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„Ökonomen sind Weltverbesserer“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Südkurier, 15.10.2015, S. 6.

Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, spricht über die Griechenland-Krise, die VW-Affäre und über seine Pläne für den Ruhestand. Interview von Thomas Domjahn.

Herr Sinn, Sie gelten nicht gerade als Griechenland-Versteher. Können Sie sich noch erlauben, in Griechenland Urlaub zu machen?
Natürlich. Ich bin häufig in Griechenland und erläutere dort, warum der Weg, den man gewählt hat, falsch ist. Viele Griechen sind wie ich der Meinung, dass es für sie besser gewesen wäre, aus dem Euro auszutreten, nicht zuletzt der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis.

Warum ist ein Austritt aus der Euro- Zone aus Ihrer Sicht nach wie vor die beste Lösung für Griechenland?
Griechenland ist durch den Euro in eine inflationäre Kreditblase gekommen, die das Land zu teuer gemacht hat. Doch die Preise kann man nicht einfach senken. Die einzige Möglichkeit, wieder wettbewerbsfähige Preise zu bekommen, ist die Wiedereinführung und Abwertung der Drachme. Dann würden heimische Produkte verstärkt nachgefragt, weil sie im Vergleich zu ausländischen Produkten billiger würden. Zudem würden mehr Touristen ins Land kommen, weil der Urlaub für sie günstiger wird. Und drittens würde das Fluchtkapital zurückkehren, weil die Immobilien billiger würden. Die Erfahrung zeigt, dass eine Währungsabwertung die zuverlässigste wirtschaftspolitische Maßnahme ist, um eine schwächelnde Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Gilt das auch für ein Land, was so eine schwache Export-Wirtschaft hat wie Griechenland?
Ja. Die drei Argumente, die ich genannt habe, haben nichts mit der Exportindustrie zu tun. Der Effekt tritt über die Substitution von Importen ein. Die Griechen kaufen derzeit Tomaten in Holland und Olivenöl in Italien, und das obwohl die eigene Landwirtschaft viel Potential hätte. Das ist pervers.

Wie lange wird uns das Thema Griechenland noch beschäftigen?
Wir werden jetzt zweieinhalb Jahre Ruhe haben. Danach wird das Thema wieder hochkommen, da das Rettungspaket auf drei Jahre angelegt ist.

Wie viel Sorgen machen Sie sich noch um die anderen Krisenländer wie Spanien oder Portugal?
Da mache ich mir große Sorgen. In diesen Ländern haben wir die Krise nur unter den Teppich gekehrt. Durch Verschuldung können Sie immer einen Wirtschaftsboom erzeugen. Das ist wie wenn Sie krank sind und Valium nehmen. Das hilft erstmal, ist aber keine wirkliche Gesundung.

Ist die unterschiedliche Wirtschaftskraft zwischen Süd- und Nordeuropa eine Gefahr für Europa?
Ja und nein. Ein Problem ist es, wenn die Menschen den gleichen Lebensstandard haben wollen, obwohl sich die Wirtschaftskraft unterscheidet. Wenn sie sich mit dem begnügen, was sie selbst leisten, ist die unterschiedliche Wirtschaftskraft mit der gemeinsamen Währung kompatibel.

Schauen wir aufs Inland. Gefährdet die VW-Affäre den Ruf des Wirtschaftsstandorts Deutschland?
Ja. Man muss sich schämen bis zum Gehtnichtmehr. Ich hoffe, dass es Volkswagen gelingt, die betroffenen Autos zügig nachzurüsten. Und ich hoffe, dass die Strafzahlungen in den USA geringer ausfallen als befürchtet und dass das Unternehmen überlebt.

