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Hart bleiben, Herr Mehdorn!

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, WirtschaftsWoche, 06.08.2007, Nr. 32, S. 134

Hans-Werner Sinn über den Arbeitskampf der Lokführer-Gewerkschaft

Die Auseinandersetzungen der Deutschen Bahn AG mit der Lokführergewerkschaft GDL nehmen an Schärfe zu. Anders als Transnet und GDBA, die beiden anderen großen Gewerkschaften, mit denen Bahnchef Hartmut Mehdorn zu tun hat, fühlt sich die GDL nicht an den Tarifabschluss vom 9. Juli gebunden und will mehr für ihre Leute herausholen. Rechtlich scheint sie damit durchzukommen. Ökonomisch wäre eine solche Entwicklung verheerend.

Sie wäre verheerend, weil Deutschland damit einen weiteren Schritt in die Richtung von Berufsstands-Gewerkschaften täte, wie sie früher in England die Arbeitsmärkte beherrschten. Legendär ist das Beispiel der Heizer, die überviele Jahre auf den Elektroloks mitfuhren und bezahlt werden mussten. Deutschland hatte gegenüber dem englischen System traditionell den großen Vorteil der Branchengewerkschaften, die alle Arbeitnehmer einer Branche gemeinsam vertreten, und konnte sein Wirtschaftswunder auch deshalb erleben.

Großbritannien siechte währenddessen dahin. Mitte der Siebzigerjahre erwirtschaftete das Land gerade noch die Hälfte des Pro-Kopf-Einkommens der Bundesrepublik Deutschland. Die Situation änderte sich erst, als Margaret Thatcher 1979 gewählt wurde und dann in erbitterten Kämpfen das britische Gewerkschaftssystem zerschlug. Inzwischen ist Deutschland zurückgefallen. Großbritannien hat Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen deutlich abgehängt, und die alten britischen Schwächen zeigen sich nun hierzulande. Das Verhalten der GDL lässt ungute Erinnerungen an die deutschen Fluglotsenstreiks oder die Ausstände der Krankenhausärzte wach werden.

Berufsstands-Gewerkschaften sind das Schlimmste, was einem Land auf dem Arbeitsmarkt passieren kann. Denn sie neigen zu solch aggressiven Lohnforderungen, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten der betroffenen Branchen so sehr abgebremst werden, dass selbst die Gewerkschaftsmitglieder in ihrer Gesamtheit den Schaden haben. Der Kuchen wird so klein, dass die Arbeitnehmer zusammen weniger bekommen, obwohl es ihnen gelingt, einen größeren Prozentsatz des Kuchens für sich zu reklamieren. Insofern hat Michael Sommer, der sich mit Verve gegen die Lokführergewerkschaft GDL wehrt, absolut Recht.

Der Grund dafür, dass sich die Gewerkschaften gegenseitig ins Fleisch schneiden: Die Konkurrenz von Gewerkschaften, die alternative Berufsstände derselben Branche vertreten, ist – in der Sprache der Ökonomen – eine Konkurrenz von Monopolen, die komplementäre Güter anbieten. Eine solche Konkurrenz funktioniert nach ganz anderen Regeln als die normale Konkurrenz, die sich zwischen den Anbietern von Substituten abspielt. Während letztere das Lebenselixier der Marktwirtschaft ist, hat erstere eher den Charakter eines Sargnagels. Die Konkurrenz zwischen Anbietern von Substituten tendiert dazu, die Preise zu senken und die am Markt verkauften Mengen zu erhöhen. Die Konkurrenz zwischen Anbietern von Komplementen tendiert hingegen dazu, die Preise zu erhöhen und die am Markt verkauften Mengen zu senken. Dieser Aspekt ist fundamental für das ökonomische Verständnis von Wettbewerbsprozessen. Dass er im deutschen Wettbewerbs- und Tarifrecht keinerlei Widerhall findet, steht dieser Aussage nicht entgegen.

Die Wirkungen der beiden Formen der Konkurrenz sind so unterschiedlich, weil Preisänderungen des einen Anbieters auf die jeweils anderen Anbieter entgegengesetzte Effekte ausüben. Bei einer normalen Konkurrenz zwischen Anbietern von Substituten freut sich der eine, wenn der andere seine Preise erhöht, weil ihm dann Kunden zuströmen oder er selbst die Preise erhöhen kann, ohne dass ihn das viel Absatz kostet. Bei der Konkurrenz zwischen Anbietern von Komplementen ist es umgekehrt. Hier freut sich der eine, wenn der andere seine Preise senkt, denn nun kann er seine Preise ohne Schaden für den Absatz erhöhen.

Die Unterschiedlichkeit der Effekte zwischen den Anbietern impliziert, dass im Falle der Konkurrenz ganz unterschiedliche Marktgleichgewichte zustande kommen. Die Konkurrenz bei Substituten führt zu niedrigeren Preisen und größeren Mengen als im Fall des Gesamtmonopols, die Konkurrenz bei Komplementen führt dagegen zu höheren Preisen und kleineren Mengen. Wird die Konkurrenz durch ein Gesamtmonopol ersetzt, kommt es deshalb zu entgegengesetzten Preis- und Mengenreaktionen. Zwar führt der Zusammenschluss immer dazu, dass der gemeinsame Gewinn maximiert wird, weil die Anbieter mehr von dem tun, was sie gegenseitig erfreut. Doch im Fall der Substitute heißt das steigende und im Fall der Komplemente fallende Preise.

Ein Monopol ist bekanntlich nicht gut für eine Marktwirtschaft. Noch schlimmer ist eine Kette von Monopolen, die komplementäre Güter anbieten. Sie hat solch katastrophale Auswirkungen, dass ein Gesamtmonopol aller Glieder der Kette im Vergleich dazu die bessere Lösung darstellt, und zwar sowohl für die Anbieter als auch für ihre Kunden.

Das gilt für die Arbeitsmärkte genauso wie für die Gütermärkte. Eine Monopolgewerkschaft, die alle Eisenbahner gemeinsam vertritt, wird niedrigere Löhne vereinbaren, als es bei unabhängigen Verhandlungen von Berufsstands- Gewerkschaften erwartet werden kann. Sie wird auf diese Weise den Arbeitnehmern aber nicht schaden, denn sie ist in der Lage, mehr Beschäftigung und ein größeres Gesamteinkommen für die Arbeitnehmer zu realisieren. Dass davon auch die Bahn mitsamt ihren Kunden profitiert, kommt erfreulicherweise hinzu. Also: Hart bleiben, Herr Mehdorn!

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und einer der renommiertesten Ökonomen des Landes

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