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"Es ist ungesund"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Die Zeit, 14.11.2013, Nr. 47, S. 32

Der Ökonom Hans-Werner Sinn kritisiert die deutschen Exportüberschüsse - und fordert ein Ende der Euro-Rettungspolitik

DIE ZEIT: Herr Sinn, die EU will gegen die deutschen Exportüberschüsse vorgehen, die Bundesregierung sagt, es handle sich um ein Zeichen der Stärke des Landes. Wer hat recht?

Hans-Werner Sinn: Ein Exportüberschuss ist ein Zeichen der Stärke der Exportindustrie, aber nicht der Stärke der Volkswirtschaft insgesamt.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Sinn: Ein Land mit einem Überschuss im Export führt weniger Waren aus dem Ausland ein, als es an das Ausland verkauft. Wir liefern also zum Beispiel eine Werkzeugmaschine nach Griechenland, ohne dafür unmittelbar eine adäquate Gegenleistung zu bekommen. Ein Exportüberschuss ist deshalb zunächst einmal für das exportierende Land ein Verlust von Gütern.

ZEIT: Die Waren werden aber bezahlt.

Sinn: Das ist richtig, wir erhalten normalerweise Finanztitel - Anleihen und andere Wertpapiere - aus den betreffenden Ländern. Damit sichern wir uns den Anspruch auf zukünftige Warenimporte. Maschinen heute gegen Oliven oder Wein in der Zukunft.

ZEIT: Klingt für ein Land mit alternder Bevölkerung nach einem guten Deal.

Sinn: Aber nur, wenn der Einsatz irgendwann zurückkommt und ordentlich verzinst wird. Das ist aber immer weniger der Fall. In den letzten fünf Krisenjahren wurden die Exportüberschüsse zu drei Vierteln mit Geld bezahlt, das sich Not leidende Euro-Länder gedruckt haben.

ZEIT: Druckt das Geld nicht die Europäische Zentralbank (EZB)?

Sinn: Als die privaten Kapitalgeber zu hohe Zinsen von den Krisenländern verlangten, hat die EZB es den nationalen Notenbanken erlaubt, die teuren privaten Kredite aus dem Ausland mit billigen Krediten aus den lokalen Druckerpressen zu ersetzen. Im Übrigen sind auch die wenigen Finanzanlagen, die wir noch erwerben, von zweifelhaftem Wert. In Griechenland zum Beispiel gab es einen Schuldenschnitt. Ein Teil der deutschen Ersparnisse im Ausland wurde also einfach ausradiert.

ZEIT: Was wäre die Alternative?

Sinn: Es wäre besser gewesen, mehr in Deutschland zu investieren, um die heimische Wirtschaft produktiver zu machen. Die Exportwirtschaft hat gute Geschäfte gemacht, aber weite Teile der Bevölkerung haben davon nicht profitiert.

ZEIT: Berlin argumentiert, jeder müsse selbst entscheiden, was er mit seinem Geld anstelle.

Sinn: Das ist zu einfach. Die Fehlentwicklung hat mit dem Euro zu tun. Da die Wechselkursunsicherheit schwand, strömte deutsches Sparkapital nach Südeuropa. Das hat dort einen inflationären Wirtschaftsboom ausgelöst. Der ging mit einem Anstieg der Importe aus Deutschland einher. Die Löhne sind gestiegen, und die Leute konnten sich plötzlich deutsche Autos leisten, aber die Wettbewerbsfähigkeit ging verloren.

ZEIT: Und in Deutschland?

Sinn: In Deutschland wurde kaum noch investiert, weil das Kapital ins Ausland abfloss. Deutschland war in den ersten Jahren der Währungsunion das Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum - und deshalb haben wir auch weniger aus dem Ausland importiert. Ein Exportüberschuss geht definitionsgemäß mit einem Kapitalexport einher. Und das Gesetz des Kapitalismus lautet: Wo das Kapital hinfließt, kommt der Boom, und wo es wegfließt, kommt die Flaute.

ZEIT: Derzeit aber boomt Deutschland, und im Süden herrscht Flaute.

Sinn: Das bestätigt meine These. Die gute Konjunktur in Deutschland ist vor allem darauf zurückzuführen, dass das Kapital sich in der Krise nicht mehr aus Deutschland heraustraut und zu Hause investiert wird. Die Immobilienpreise steigen, in der Bauwirtschaft geht es aufwärts, und das treibt die gesamte Binnenkonjunktur.

