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Die Logik der Scheichs

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Die Welt, 09.07.2007, Nr. 157, S. 6

Die acht reichsten Länder der Welt haben in Heiligendamm versprochen, eine Halbierung ihrer CO2-Emissionen bis 2050 „ernsthaft in Betracht zu ziehen“. Eine große Zahl wichtiger Länder blieb außen vor. Sicher, China, Indien, Brasilien, Südafrika und Mexiko haben sich den G8 angeschlossen; doch waren viele andere Länder, darunter die asiatischen Tigerstaaten und die meisten europäischen Länder, trotz ihres großen Beitrags zur Verschmutzung der Atmosphäre nicht an den Vereinbarungen beteiligt. Darüber hinaus waren die Ölscheichs und andere Produzenten fossiler Brennstoffe, die letztlich darüber entscheiden, wie viel Kohlenstoff in die Atmosphäre gepumpt wird, nicht da.

Viele Menschen meinen, dass die Gesamtmenge der CO2-Emissionen das Ergebnis unabhängiger Entscheidungen in den einzelnen Ländern ist. Wenn eine Gruppe von Ländern beschließt, ihre Emissionen zu reduzieren, nehmen die weltweiten Emissionen um die Summe der Reduktionen dieser Länder ab, so die Vermutung. Leider nicht. Falls einzelne Länder beschließen, ihre Emissionen zu senken, müssen sie ihren Verbrauch fossiler Brennstoffe, insbesondere den Verbrauch von Öl, reduzieren. Dies führt zu einer Senkung des Weltmarktpreises für diese Brennstoffe und veranlasst andere Länder, mehr zu verbrauchen, als sie es sonst getan hätten. Länder, die ihre Emissionen senken, subventionieren somit nur das Wachstum ihrer Wettbewerber, ohne dabei das Tempo der globalen Erwärmung zu reduzieren.

Die Vorreiter beim Klimaschutz würden das CO2-Problem nur dann abmildern, wenn sie erreichen könnten, dass ein Teil der nicht von ihnen verbrauchten fossilen Ressourcen unter der Erde verbleibt. Sie müssten es schaffen, die Ölscheichs und andere Produzenten fossiler Brennstoffe dazu zu bewegen, ihre Förderung zu drosseln. Was aber, wenn sie das nicht schaffen? Dann muss der Ölpreis so weit fallen, bis die nicht beteiligten Länder genau so viel Brennstoff mehr konsumieren, wie die Vorreiter im Klimaschutz weniger verbrauchen. Die Nettoauswirkungen der Sparanstrengungen von Ländern wie Deutschland auf die Gesamtmenge der CO2-Emissionen sind null.

Werden die Ölscheichs ihre Förderung fossiler Brennstoffe drosseln, wenn einige Verbraucherländer ihre Nachfrage einschränken und den Marktpreis für diese Brennstoffe verringern? Anbieter fahren ihre Produktion meistens herunter, wenn der Preis fällt. Aber die Scheichs sitzen auf einer festen Menge Öl. Falls sie das Öl heute nicht fördern, müssen sie es, sofern sie nicht auf Gewinne verzichten wollen, in der Zukunft tun. Bestenfalls lässt sich der Zeitpfad der Förderung in die Zukunft verschieben. Dies würde das CO2-Problem zwar nicht lösen, doch würde es die Katastrophe hinausschieben.

Die Ölscheichs werden ihre Fördermengen indes nur dann in die Zukunft verschieben, wenn sie vermuten, dass der Nachfragerückgang der Unterzeichnerländer und der sich hieraus ergebende Preisrückgang heute stärker sind als in der Zukunft. Eine solche Vermutung ist nicht plausibel. Den Scheichs dürfte vielmehr bewusst sein, dass sich die Ängste in Bezug auf die globale Erwärmung mit der Zeit noch verstärken werden. Statt die Produktion zu verringern, werden sie sie daher ausweiten, um kein Öl verkaufen zu müssen, wenn die Angst wegen des CO* kulminiert und künstliche Maßnahmen der Unterzeichnerländer zur Senkung ihres Verbrauchs den Ölpreis besonders stark dämpfen. Eine grüne Politik, die im Laufe der Zeit an Macht gewinnt, wird also paradoxerweise die globale Erwärmung eher beschleunigen als abmildern.

Es ergeben sich zwei Lehren: Erstens müssen alle Verschmutzer mit am Verhandlungstisch sitzen und angehalten werden, sich an der Reduzierung der Verschmutzungsmengen zu beteiligen. Die Zusagen einzelner Länder wie etwa Deutschlands, überproportionale Beiträge zur Reduktion der C02-Mengen zu leisten, sind nutzlos. Deutschland wird von 1990 bis 2012 bereits drei Viertel der Gesamtreduktion der CO2-Emissionen beigetragen haben, zu denen die EU sich im Kyoto-Protokoll verpflichtet hat. Eine solche Politik subventioniert lediglich die CO2-Emissionen der übrigen Verschmutzer. Sie leistet keinen nennenswerten Beitrag zur Verlangsamung der Erderwärmung.

Zweitens, und dies ist das eigentliche Problem, muss man die Ölscheichs und sonstigen Produzenten fossiler Brennstoffe überreden, ihre Förderpläne zurückzustellen oder, besser noch, einige ihrer Ressourcen gar nicht zu fördern. Die beste Politik gegen die globale Erwärmung ist es, dafür zu sorgen, dass das CO2 in den fossilen Ressourcen tief unten in der Erde gebunden bleibt.

Der Autor ist Professor für Nationalökonomie und Finazwissenschaft und Präsident des Ifo-Institut

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