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“Das Experiment ist gescheitert”

Presseinterview mit Hans-Werner Sinn, Focus, 20.06.2015, S. 31.

Die Rückkehr zur Drachme würde Griechenland mittelfristig aus der Krise helfen, glaubt Hans-Werner Sinn. Die Hilfskredite für Athen gibt der ifo-Chef verloren.

Herr Professor Sinn, wie viel Geld hat Griechenland den deutschen Steuerzahler bislang gekostet?

Das könnten bis zu 87 Milliarden Euro sein, denn Griechenland ist insolvent, wie sein Finanzminister erklärt hat. Die Summe misst das, was der deutsche Staat griechischen Instanzen direkt oder indirekt über die Notenbank geliehen hat. Verbucht ist aber noch nichts, denn noch wird in den Büchern die Illusion einer Rückzahlung aufrechterhalten. Vielleicht wird man einen Teil dieser Summe wieder zurückbekommen. Sicherlich ist es nur ein kleiner Teil.

Gab es weitere Nachteile zu Lasten Deutschlands durch die Euro-Krise?

Ja, denn die Niedrigzinspolitik belastet die Anleger. Es gab bis jetzt schon gewaltige Zinskosten.

Der deutsche Finanzminister profitiert aber davon, weil er für Kredite kaum noch Zinsen zahlen muss.

Das stimmt, aber Deutschland insgesamt, also der Staat und der private Sektor, sind ja nicht Schuldner, sondern Gläubiger, übrigens nach China der zweitgrößte Nettogläubiger der Welt. Und ein Gläubiger, also jemand, der per saldo Geld verleiht, verliert, wenn die Zinsen auf fast null gesenkt werden, wohingegen der Schuldner gewinnt.

Wie viel Geld würde die deutsche Wirtschaft bei einem Grexit verlieren?

Es gibt keine validen Zahlen, aber die Außenstände der deutschen Wirtschaft in Griechenland sind nicht mehr sehr hoch, weil sich die meisten Investoren in den fünf letzten Krisenjahren zurückgezogen haben. An ihrer Stelle sind öffentliche Kredite geflossen.

Was ist teurer - Griechenland im Euro zu halten oder das Land gehen zu lassen?

Wenn Griechenland im Euro bleibt, ist das Land nicht wettbewerbsfähig, also müssen immer wieder neue Kredite hinzukommen, um den Lebensstandard der Griechen auch weiterhin zu finanzieren. Die Schulden Griechenlands sind in den letzten fünf Jahren auf heute 330 Milliarden Euro gewachsen. Geholfen hat das nichts, die Arbeitslosigkeit stieg im gleichen Zeitraum von elf auf 26 Prozent. Das Experiment ist gescheitert. Tritt Griechenland aber aus dem Euro aus und führt die Drachme wieder ein, würden die Preise fallen und die Wettbewerbsfähigkeit würde verbessert. Es gäbe Außenhandelsüberschüsse. Das Land könnte dann nicht nur auf eigenen Beinen stehen, sondern vielleicht Teile seiner Schulden tilgen.

Um wie viel würde die Drachme zum Euro abwerten?

Das ist schwer zu prognostizieren, aber die Drachme würde nach allgemeiner Vermutung im Verhältnis zum Euro mindestens 50 Prozent abwerten. Die in Griechenland produzierten Waren würden billiger, die Importwaren hingegen teurer. Die Leute würden deshalb wieder einheimische Ware kaufen, und die Wirtschaft käme wieder in Schwung. Nach ein, zwei schwierigen Anpassungsjahren gäbe es eine gute Chance für Griechenland, sich wieder zu erholen.

Interview: Daniel Goffart

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