Main Content

„Griechen leben weiter über ihre Verhältnisse“

Presseinterview mit Hans-Werner Sinn, Passauer Neue Nachrichten, 03.06.2015, S. 4.

„Grexit“ oder weitere Milliarden-Hilfen für Griechenland? Der Ökonom Prof. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts, rät zu einem vorübergehenden Euro-Austritt.

Wäre ein Euro-Austritt Griechenlands – der Grexit – eine Gefahr für Wirtschaft und Wachstum in Europa?

Hans-Werner Sinn: Die griechische Zentralbank hat in letzter Zeit jede Menge frisches Geld an die Banken ausgegeben. Und die haben es an die Bürger verliehen, die es jetzt in großem Stil ins Ausland überweisen. Dafür müssen im Zweifelsfall die Notenbanken in der Eurozone einstehen, denn eine Überweisung heißt, dass sie der griechischen Notenbank Kredit geben. Wenn Griechenland austritt, wird die griechische Zentralbank sofort pleite sein, aber viele griechische Bürger werden ihr Vermögen im Ausland in Sicherheit gebracht haben. Je mehr Kapitalflucht nach Europa von der griechischen Zentralbank vorfinanziert werden darf, desto stärker wird die Verhandlungsposition der Griechen.

Grexit oder neuer Rettungsversuch, wozu raten Sie?

Sinn: Es liegt im Interesse aller Beteiligten, wenn Griechenland ein sozialverträglicher Austritt ermöglicht wird. Ein temporärer Austritt mit einer späteren Rückkehrmöglichkeit wäre der richtige Weg. In dieser Zeit könnte Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung und Reformen wieder herstellen. Die griechische Bevölkerung würde wieder stärker heimische Produkte anstelle von Importwaren kaufen. Endlich kämen dann die Jugendlichen von der Straße. Mit ihrer angeblichen Rettungspolitik, die doch in Wahrheit nur der Vertuschung der Probleme diente, hat die Staatengemeinschaft schweren Schaden in Griechenland angerichtet, denn dadurch hat sie eine Selbstheilung verhindert. Es wird Zeit, dass man zur Besinnung kommt.

Wäre das Vertrauen in den Euro nicht beschädigt, wenn ein Land aus der Währungsunion austreten würde?

Sinn: Die Frage ist, wo mehr Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Euro-Systems verloren geht: beim Tolerieren ökonomisch unhaltbarer Zustände am Arbeitsmarkt oder beim Austritt? Wenn man Griechenland mit neuem Geld im Euro hält, wollen viele andere auch so behandelt werden. Dann verharrt ganz Südeuropa in einer Massenarbeitslosigkeit. Und teuer wird es auch. Griechenland hat bis jetzt 330 Milliarden Euro an Krediten der öffentlichen Hand erhalten. Das Risiko des deutschen Staates beläuft sich auf etwa 87 Milliarden Euro. Wollte man allen Krisenländern relativ zum BIP so viel Geld geben wie Griechenland, würde man über 5000 Milliarden Euro benötigen. Ich glaube, die meisten Bürger, die hier urteilen, kennen diese Zahlen gar nicht.

Kommt es bald zu einem dritten Milliarden-Hilfspaket? 

Sinn: Ja, das ist die wahrscheinlichste Variante. Man wird die geostrategischen Gründe in den Vordergrund stellen, weil niemand mehr weisgemacht werden kann, dass man das Land mit Geld wettbewerbsfähig machen kann. Die Gefahr, dass die Griechen mit Russland anbandeln, lässt sich aber auch dadurch klein halten, dass man Griechenland eine Rückkehroption gibt. Im Übrigen geht es ja nicht um den EU-Austritt, sondern nur um den Euro-Austritt. Es gibt viele EU-Länder, die nicht im Euro sind. Sollen wir sie jetzt alle in den Euro bringen aus Angst vor den Russen? Das wäre absurd.

Andere EU-Staaten haben ein geringeres Wohlstandsniveau als Griechenland, finanzieren aber die Hilfspakete mit. Ist das gerecht?

Sinn: Nein, sicher nicht. Das Rentenniveau in Griechenland ist sogar höher als in Deutschland. Es ist den Slowaken, den Slowenen, den Balten und all den anderen Euroländern, die mit deutlich weniger zurechtkommen müssen, schwer zu vermitteln, dass sie Griechenland dauerhaft stützen sollen. Der staatliche und private Konsum Griechenlands betrug noch im Jahr 2014 114 Prozent des Nettonationaleinkommens. Griechenland lebt weiter über seine Verhältnisse.

Interview: Rasmus Buchsteiner

Ihre Fragen und Kommentare

Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!

Pressekontakt

Harald Schultz

ifo Institut
Presse, Redaktion, Konferenzen
Telefon: +49(0)89/9224-1218
Fax: +49(0)89/9224-1267
E-Mail: schultz @ ifo.de
Website


Short URL: www.ifo.de/de/w/4RtNLhNWW