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Vom Ideal ganz weit entfernt

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Handelsblatt, 16.05.2006, S. 22

PRO & CONTRA Globalisierung: Ist Deutschland als Exportweltmeister der große Gewinner?

HANS-WERNER SINN Eine gut funktionierende, kapitalreiche Wirtschaft würde auf die internationale Niedriglohnkonkurrenz, die sich durch die Globalisierung verstärkt hat, in mancherlei Hinsicht so reagieren, wie die deutsche Wirtschaft es tut. Sie würde die arbeitsintensiven Produkte durch Importe ersetzen und sich stärker auf die real- und humankapitalintensiven Zweige spezialisieren, um die dort hergestellten Güter zu exportieren. Außerdem würde sie die arbeitsintensiven Teile der Vorproduktketten ins Ausland verlagern, um sich auf die kundennäheren Endstufen der Produktion zu konzentrieren. Sie würde sich allmählich zur Basarökonomie wandeln.

Eine gut funktionierende Wirtschaft würde bei diesen Entwicklungen aber nicht übertreiben. Da der Ersatz der arbeitsintensiven Binnensektoren und Vorproduktketten durch kapitalintensive Exportaktivitäten zu einer geringeren Nachfrage nach Arbeitskräften führt, käme es zu Lohnsenkungen. Diese würden alle Sektoren veranlassen, weniger kapitalintensive Produktionsverfahren zu wählen. Vor allem würden sie eine Bremse aktivieren, die den Strukturwandel verlangsamt. Aus beiden Gründen ließe sich die Arbeitslosigkeit vermeiden. Die ideale Wirtschaft wäre in der Lage, das Feintuning des Strukturwandels hinzubekommen.

Die deutsche Wirtschaft kommt dem Ideal aber nicht einmal nahe.

Eine weniger ideale Wirtschaft mit starren Löhnen reagiert ganz anders. Wenn die Löhne trotz Niedriglohnkonkurrenz starr bleiben, dann fehlt jegliche Bremse für den Strukturwandel. Zu viele arbeitsintensive Binnenbranchen gehen kaputt, zu viel Kapital und zu viele Talente werden in die kapitalintensiven Exportsektoren getrieben. Die Wertschöpfung in den Exportsektoren wird zu Lasten der Binnensektoren im Übermaß aufgebläht, und zugleich spezialisiert sich die Wirtschaft im Übermaß auf Basartätigkeiten. Die Arbeitslosigkeit steigt, und die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung von Exportsektoren und Binnensektoren zusammen genommen fällt oder wächst langsamer als in anderen Ländern.

Leider zeigt Deutschland alle Kennzeichen eines solcherart pathologisch überzogenen Strukturwandels, bei dem die durch Lohnsenkungen aktivierte Bremse fehlt. Einerseits ist Deutschland Vize-Weltmeister beim Export, wenn man die Dienstleistungen miteinbezieht, und Weltmeister beim Import touristischer Dienstleistungen. Andererseits wuchs das Land in den letzten zehn Jahren langsamer als jedes andere europäische Land, mit Ausnahme Italiens. Und die Arbeitslosigkeit stieg auf Rekordniveau, weil der Strukturwandel zerstörerisch war. Von einer Verbesserung der internationalen Arbeitsteilung kann leider keine Rede sein. Statt in bessere Verwendungen gingen die freigesetzten Industriearbeiter zum Sozialstaat.

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