größenordnung zugunsten amerikanischer Wertpapiere umzuschichten. Das Defizit der Leistungsbilanz beträgt inzwischen sechs Prozent des amerikanischen BIP und liegt damit auf dem höchsten Stand seit 1930. Selbst 1986, als die Notenbanken mit dem Plaza Agreement eine massive Intervention an den Devisenmärkten vereinbarten, betrug es nur vier Prozent des BIP.

Der Kursverfall des Dollar während der vergangenen Jahre war deshalb unvermeidlich. Der Dollar steht heute so niedrig, dass der Euro mit einem Kurs von deutlich mehr als 1,40 Dollar alle relevanten Kaufkraftparitäten überschreitet. Auf der Basis des amerikanischen Warenkorbs liegt die Parität bei 0,98 Dollar je Euro; die OECD-Kaufkraftparität, die einen durchschnittlichen Warenkorb benutzt, liegt bei 1,18 Dollar; und die Parität auf der Basis des deutschen Warenkorbs liegt bei 1,38 Euro.

Der Kurs ist zwar noch ein Stück von dem historischen Höchststand der D-Mark aus dem Jahr 1992 entfernt, der, wenn man ihn preisbereinigt in den Euro hochrechnet, bei etwa 1,60 Dollar liegt. Doch damals war die Anspannung so groß, dass das europäische Währungssystem zusammenbrach. Ein Glück, dass es heute den Euro gibt, so dass es wenigstens innerhalb von Europa nicht zu Währungsturbulenzen kommen kann. Der Euro beweist sich einmal mehr als Garant von Stabilität und Prosperität der europäischen Wirtschaft.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und einer der renommiertesten Ökonomen des Landes.

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