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Der Euro kostet Deutschland bis zu 90 Milliarden DM

Presseartikel von Hans-Wener Sinn, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.1997, 17

Mit der Währungsunion muß die Bundesbank ihre Geldschöpfungsgewinne an die Europäische Zentralbank abtreten / Von Hans-Werner Sinn

MÜNCHEN, 4. Juni. Im nächsten Jahr wird das Ende der D-Mark besiegelt und die Einführung des Euro beschlossen. Die Reputation, die Stabilität und das Vertrauen, die die D-Mark erworben hat, werden sich, so steht zu hoffen, auf den Euro übertragen und den alten Kontinent zu neuer Prosperität antreiben. Auch Deutschland wird letzthin von der stärkeren wirtschaftlichen Integration und der Ausschaltung spekulativer Wechselkursbewegungen profitieren.

Leider gibt es jedoch Wermutstropfen, die dem süßen Einheitsbrei einen bitteren Beigeschmack geben. Daß andere Länder Europas an der Prosperität teilhaben, die Deutschland unter dem Schutz der D-Mark erworben hat, muß jeder wollen, der es gut mit seinen Nachbarn meint. Stabilität, Reputation und Vertrauen sind gemeinsam nutzbare Güter, die wir großzügig austeilen können. Weniger Zustimmung kann indes der Gedanke finden, daß die Abschaffung der D-Mark mit einem echten Ressourcentransfer zu Lasten Deutschlands einhergehen sollte. Aber genau das ist der Fall. Deutschland wird durch die Währungsunion einen finanziellen Verlust in Milliardenhöhe erleiden.

Das Problem ist nicht, daß wir unsere Goldreserven verlieren könnten. Darum kümmert sich schon Finanzminister Waigel. Er tut gut dran, auf die Aufdeckung der stillen Reserven im Goldschatz zu drängen, denn wenn dieser Goldschatz der europäischen Zentralbank zu den jetzigen Buchwerten übergeben würde, dann würden die anderen Länder erhebliche Gewinne erzielen. Die Bewertung des Goldes ist nur ein kleines Problem, dessen Lösung schon in Sicht ist.

Das wahre Problem mit dem Euro ist die Abtretung der Geldschöpfungsgewinne der Bundesbank. Jede Notenbank macht Gewinn, indem sie Geld schöpft. Sie verkauft das neugedruckte Geld gegen verzinsliche Wertpapiere an den privaten Sektor. Die Zinseinnahmen sind die hauptsächliche Quelle des Notenbankgewinns, an dem sich die Finanzminister Jahr um Jahr von neuem erfreuen, und diese Zinseinnahmen werden nun mit dem Vertrag von Maastricht vergemeinschaftet.

Die Europäische Zentralbank gibt nämlich den Euro nicht umsonst heraus, sondern verkauft ihn gegen Hergabe des Wertpapierschatzes, den die Bundesbank in den fast fünfzig Jahren ihrer Existenz auf dem Weg der Geldschöpfung akkumuliert hat. Wenn der Sparer seine D-Mark in Euro umtauschen möchte, kann die Bundesbank diese D-Mark nicht an die Europäische Zentralbank weiterreichen und dafür Euro erwerben, denn die Europäische Zentralbank akzeptiert als Zahlungsmittel nur zinsbringende Anlagen. Auf den alten D-Mark-Banknoten, die bei der Umtauschaktion zurückfließen, bleibt die Bundesbank sitzen. Sie kann allenfalls ihre Büroräume damit heizen. Juristisch ist der Sachverhalt zwar insofern etwas subtiler, als die Bundesbank für das Recht zum Druck der Euro-Noten nur die Zinsen auf ihren Wertpapierschatz dauerhaft an die Gemeinschaft der Teilnehmerländer abtritt, aber ökonomisch ist die Sache klar. Mit der Einführung des Euro werden der Gemeinschaft der Teilnehmerländer Wertpapiere im Umfang von mehr als 310 Milliarden Mark gleichsam übereignet.

Natürlich bedeutet die Vergemeinschaftung nicht einen Nettoverlust der Bundesbank, denn als Eigner der europäischen Zentralbank erwirbt sie zugleich einen Anspruch gegen die Wertpapierschätze aller beteiligten Notenbanken. Leider ist dieser Anspruch aber viel kleiner als das, was die Bundesbank selbst einbringt. Der Anspruch der Bundesbank richtet sich nach der Größe des deutschen Sozialprodukts und der deutschen Bevölkerung und liegt, wenn alle EU-Länder mitmachen, derzeit bei etwa 25 Prozent. Der Beitrag der Bundesbank zum gemeinsamen Wertpapierschatz beträgt jedoch knapp 35 Prozent, denn so groß ist der Anteil der D-Mark-Geldmenge an der gemeinsamen Notenbankgeldmenge aller EU-Länder. 10 der 35 Prozentpunkte gehen verloren, was einem Nettovermögensverlust von insgesamt etwa 90 Milliarden DM oder 1100 DM je Kopf der deutschen Bevölkerung entspricht. Das also kostet der Euro.

