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Beschleunigte Flucht

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 15.09.2005, 154

Hans-Werner Sinn über Investitionen und Vertrauen

Deutschland hatte in den letzten zehn Jahren, von 1995 bis 2005, die am langsamsten wachsende Wirtschaft der EU, und selbst Westdeutschland für sich genommen war Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum. Zugleich hat die Massenarbeitslosigkeit Dimensionen angenommen, die kaum noch beherrschbar sind, wie die fortwährende Verletzung der Maastricht-Kriterien zeigt.

Die meisten Stellen gehen beim Bau und in der Industrie verloren. Die Verluste in der Industrie sind besonders schlimm, denn die Industrie ist die Basis der deutschen Wirtschaft, der „glühende Kern“, wie Gabor Steingart es treffend formuliert hat. Der Kern kühlt sich in vielen westlichen Industrieländern etwas ab, aber er erkaltet hier schneller als anderswo. Nirgendwo nahm die Beschäftigung des verarbeitenden Gewerbes seit dem Fall des Kommunismus prozentual so stark ab wie in Deutschland.

Auch diese Schlusslichtposition hat wenig mit der deutschen Vereinigung zu tun, denn selbst Westdeutschland für sich genommen liegt beim Rückgang der Industriebeschäftigung an der zweitletzten Stelle aller entwickelten Länder dieser Erde. Trotz der Integration von rund 2 Millionen im ostdeutschen verarbeitenden Gewerbe beschäftigten Arbeitnehmern lag die gesamtdeutsche Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2004 um knapp eine Million Personen unter dem Niveau, das allein Westdeutschland vor der Vereinigung hatte. Die Industriebeschäftigung Deutschlands ist im freien Fall begriffen.

Der Abbau von Arbeitsplätzen war Anfang der neunziger Jahre besonders stark, beruhigte sich dann bis zum Jahr 2000 etwas und hat danach wieder an Fahrt gewonnen. Von 1995 bis 2004 sank die Industriebeschäftigung in Vollzeitäquivalenten gerechnet um 1,09 Millionen Stellen, ohne dass im Rest der Wirtschaft Ersatz gefunden worden wäre. Insgesamt fiel die deutsche Beschäftigung in dieser Zeit um 1,26 Millionen vollzeitäquivalente Stellen.

Arbeitsmarkt und Wachstum lahmen, weil die Investitionen ausbleiben. Die deutsche Nettoinvestitionsquote, also der Anteil der Nettoinvestitionen am Nettoinlandsprodukt, liegt nur noch bei knapp 3%. Das ist der mit Abstand niedrigste Wert aller OECD-Länder. Nirgendwo sonst haben sich die Investoren mit ähnlicher Entschiedenheit von ihrem Land abgewandt.

Gleichzeitig sparen die um ihren Arbeitsplatz fürchtenden Bürger. Die Banken schwimmen im Geld, das keiner haben will. Der Überschuss der Ersparnisse über die Investitionen, der durch den Leistungsbilanzüberschuss des Landes gemessen wird, fließt ins Ausland. Er liegt mit etwa 4% des Bruttoinlandsprodukts auf Rekordniveau. Die Wachstumskräfte verlagern sich anderswohin.

Das meiste Geld fließt als Finanzkapital ins Ausland. Wohin, ist angesichts der Querverflechtungen der internationalen Finanzmärkte nicht wirklich nachvollziehbar. Klarer sieht man bei den Direktinvestitionen, über die eine neue Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 7500 Unternehmen nun Aufschluss gibt. Die Direktinvestitionen konzentrieren sich heute vor allem auf die neuen EU-Beitrittsländer. Noch vor China, das auf 27% der Nennungen kommt, liegen diese Länder mit 43% an der Spitze der Zielländer der Unternehmen, die im Jahr 2005 im Ausland investieren. Erst nach China kommen die anderen EU-Länder, dann der Rest Osteuropas, dann Nordamerika.

Die Absetzbewegungen beschleunigen sich. 42% der auslandsaktiven Unternehmen nehmen in diesem Jahr mehr Auslandsinvestitionen in Angriff als im Vorjahr, nur 12% verringern ihre Auslandsinvestitionen. Mit 30 Prozentpunkten ist der Planungssaldo größer als je zuvor seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1999.

Je größer die Unternehmen sind, desto leichter fällt ihnen der Entschluss, im Ausland zu investieren. So wollen 69% der Unternehmen ab 1000 Mitarbeitern für 2005 neue Auslandsinvestitionen realisieren. Dennoch machen auch die kleineren Unternehmen mit. Aus der Klasse der Unternehmen zwischen 200 und 1000 Beschäftigten investiert immerhin jedes Zweite im Jahr 2005 im Ausland.

Unter den Motiven für die Auslandsinvestitionen stehen mit 40% der Nennungen Vertrieb und Kundendienst im Vordergrund. Doch bei den Produktionsverlagerungen rangiert das Motiv der Kostenersparnis mit 34% der Nennungen vor dem Motiv der Markterschließung, das von 26% der Unternehmen genannt wird.

Die Kosteneinsparung hilft den Unternehmen, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur weil sie immer größere Teile ihrer Vorproduktketten in ihr osteuropäisches Hinterland verlagern, um den hohen deutschen Löhnen auszuweichen, kann die deutsche Wirtschaft den Koreanern, den Chinesen und all den anderen Wettbewerbern die Stirn bieten. Deutsche Arbeitsplätze entstehen so aber meistens nicht. Nur 13% der Unternehmen, die im Ausland Arbeitsplätze schaffen, wollen ihren deutschen Personalbestand aufstocken. Die überwiegende Mehrheit, nämlich 60%, hält die inländische Beschäftigung trotz der Expansion im Ausland konstant, und 27% wollen die Beschäftigung im Inland sogar verringern, während sie sie im Ausland aufbauen. Von den Unternehmen, die im Ausland aus Kostengründen investieren, wollen gar nur 10% im Inland neue Stellen schaffen. 37% wollen statt dessen in Deutschland Arbeitnehmer entlassen. Die populäre These, dass Auslandsinvestitionen im Inland Stellen schaffen, weist der DIHT bei der Analyse seiner Ergebnisse weit von sich, und er hat wohl recht damit.

Wer auch immer die Wahl gewinnt: Dies ist das Thema, mit dem er sich wird beschäftigen müssen. Er wird Wege suchen müssen, die Investoren wieder an Deutschland zu interessieren und ihnen das Vertrauen zurückzugeben, das sie brauchen, um sich mit ihrem Vermögen an dieses Land zu binden. Wer diese Wege nicht findet, dem wird auch sonst nichts gelingen.

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