ZEIT: Die Bundesbank warnt bereits vor einer Blase am Immobilienmarkt.

Sinn: Sie ist übervorsichtig. Im internationalen Vergleich sind die Immobilienpreise noch nicht besonders hoch. Der entscheidende Punkt ist: Die Kapitalmärkte sind gerade dabei, sich selbst zu korrigieren. Das verringert die deutschen Exportüberschüsse wieder. Wenn in Deutschland mehr investiert wird, steigen die Einkommen, und die Menschen kaufen wieder mehr Waren aus dem Ausland. Wegen der steigenden Löhne werden allerdings auch die Preise steigen.

ZEIT: Dann wird Deutschland weniger wettbewerbsfähig.

Sinn: Wir können dann für unsere Exporte mehr Importe kaufen. Wir brauchen höhere Löhne und mehr Inflation in Deutschland und niedrigere Löhne und weniger Inflation im Süden, um die Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu korrigieren.

ZEIT: Nach Branchenschätzungen hängt jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland am Export. Was geschieht mit diesen Arbeitsplätzen?

Sinn: Sie wandern zum Teil in andere Sektoren der Wirtschaft ab. Der Abbau des Exportüberschusses wird ja durch die Erhöhung der Wirtschaftsleistung verursacht, die selbst eine Folge der vermehrten Investitionen in Deutschland ist.

ZEIT: Deutschland war aber schon immer stark im Export.

Sinn: Klar, aber Deutschland war auch immer stark im Import. Die hohen Überschüsse der vergangenen Jahre sind historisch eher die Ausnahme. Es ist ungesund, Überschüsse in Höhe von sieben Prozent der Wirtschaftsleistung zu haben.

ZEIT: Sollen die Gewerkschaften also höhere Löhne durchsetzen?

Sinn: Nein, wenn die Löhne aufgrund der besseren Binnenkonjunktur steigen, ist es gut. Wenn sie steigen, weil die Gewerkschaften oder der Staat sie künstlich hochtreiben, kriegen wir eine Stagflation, also eine kostengetriebene Inflation, und eine Flaute mit mehr Arbeitslosigkeit. Die hilft niemandem. Wenn wir die Selbstkorrektur der Kapitalmärkte nicht behindern würden, käme alles ins Lot.

ZEIT: Inwiefern?

Sinn: Die Rettungsmaßnahmen der EU und der EZB verhindern die Korrektur, denn sie bieten dem Sparkapital Geleitschutz beim Weg in den Süden, wo es eigentlich nicht mehr hinwill.

ZEIT: Aber viele Krisenländer haben Reformen umgesetzt und ihre Defizite im Außenhandel bereits abgebaut. Zuletzt ist vor allem der Überschuss mit Nordamerika und den Ländern Asiens gestiegen.

Sinn: Die Außenhandelsdefizite sinken, weil der Zusammenbruch der Wirtschaft die Importe kollabieren ließ. Nach wie vor sind diese Länder viel zu teuer. Die Industrieproduktion ist im freien Fall. Im Übrigen werden auch die deutschen Überschüsse mit den außereuropäischen Staaten größtenteils mit Geld bezahlt, das die Südeuropäer im Übermaß gedruckt hatten. Die Geldschwemme hat den Euro künstlich niedrig und unsere Produkte billig gehalten.

ZEIT: Sie sagen also: Der Euro sollte abgeschafft werden, dann normalisieren sich die deutschen Exportüberschüsse wieder?

Sinn: Ich bin nicht für die Abschaffung des Euro. Ich plädiere aber dafür, die Gelddruckerei im Süden einzuschränken. Die Länder Südeuropas müssen eine lange Phase mit geringen Lohnsteigerungen oder sogar Lohnkürzungen durchlaufen, um sich von der Druckerpresse unabhängig zu machen. Das werden nicht alle schaffen, und deshalb muss man denjenigen, die dazu nicht in der Lage sind, einen vorübergehenden Austritt aus der Währungsunion ermöglichen. Sie können wieder eintreten, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangt haben. Wir brauchen die atmende Währungsunion.

ZEIT: Die Verbände der Wirtschaft haben die Vorwürfe der EU-Kommission als einen "völligen Unsinn" bezeichnet. Das sehen Sie also anders?

Sinn: Die Position der Kommission ist inkonsistent. Sie will, dass Deutschland mehr Rettungskapital und weniger Güter exportiert. Das geht leider aus logischen Gründen nicht. Man muss sich schon entscheiden, was man will.

Das Gespräch führte Mark Schieritz.

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