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"Um unseren Lebensstandard zu halten, bräuchten wir 32 Millionen Migranten"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Focus online, 26.12.2014

Im FOCUS-Online-Interview warnt Hans-Werner Sinn vor dem Zusammenbruch der Rentenkassen: In 20 Jahren verliert Deutschland 8,5 Millionen Arbeitskräfte. Um den drohenden Kollaps abzuwehren, hat der Ifo-Chef unkonventionelle Vorschläge.

FOCUS Online: Eurokrise, Investitionsstau, Rentendebakel – trotzdem blicken die Deutschen optimistisch in die Zukunft. Sind wir zu naiv?

Hans-Werner Sinn: Konjunkturell sieht es tatsächlich gut aus in Deutschland, viel besser als im Frühjahr, als die Welt unter dem Schock der Ukrainekrise stand. Uns hilft, dass die Ölpreise und der Euro gefallen sind. Das bringt positive konjunkturelle Impulse. Was auf einem anderen Blatt steht: Deutschland wird langfristig enorme demographische Probleme haben, wenn unsere Babyboomer in die Rente wollen.

FOCUS Online: Wann beginnen die Probleme?

Sinn: Die Babyboomer, die dieses Land im Moment antreiben, sind 1964/65 geboren. In zehn Jahren sind die 60, dann wollen die ersten mit ihren Zipperlein in die Rente. In 15 Jahren strebt das Gros in den Ruhestand. Und in 20 Jahren sind fast alle drin. Dann werden wir siebeneinhalb Millionen mehr Rentner haben und achteinhalb Millionen weniger Personen im erwerbsfähigen Alter. Um das durch Migration aufzufangen, wären 32 Millionen Menschen nötig. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

FOCUS Online: Kann das Rentenproblem überhaupt gelöst werden?

Sinn: Die Rentner werden mit Abstrichen leben müssen und die jungen Leute werden ächzen unter der wachsenden Rentenlast. Wir werden gut ausgebildete Migranten brauchen, die helfen, diese Last zu tragen. Das ist eine Mangelverwaltungsstrategie. Aber eine Lösung in dem Sinne, dass es uns dann so gut geht wie heute, ist nicht vorstellbar.

FOCUS Online: Was müsste die Politik tun?

Sinn: Die Politik müsste zweierlei Dinge tun: Einerseits die Krise jetzt schon verwalten, andererseits langfristig die Geburtenraten anheben. Das hilft aber natürlich noch nicht, bis die Babyboomer in Rente gehen. Am wichtigsten ist jetzt, die Leute zum Sparen anzuhalten, aber anders als heute. Im Moment veranlassen wir sie, ihr Geld zu den Banken und Versicherungen zu tragen, die ihr Geld allzu häufig in Staatspapieren anlegen - leider auch in Staatspapieren von südeuropäischen Ländern.

FOCUS Online: Wo liegt das Problem?

Sinn: Bislang haben viele Schuldnerstaaten ihre Kredite nur deshalb bedienen können, weil sie neue Kredite bekamen, mit denen sie die alten ablösen konnten. Wenn die Baby-Boomer in fünfzehn Jahren ihr Geld wiederhaben wollen und die Banken den Schuldnerstaaten auch keine neuen Kredite mehr geben, bin ich skeptisch, ob das Geld verfügbar sein wird. Manche Länder werden ihre Altkredite nicht bedienen können. Staaten sind die unsichersten Schuldner überhaupt, weil sie keine Richter über sich haben und jederzeit einen Schuldenschnitt verfügen können.

FOCUS Online: Und was kann die Politik dann tun?