Es gibt zwei wesentliche Gründe für die Höhe dieses Verlustes, und an dem einen läßt sich vielleicht noch etwas ändern. Der erste Grund liegt darin, daß die D-Mark hinter dem Dollar die zweitwichtigste internationale Reservewährung ist. Die D- Mark wird weltweit in den Portfolios der Banken und Firmen gehalten, und in Ost- und Südosteuropa ist sie eine wichtige Transaktionswährung geworden, mit der man auf der Straße einkaufen kann. Für den Rücktausch all der umlaufenden D-Mark- Bestände muß die Bundesbank Wertpapiere an die Gemeinschaft der Teilnehmerländer abtreten, wenn der Euro an die Stelle der D-Mark tritt. Der zweite Grund liegt in der großzügigen Bankenregulierung in einigen europäischen Ländern, zumal in den großen. Frankreich und England kennen keine oder nur geringe Mindestreserveverpflichtungen der Geschäftsbanken, und in Italien werden die Mindestreserven verzinst. Beides hält die Zinseinnahmen und damit das Vermögen der Zentralbanken dieser Länder in Grenzen.

Der zweite Grund läßt sich in der Europäischen Währungsunion noch abschwächen, wenn alle Länder ihre Mindestreservevorschriften harmonisieren. Falls alle Geschäftsbanken der Mitgliedsländer einheitlich eine unverzinsliche Zentralbankreserve von 2 Prozent ihrer Einlagen halten, was knapp unter dem jetzigen Durchschnitt von 2,5 Prozent liegt, reduziert sich der deutsche Vermögensverlust von 90 auf 64 Milliarden DM. Diese Reduktion kommt dadurch zustande, daß Deutschland nun weniger und Länder wie Frankreich, England und Italien mehr Wertpapiere in den Gemeinschaftstopf einbringen. Man kann auch sagen, daß ein Teil des deutschen Wertpapiervermögens der Vergemeinschaftung durch eine vorweggenommene Privatisierung zugunsten des Geschäftsbankensektors entgeht. Es liegt im deutschen Interesse, sich bei den Abschlußverhandlungen zum Maastrichter Vertrag für eine strikte Harmonisierung der Bankenregulierung einzusetzen.

Auch im Fall einer Harmonisierung der Bankenregulierung sind die deutschen Verluste erheblich, denn 64 Milliarden DM sind immerhin 782 DM je Kopf der deutschen Bevölkerung, also wahrlich kein Pappenstiel. Allein durch eine Begrenzung der Teilnehmerzahl an der Europäischen Währungsunion läßt sich eine weitere Eindämmung dieser Verluste erreichen. Die Tabelle informiert über die Umverteilungseffekte zwischen den europäischen Ländern bei alternativen Teilnehmerkonstellationen. Am glimpflichsten würden wir abschneiden, wenn sich die Währungsunion auf eine kleine Gruppe mit Österreich und den Niederlanden beschränken ließe. Der Verlust betrüge dann nur 5 Milliarden DM, wovon der Löwenanteil nach Holland flösse. Aber schon wenn der frankophone Block mit Belgien, Frankreich und Luxemburg beitritt, springen die Verluste auf 46 Milliarden. Das meiste Geld wandert in die Taschen der Franzosen, die insgesamt 51 Milliarden DM oder 876 DM je Kopf einstecken können.

Wenn die Gruppe der Teilnehmerländer auf die jetzigen EWS-Mitglieder erweitert wird, wenn also zusätzlich der "Club Med" mit Spanien, Italien und Portugal und außerdem Dänemark, Finnland und Irland beitreten, dann steigt der deutsche Verlust um weitere 7 auf insgesamt 53 Milliarden DM. Auch Italien gehört dann zu den großen Gewinnern mit einem Plus von bald 18 Milliarden DM, das aber durch ein spanisches Minus von 22 Milliarden DM aufgewogen wird.

Richtig teuer wird die Sache für Deutschland, wenn auch die Engländer, Schweden und Griechen mitmachen, denn dann kommt der schon erwähnte Verlust von 64 Milliarden DM zustande. Großbritannien allein kassiert 29 Milliarden und nimmt selbst den Franzosen einen Teil ihres Riesenhappens weg, der nun von 51 auf 39 Milliarden DM schrumpft. Immerhin, für die Franzosen und die Briten zusammengenommen, bleibt die ganze Sache ein tolles Geschäft. Der Nettotransfer von Deutschland an diese beiden Länder ist groß genug, um damit weitere vier Tunnel unter dem Ärmelkanal hindurchzuziehen.

Der Autor ist Wirtschaftswissenschaftler, hat den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft der Universität München inne und ist Leiter des Center for Economic Studies in München.

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