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„Den Griechen hilft nur noch die Drachme“

Interview mit Hans-Werner Sinn, bild.de, 16.02.2015.

Woche der Entscheidung für Griechenland: Heute kommen die Finanzminister der 19 Euro-Staaten in Brüssel zusammen, um noch einmal über neue Hilfen und Spar-Erleichterungen für Athen zu beraten. Von Henrik Jeimke-Karge und J.W. Schäfer

BILD fragte den Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts, Prof. Hans-Werner Sinn (66): Kann Griechenland überhaupt noch im Euro bleiben – oder muss es raus?

Hans-Werner Sinn: „Die neue griechische Regierung pokert hoch. Sie will neue Hilfsmilliarden, obwohl der Finanzminister bereits gesagt hat: Wir sind pleite. Ich glaube, ein Austritt ist besser für die griechische Bevölkerung.“

Den will Ministerpräsident Alexis Tsipraa aber vermeiden.

Sinn: „Athen bereitet vermutlich im Geheimen den Plan B vor. Vor genau fünf Jahren wurde schon einmal der Grexit diskutiert. Damals lag der Bestand der Rettungskredite, die Griechenland bekommen hatte, bei 50 Milliarden Euro. Heute beträgt er gut 250 Milliarden Euro, immer inklusive der EZB-Kredite gerechnet. Doch ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch. Diese Strategie hat offenbar nicht funktioniert, denn Griechenland wird durch sie nicht wettbewerbsfähig.“

Auf wie viel müssten wir verzichten? Die Hälfte der 250 Milliarden Euro?

Sinn: „Deutschland ist nicht allein betroffen. Es würde bei einem Totalausfall des griechischen Staates und der Banken knapp 80 Milliarden Euro verlieren, egal ob das Land im Euro bleibt oder austritt. Der Totalausfall ist aber unwahrscheinlich.“

Warum ist Griechenland nicht wettbewerbsfähig?

Sinn: „Als Griechenlands Beitritt wahrscheinlicher wurde, fielen die Zinsen von 25 auf 5 Prozent. Das war eine unwiderstehliche Verlockung für den Staat. Er nahm Kredite auf, um die Löhne zu erhöhen, weit schneller, als die Produktivität der Wirtschaft. Die Folge war eine extreme Inflation, die das Land seiner Wettbewerbsfähigkeit beraubte. Jetzt hilft nur noch die Drachme. Sie würde abwerten und das Land im Nu wieder fit machen.“

Warum?

Sinn: „Die Touristen kämen dank der günstigeren Preise zurück. Die Griechen würden weniger Nahrungsmittel importieren und wieder bei ihren eigenen Bauern kaufen. Die würden viele Leute einstellen. Zudem würden die reichen Griechen wieder in ihrer Heimat investieren und einen Bauboom auslösen. Vielleicht käme sogar die ehemals starke Baumwollindustrie zurück. Im Übergang sollte man Griechenland beim Import sensitiver Produkte helfen, doch schon nach ein bis drei Jahren würde sich das Blatt wenden, und die Arbeitslosigkeit ginge zurück. Später könnte Griechenland dann auch wieder in den Euro zurück.“

Ist Griechenland am Jahresende nicht mehr im Euro?

Sinn: „Ich befürchte, die Flickschusterei wird weiter gehen. Eine weitere Mitgliedschaft kann aber nur mit Kapitalverkehrskontrollen und Schranken für Bargeldabhebungen funktionieren.“

Um die Kapitalströme zu stoppen?

Sinn: „Ja. Seit dem Herbst hat das Tempo der Kapitalflucht nochmals zugenommen. Schon im November flohen fast 8 Mrd. Euro, denn so groß war der Anstieg der griechischen Target- Schuld. Für den Januar war der Anstieg sicherlich größer, aber wir haben die Zahlen noch nicht. Nur wissen wir, dass die deutsche Target-Forderung um 55 Milliarden Euro anstieg. Dahinter steckt eine gewaltige Kapitalflucht nach Deutschland. Woher, ist noch unklar. Aber sicherlich auch aus Griechenland.“

Das müssen Sie erklären.

Sinn: „Kapitalflucht nach Deutschland heißt, dass Konten im Ausland geleert, und in Deutschland gefüllt werden. Wer füllt sie? Die Bundesbank. Sie tut das auf Bitten einer ausländischen Notenbank, zum Beispiel der griechischen, die einen Überweisungsauftrag ausführt. Für diese Gefälligkeit erwartet die Bundesbank eigentlich Gegenbuchungen z.B. in Form der Auslandsüberweisungen deutscher Touristen, aber die sind gering, weil nur noch wenige Leute Geld nach Griechenland tragen. So muss die Bundesbank Griechenland und anderen Krisenländern Überziehungskredite zur Vertagung stellen. Diese Kredite werden durch die deutschen Target-Forderungen gemessen, die heute bei 515 Mrd. Euro liegen. Ein Gutteil davon ist ein erzwungenes Finanz-Asyl.“

Finden Sie das gut?

Sinn: „Nein. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass die Target-Schulden ähnlich wie zwischen den 12 Distrikt-Zentralbanken der USA mit echten Vermögenswerten getilgt werden müssen. Alternativ kann man Kapitalverkehrskontrollen wie in Zypern einführen. Dann muss die Bundesbank den reichen Griechen und internationalen Investoren nicht mehr bei der Flucht helfen. Noch besser wäre der Grexit, weil die Drachme so weit abwerten würde, dass keinerlei Fluchtgefahr mehr besteht.“

Was wird bei einem Grexlt aus den Auslandsschulden?

Sinn: „Das Gleiche wie bei einem Verbleib im Euro. Sie müssten teilweise erlassen werden. Aber nur der Austritt verhindert, dass Griechenland bei den anderen Staaten immer wieder neue Schulden macht, die anschließend erfassen werden müssen.“

Wie stehen Sie zu Griechenland?

Sinn: „Ich bin häutig beruflich in Griechenland und habe dort viele Kollegen, die ich sehr schätze. Unter der Hand geben mir viele Recht.“

Wie werden Sie empfangen?

Sinn: „Sehr verständnisvoll. Man diskutiert diese Optionen im privaten Kreis schon lange. Am Ende ist der Austritt die einzige Chance. “

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