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"Der Seelen-Teuro"

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Süddeutsche Zeitung, 02.07.2002, 20

Forum: Bargeld-Einführung und die Inflation

Die Preise sind so stabil wie lange nicht mehr

Alle regen sich auf. Es gibt einen Aufruf zum Käuferstreik. Verbraucherschutzministerin Renate Künast hat einen "Anti-Teuro-Gipfel" veranstaltet. Auch der Kanzler teilt die Sorgen der Verbraucher. Es scheint, als ob die schlimmsten Befürchtungen wahr würden, dass die physische Einführung des Euro die Verbraucherpreise sprunghaft hat ansteigen lassen. Ist der Euro also ein Teuro?

Nein, das ist er nicht. Im Mai lag der Preisindex der Lebenshaltung in Deutschland um nur 1,1 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau, das ist der niedrigste Wert seit November 1999 (1,0 Prozent). Die Inflationsrate innerhalb Europas hatte im Mai mit 2,0 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat einen Wert, wie er auch direkt vor der Euro-Bargeldeinführung beobachtet werden konnte. Von einem Preisschub kann wahrlich keine Rede sein.

Ein Nicht-Ereignis

Richtig ist, dass die Einführung des Euro die Preise in Bewegung gebracht hat. Da viele Preislisten bei der zum Jahreswechsel erforderlichen Umstellung in Euro-Preise umgeschrieben werden mussten, sind ohnehin geplante Preisänderungen auf diesen Zeitpunkt konzentriert worden. Viele Preisänderungen wurden in der Erwartung der Umstellung aufgeschoben, andere wurden vorweggenommen. Dabei gingen die Anpassungen nicht nur nach oben. Beim Umschreiben der Preislisten sind auch viele aufgestaute Preissenkungen realisiert worden, und Preissenkungen, die erst noch für die Zukunft geplant waren, wurden vorweggenommen. So kam es, dass in der Summe nicht sehr viel passiert ist. Im Hinblick auf die Inflation war die Einführung des Euro ein Nicht-Ereignis.

Bei den Preiserhöhungen sticht insbesondere ein etwas rascherer Anstieg der Preise für lokale Dienstleistungen ins Auge. Diese Preise steigen ja regelmäßig schneller als die Preise für Industriegüter, weil die von der Industrie herüberschwappenden Lohnerhöhungen nicht durch entsprechende Produktivitätszuwächse wettgemacht werden können. Zum Zeitpunkt der Einführung des Euro gab es bei diesen Gütern einen kleinen Preisschub. Bei Nahrungsmitteln, die im Januar um 6,7 Prozent teurer als im Vorjahresmonat waren, schlug als Sondereffekt außerdem das strenge Winterwetter in den südeuropäischen Erntegebieten für Obst und Gemüse preistreibend zu Buche. Inzwischen hat sich aber auch hier die Preisentwicklung wieder beruhigt; im Mai war Gemüse um 8,4 Prozent billiger als vor einem Jahr. Die Preise für viele Industrieprodukte, insbesondere solche aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik, sind ebenfalls gefallen.

Die Computerpreise lagen im Mai 2002 um mehr als 17 Prozent unter den Preisen im Mai 2001. Der Nettoeffekt all dieser Einflussgrößen war unerheblich, wie die unbestechliche Statistik zeigt.

Das geringe Ausmaß der gemessenen Inflation ist umso bemerkenswerter, als zum ersten Januar dieses Jahres in Deutschland einige administrierte Preiserhöhungen wirksam wurden, zu denen die vierte Stufe der Ökosteuer und die Erhöhungen bei der Tabak- und Versicherungsteuer gehörten. Die Summe dieser Effekte kann mit 0,4 Prozent veranschlagt werden. Ohne die administrierten Preiserhöhungen hätte der Preisanstieg vorn Mai 2001 bis zum Mai 2002 nur 0,7 Prozent betragen.

So findet die Debatte um den "Teuro" im imaginären Raum der Psyche und der subjektiven Befindlichkeiten statt. Sie ist eine Mischung aus Wahlkampf und vorgezogenem Sommertheater, mehr nicht.

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn lehrt Volkswirtschaft an der Universität München und ist Präsident des Ifo-Instituts.

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