Das heißt die Existenz von Volkswagen steht auf dem Spiel?
Wenn die Strafen hoch ausfallen, könnte Volkswagen gezwungen sein, Teile seiner Unternehmensgruppe zu verkaufen. Bei den Strafzahlungen geht es nämlich um mehr als nur Schadensersatz. Gerade bei ausländischen Gesellschaften greifen die Amerikaner gnadenlos zu. Wenn der Prozess aus dem Ruder gerät, muss die Bundesregierung aktiv werden. Es ging bei den Grenzwerten im Kern darum, die amerikanische Autoindustrie vor Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen. Die Abgas-Grenzwerte wurden bewusst so niedrig angesetzt, um den europäischen Diesel-Motor aus dem eigenen Markt fernzuhalten. Da ging es nicht um Umweltpolitik, sondern um Handelspolitik. Wegen der Manipulationen mit Software, die die Testläufe erkennen, wurden auch schon US-Unternehmen bestraft. Das übersieht man jetzt gerne.

Wie wird sich die Manipulation mittelfristig auf die Geschäfte von Volkswagen und die gesamte deutsche Wirtschaft auswirken?
VW wird in den USA sehr lange ein Problem haben. Insgesamt wird auch die deutsche Wirtschaft unter der VW-Affäre leiden, denn die Sache wird von den US-Konkurrenten gewaltig aufgebauscht.

Sie haben gefordert, aufgrund des Flüchtlingstroms den gesetzlichen Mindestlohn auszusetzen. Warum?
Der flächendeckende Mindestlohn muss generell gesenkt oder abgeschafft werden, wenn man mehr gering Qualifizierte in den Arbeitsmarkt integrieren will. Wenn Lohnsenkungen durch den Mindestlohn verhindert werden, wird es nicht genug neue Stellen geben.

Wie groß wird die ökonomische Herausforderung durch die Flüchtlingsströme?
Jeder Flüchtling kostet 1000 bis 1200 Euro pro Monat, wenn er nicht arbeitet. Wenn er arbeitet, kann er sich einen Teil seines Lebensunterhalts selber verdienen, und dann wird es für uns billiger. Auch für die Integration in die Gesellschaft und den sozialen Frieden ist es unerlässlich, dass die Flüchtlinge eine Arbeit finden.

Könnte Deutschland langfristig von den Flüchtlingen profitieren, wenn der demografische Wandel durch die Zuwanderung abgemildert wird?
Der Flüchtlingstrom kann den Fachkräftemangel nicht auflösen. Wir brauchen zwar Zuwanderung, allerdings vor allem von gut qualifizierten Fachkräften, und die kommen eher nicht aus Syrien. Wir müssten uns die Einwanderer gezielt aussuchen über ein Punktesystem so wie in Kanada oder Österreich.

Sie gelten als einer der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Wieviel Einfluss hat man denn als deutscher Ökonom auf die Politik?
Wenig. Ökonomen gelten als Störenfriede. Man wird schnell in die rechte Ecke gestellt, wenn man auf Sachzwänge hinweist. Dabei sind Ökonomen von ihrem Selbstverständnis her Weltverbesserer. Wie ein Ingenieur eine Maschine verbessern will, wollen wir die Gesellschaft verbessern.

Das heißt, man braucht als Ökonom auch eine Portion Idealismus?
Auf jeden Fall. Wer nur sein eigenes Einkommen maximieren will, ist mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre besser beraten. Volkswirte schauen immer auf die gesamte Gesellschaft. Allerdings versuchen wir nicht, zu moralisieren, sondern haben einen sachlichen Zugang.

Der Info-Index gehört zu den wichtigsten Konjunkturindikatoren. Wie erklären Sie seinen Erfolg?
Vor allem seine Treffgenauigkeit spricht für den Index. Wir bekommen jeden Monat 7000 Rückmeldungen aus den verschiedensten Branchen in der deutschen Wirtschaft. Durch die Antworten der Unternehmen können wir relativ zuverlässig die Konjunktur in Deutschland und Europa vorhersagen.

Sie gehen im nächsten Jahr in den Ruhestand. Wie geht es dann weiter?
Ich habe dann meine Schuldigkeit getan und werde mich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Ich werde mich mehr meinem Privatleben widmen, aber trotzdem ein politisch und ökonomisch denkender Mensch bleiben.

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