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“Deutschland holt auf”

Interview mit Hans-Werner Sinn, Handelsblatt, 21.05.2015, S. 8.

Der Ifo-Chef über den technologischen Wettlauf mit den USA und fehlendes Startkapital für Erfinder.

Vor dem 14. Munich Economic Summit des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) ist Hans-Werner Sinn stark beschäftigt. Das Gespräch führt er aus dem Auto heraus. Bei der Tagung dreht sich alles um die Innovationskraft von Firmen und Staaten. Das deutsche Handynetz zumindest ist gut in Schuss, Funklöcher gibt es keine. Es ist Sinns letzter Summit als Ifo-Chef: 2016 hört er auf, mit dann 68 Jahren.

Herr Sinn, Chemie, Maschinenbau, Autos: Es sind nicht gerade die großen Zukunftstechnologien, in denen die deutsche Wirtschaft stark ist.

Moment! Gerade diese Sektoren sind doch nach wie vor eminent wichtig. Deutschland liegt bei der Digitalisierung der Industrie mit vorn. Und die Autoindustrie war vor 15 Jahren totgesagt. Heute setzt sie Maßstäbe. Beim Bau der Golf-Karosserie setzt Volkswagen heute so viele Roboter ein wie Mitarbeiter.

Die IT-Wirtschaft aber ist in den USA!

Ja, das stimmt. Deutschland hat die technologische Revolution bei den Verbrennungsmotoren, bei der Elektrik und der Chemie dominiert. Bei der IT hatten wir zwar mit Zuse den ersten programmierbaren Rechner, doch später wurde das eindeutig die Domäne der USA. Aber wir holen im Industriebereich auf: Wenn es um die Verschmelzung von Hard- und Software geht, liegt Deutschland gut im Rennen. Und das ist die nächste Revolution.

Man sagt oft, Deutschland sei gut in der Grundlagenforschung, aber schlecht darin, Erfindungen auch profitabel an den Markt zu bringen.

Deutsche Erfindungen sind oft Erfindungen für Nischenmärkte. Inzwischen gibt es Tausende stille Stars, die die Weltmärkte erobert haben. Aber es stimmt schon: Wenn etwas fehlt in Deutschland, dann Risikokapital für junge Firmen.

Wir können also doch etwas lernen von den Amerikanern?

Ja. Dort finden Unternehmensgründer in jeder Lebensphase der Firma einen Investor, der Geld gibt. Die Versorgung ist lückenlos, von der Garage bis zum Aktienmarkt. Auch wenn die Berliner Start-up-Szene beeindruckende Dinge schafft, muss man sagen: Unser Markt für Risikokapital muss gestärkt werden.

Was kann die Politik ansonsten tun, um Innovationskraft zu fördern?

Sie muss den richtigen ordnungspolitischen Rahmen setzen und die Grundlagenforschung mitfinanzieren. Aber der Staat sollte bloß nicht selbst anfangen, unternehmerisch tätig zu werden. Bei Großprojekten wie der Ariane-Trägerrakete mag das sinnvoll sein, sonst meist nicht. Erinnern Sie sich noch an die europäische Suchmaschine Quaero, die Schröder und Chirac damals als Gemeinschaftsprojekt betrieben haben?

Nein...

Eben! Das hat überhaupt nicht funktioniert, das muss schon der Markt regeln. Und: Je größer dieser Markt ist, umso größer ist die Chance, mit innovativen Ideen zu landen.

Haben wir nicht schon einen gemeinsamen EU-Binnenmarkt?

Doch, aber es gibt in der Industrie noch zu viele nationale Standards und zu wenige internationale. Vor diesem Hintergrund ist auch das europäisch-amerikanische Handelsabkommen TTIP eine gute Sache. Aber auch bei den Standards muss der Staat eng mit der Industrie kooperieren, und man muss aufpassen, dass sie nicht als versteckte Industriepolitik missbraucht werden.

Wir sprechen immer über die Industrie. Werden langfristig nicht die Dienstleistungen entscheidend sein?

Nein. Nur wenn es um Dienstleistungen geht, die sich international verkaufen lassen - wie Software oder die Planungsarbeit für große Verkehrsanlagen. Aber sonst wird die Dynamik der Einkommen stets durch die Industrie vorgegeben. Großbritannien und Frankreich waren nicht schlau, dass sie ihre industrielle Basis in den letzten Jahrzehnten so haben verkommen lassen. In beiden Ländern ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes nur halb so groß wie in Deutschland. Und noch etwas: Wer bei der Digitalisierung der Industrie vorn dabei ist, kann auch den demografischen Wandel besser verkraften.

Wie das?

Der Einsatz von Robotern kann menschliche Arbeitskraft zunehmend ersetzen, bald auch im Haushalt. Hier sind die Japaner schon sehr viel weiter, die bekämpfen den demografischen Wandel durch Technologie. Aber dort ist die Überalterung ja auch besonders gravierend.

Die Fragen stellte Hans C. Müller.

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