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„Die Situation erinnert mich an Karl Marx“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Die Welt, 14. Juli 2014, Nr. 161, S. 10

Ifo-Präsident Sinn warnt vor den Folgen des billigen Zentralbankgeldes

Tobias Kaiser

Es ist ein warmer Sommertag in Berlin, und auch Hans-Werner Sinn ist in sonniger Stimmung. Gerade kommt er von einem Gespräch mit Mitgliedern des Bundestags. Ihnen hat er seine Sicht der Euro-Krise dargelegt und erklärt, welche Knackpunkte er für die kommenden Monate sieht. Viele Fragen habe es gegeben, berichtet er; mehr als er und seine Kollegen erwartet hatten. Vor allem die langfristige Perspektive habe den Abgeordneten Sorge gemacht. 

DIE WELT: 

Die Zentralbanken der reichen Länder des Westens haben die Zinsen auf historische Tiefs gedrückt. Wie lange kann das noch gut gehen?</b> 

HANS-WERNER SINN: 

Das ist die entscheidende Frage. Die gegenwärtige Situation erinnert mich an Karl Marx, der einst prophezeit hat, dass der Kapitalismus untergehen würde, weil das Kapital im Laufe der Zeit immer weniger Rendite bringt, so dass die Zinsen, die ja der Preis für Kapital sind, immer weiter fallen müssen. Das geht so lange, bis es nicht mehr weitergeht und niemand mehr investiert. 

Sie sind doch nicht etwa zum Marxisten geworden? Haben die SPD-Abgeordneten Sie deshalb eingeladen? 

Nein, natürlich nicht, aber die lockere Geldpolitik ist ein gewaltiges Problem. Die Niedrigzinspolitik verhindert nämlich nicht, dass es in vielen Teilen der Welt keine Möglichkeit gibt, rentabel zu investieren, weil es strukturelle Probleme gibt. In Japan beispielsweise ist die Bevölkerung überaltert, und in Südeuropa sind die Löhne und Arbeitskosten zu hoch, so dass diese Volkswirtschaften nicht wettbewerbsfähig genug sind. Das gilt übrigens auch für Frankreich. Die niedrigen Zinsen verlängern die Lebensdauer unrentabler Unternehmen, und sie verlangsamen den Strukturwandel. 

Sehen wir deshalb beinahe überall in der reichen Welt zu wenig Investitionen? 

Zu wenig würde ich nicht sagen, denn die Kapitalausstattung ist ja schon reichlich. In den reichen Ländern wird nicht mehr investiert, stattdessen investieren die Unternehmen dort, wo die Löhne niedrig und die möglichen Renditen hoch sind. In Asien geht die Post ab, in Osteuropa auch. In den reichen Ländern und besonders in Westeuropa sind die Löhne hoch, manchmal zu hoch. In Südeuropa müssten die Zinsen sogar negativ sein, damit Investitionen sich lohnen. Aber selbst wenn dann wieder investiert wird, wird man angesichts der überhöhten Löhne vor allem in Arbeitsplätze für Roboter statt Menschen investieren. 

In Deutschland haben die Unternehmen zuletzt allerdings wieder mehr investiert und wollen auch künftig mehr Geld in die Hände nehmen. 

Das stimmt, wir erwarten, dass die Investitionen deutlich anziehen. Das liegt daran, dass die Kapazitäten beinahe bis zum Anschlag ausgelastet sind und die Unternehmen nachrüsten müssen. Der Bau läuft ja ohnehin. Der bleibt der wichtigste Investitionsbereich. Fünf Sechstel des Kapitals hierzulande stecken in Gebäuden, und ein ebenso großer Anteil der Nettoinvestitionen fließt in neue Gebäude. Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge machen nur ein Sechstel des gesamten Kapitalstocks aus. 

Haben Sie keine Angst, dass die Leute das billige Geld in die falschen Projekte stecken?

Natürlich entstehen gefährliche Schieflagen, wenn Geld praktisch nichts kostet. Viele Leute verschulden sich bis über beide Ohren, um sich ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen. Die Kredite laufen über zehn oder 15 Jahren, und wenn die Schuldner nach zehn Jahren Schwierigkeiten haben, den Kredit abzulösen, oder sie die Hypothek zu höheren Zinssätzen verlängern müssen, die höheren Zinszahlungen aber nicht schultern können, werden sie ihre Immobilie verkaufen wollen. Schon jetzt ist klar, dass der Immobilienmarkt dann unter Druck kommt. 

Aber viele Ökonomen bestehen darauf, dass wir in Deutschland keine flächendeckende Immobilien-Blase haben. Noch zumindest.

Gegenwärtig ist die Gefahr tatsächlich gering. Der Immobilienmarkt läuft prächtig. Was ich beschreibe, liegt noch ein Jahrzehnt vor uns. Zum Glück verlangen unsere Banken weiterhin 30 oder 40 Prozent Eigenkapital. Das hält die Entwicklung unter Kontrolle. In Spanien hatten die Banken bis zu 130 Prozent des Immobilienwertes als Hypothek vergeben. Man konnte sich ein Haus kaufen und einen Geländewagen dazu. So etwas muss man unter allen Umständen verhindern. 

Die faulen Hypotheken liegen jetzt in den Kellern der Banken in den Krisenländern und sorgen dafür, dass die Banken keine Kredite vergeben. Wird der laufende Stresstest dafür sorgen, dass in den Krisenländern wieder mehr Darlehen vergeben werden?

Nein, der Stresstest ist nicht sonderlich scharf. Das ist ein Stresstest ohne Stress. 

Weil die Europäische Zentralbank die Banken mit Geld praktisch zum Nulltarif versorgt?

Einmal deshalb und zum anderen, weil die EZB schon angekündigt hat, dass sie erwägt, eine sogenannte quantitative Lockerung zu betreiben. In der Praxis wird das darauf hinauslaufen, den Banken anzubieten, ihnen die faulen Kredite abzukaufen. Das wird genauso funktionieren wie die Ankündigung, im Krisenfall die Anleihen der Krisenstaaten aufzukaufen. Die Investoren werden die faulen Kredite besser bewerten, der Marktwert der Kredite steigt, die Bilanzen der betroffenen Banken werden dadurch besser aussehen, und die rechnerische Ausstattung mit Eigenkapital verbessert sich. Die Banken werden auf diese Weise den Stresstest bestehen, obwohl sie eigentlich gar nicht gesund sind.

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