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Metropole des Geistes

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Süddeutsche Zeitung, 30.10.2006, S. 56

... und der ausgewogenen Proportionen

Von Hans-Werner Sinn

München ist eine aufstrebende Metropole des Geistes. Zwei der drei deutschen Eliteuniversitäten befinden sich hier. Die besten Fakultäten Deutschlands haben sich in dieser Stadt versammelt. Die naturwissenschaftlichen Fakultäten von LMU und TU genießen weltweite Anerkennung. Aber auch die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften können sich sehen lassen. Dass sich unter ihnen die volkswirtschaftliche Fakultät der LMU befindet, die kürzlich beim Handelsblatt-Ranking zum Forschungsoutput den ersten Platz in Deutschland belegt hat, sollte in einem Text, der von einem Volkswirt stammt, nicht unerwähnt bleiben; auch nicht, dass das ifo Institut in der letzten Evaluierungsrunde der Leibniz-Gemeinschaft bei weitem am besten abschnitt und mit seinem CESifo-Forschernetzwerk zum wichtigsten Treffpunkt der volkswirtschaftlichen Forschung in Europa geworden ist.

Und in München wird produziert. Am Nordring spürt man die hektischen Vibrationen der Pressen, die Mühe haben, die Nachfrage nach den Limousinen von BMW zu befriedigen. Die kraftstrotzende MAN, die gerade versucht, den schwedischen Konkurrenten Scania zu übernehmen, baut ihre Fahrzeuge nach wie vor in München. Und Knorr-Bremse, weltweit führender Hersteller von Bremssystemen, hält der Stadt mit den Endstufen seiner Produktion noch immer die Treue. Aber bei diesen wie vielen weiteren Beispielen (Arri, Weltmarktführer bei Kino-Kameras, oder HAWE Hydraulik, international führender Spezialist bei der Produktion von Hydraulikkomponenten) handelt es sich um besonders innovative industrielle Spitzenprodukte, die nur mit viel geistigem Input entwickelt werden konnten.

München ist die Stadt der Zentralen, und nicht die Stadt der verlängerten Werkbänke. Nicht weniger als acht der 30 DAX-Unternehmen haben ihren Firmensitz hier, allen voran Siemens, das neben seiner Hauptverwaltung auch mit einer Vielzahl von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen in München vertreten ist. Zwar ist die HypoVereinsbank (HVB) aus dem DAX heraus gefallen, doch kam Linde nach der Umsiedlung der Firmenzentrale nach München gerade hinzu. Nach der Übernahme der britischen BOC ist Linde zum Weltmarktführer bei Industriegasen aufgestiegen.

Dass sich die Stadt gleich fünf große Kunst-Museen, das bedeutendste Technik-Museum Europas, zwei Opernhäuser sowie eine Vielzahl von Konzertsälen und Theatern leisten kann, spricht für die Interpretation als Metropole des Geistes. Berufe, die geistige Leistungen erfordern, werden von Menschen ausgeübt, die bereit sind, sich weiter zu bilden und Geld für den Konsum der schönen Künste auszugeben. Die Region Oberbayern ist eine der zehn einkommensstärksten Regionen Europas, und sie wächst am schnellsten von allen deutschen Regionen. Warum? Weil München dazu gehört, diese kräftigste und schönste aller großen deutschen Städte.

Paradoxerweise ist das hohe Wachstum auch durch Verzicht auf die Großmannssucht manch anderer europäischer Städte entstanden. Gerade weil man die Hochhäuser kappt und sich eine riesige Grünfläche leistet, die fast nahtlos vom Land bis ins Stadtzentrum führt, zieht München die hochwertigen Jobs an, die ein hohes Einkommen versprechen. Während Frankfurt seine Not hat, als Bankenplatz neben London zu bestehen, ist München mit Teilen der Swiss Re, der Münchener Rück und weiteren Gesellschaften die Weltzentrale der Rückversicherung. Und auch die Erstversicherer sind gut vertreten, wie die Allianz, Europas größte Versicherungsgesellschaft, beweist. Dabei stapelt die Münchener Rück tief im wahren Sinne des Wortes. Während man in Frankfurt ein Hochhaus gebaut hätte, hat sich die Münchener Rück in Schwabinger Villen versteckt, die durch ein unterirdisches Gangsystem verbunden sind.

Das ist es eben, was München so erfolgreich macht. Eine Stadt der ausgewogenen Proportionen, die den Geist nicht beleidigt, sondern ihm die Ruhe und Kraft bietet, die er braucht, um sich zu elitären Leistungen emporzuschwingen.

Professor Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München.

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