Sinn: Die Anreizsysteme müssen geändert werden. Momentan treibt die Politik die Investoren geradezu in Staatsanleihen. Im Prinzip werden Anlagen bei der Regulierung nach Risiko gewichtet, doch für Staatsanleihen wird die Fiktion aufrecht erhalten, sie seien sicher. Die Banken und Versicherer können sie deshalb ohne Beschränkung kaufen. Das ist der eigentliche Skandal. Das haben seinerzeit die Staaten selber in das Regulierungssystem hereingebracht, damit sie sich wieder verschulden konnten. Das erklärt zum Teil die Schuldenlawine in Südeuropa, die kaum noch beherrschbar ist. Es ist wichtig, umzusteuern und unsere Banken und Versicherungen in sicherere Investitionen zu lenken. Und das heißt vor allem Aktien. Die sind nur scheinbar unsicher, bedeuten aber in Wirklichkeit eine Teilhabe an einem realen Unternehmen.

FOCUS Online: Ersparnisse sind momentan ohnehin schwierig. Wer gerade mitten im Arbeitsleben steht, für den sieht es mit der staatlichen Rente schwierig aus, aber wegen der Niedrigzinsen ist er mit der privaten Vorsorge kaum besser dran.

Sinn: Es sieht sogar extrem schlecht aus. Wer während seines Arbeitslebens spart, um im Alter von den Erträgen der Ersparnisse zu leben, bekam in der Vergangenheit auch schon mal zwei Drittel seiner Rente durch Zinsen. Wenn der Zins indes auf Null gedrückt wird, hat man nur noch das investierte Kapital. Die Verluste sind enorm: Die Deutschen in ihrer Gesamtheit verlieren im Vergleich zu den Zinsen vor Beginn Krise knapp 70 Milliarden Euro – pro Jahr.

FOCUS Online: Kann der Einzelne sich überhaupt gegen diese schleichende Enteignung wehren?

Sinn: Der Einzelne kann in Aktien investieren oder in Realkapital. Er kann seine Wohnung renovieren oder jetzt schon einen Altersheimplatz kaufen. Das sind sinnvolle Sicherungsstrategien.

FOCUS Online: Zieht der Staat sich da nicht aus der Pflicht?

Sinn: Die Alterssicherung ist nicht die alleinige Aufgabe des Staates. Darum muss sich jeder selbst kümmern.

FOCUS Online: Wie sehr verschlimmert die Rente mit 63 die Situation?

Sinn: Die Rente mit 63 ist ein falscher Schritt: Wir müssen länger arbeiten und nicht weniger lange. Das Problem der Babyboomer ist schon Jahrzehnte bekannt, wurde aber stets ausgeblendet. Die Politik ist offenbar nur in der Lage, das Hier und Jetzt zu bearbeiten, kann aber nicht über eine Legislaturperiode hinausdenken. Die Rente mit 67 war wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung. Ich würde aber noch weitergehen und das gesetzliche Rentenalter ganz abschaffen. Keiner muss, aber jeder darf länger arbeiten, wenn er will. Wenn Leute freiwillig länger arbeiten wollen und wir gleichzeitig einen Arbeitskräftemangel haben, darf man den Leuten doch das Arbeiten nicht aus Altersgründen verbieten.

FOCUS Online: Die Mütterrente ist wesentlich teurer als die Rente mit 63, trotzdem verteidigen Sie sie. Wieso?

Sinn: Weil es ohne Mütter keine Rente gibt. Das ist ein Teil des Problems unseres Systems: Alle Renten, die gezahlt werden, entstehen nur durch die Erziehungsleistung. Die Beiträge, die wir zahlen, fließen ja an die jetzt alte Generation, und die Alten sind tot, wenn wir selbst unsere Rente haben wollen. Sie zahlen nicht zurück. Nur wenn Kinder da sind, gibt es eine umlagefinanzierte Rente. Ich würde eine Zusatzversicherung zur vorhandenen gesetzlichen Rente vorschlagen, die selbst völlig unangetastet bleibt: Menschen ohne Kinder würden darin für die Zusatzrente Kapital ansparen, während die mit Kindern eine zusätzlich Kinderrente bekämen, die von der Generation ihrer Kinder bezahlt wird. Selbst die Kanzlerin hat kürzlich betont, dass die gesetzliche Rente nicht reicht und dass wir eine Zusatzrente brauchen.

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