Main Content

"Wer Kinder hat, soll eine Zusatzrente bekommen"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 09.12.2013, S. 19

ifo Chef Sinn fordert, dass Kinderlose privat vorsorgen müssen

Herr Professor Sinn, Sie fordern, dass Kinderlose privat fürs Alter vorsorgen müssen. Wollen Sie ihnen die gesetzliche Rente kürzen?

Prof. Hans-Werner Sinn: Nein, ich will keine Rente kürzen, sondern ein zusätzliches Rentensystem einführen, weil der Anstieg der Renten in der bisherigen Rentenversicherung aus demografischen Gründen zu gering ist.

Was haben Sie konkret vor?

Sinn: Wer Kinder hat, soll später eine Zusatzrente bekommen, die von den Kindern bezahlt wird, egal ob sie normale Arbeitnehmer, Beamte oder Selbstständige sind.

Was sagen Sie ungewollt Kinderlosen, die sich nach diesem System gestraft fühlen?

Sinn: Wieso gestraft? Keinem wird die Rente gekürzt. Wenn es für Eltern eine Zusatzrente zur heutigen gesetzlichen Rentenversicherung gibt, die von deren Kindern bezahlt wird, sind die Kinderlosen gar nicht betroffen. Um ihre Rente aufzubessern sollten sie indes mehr sparen. Das Geld, das die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder aufwenden, steht ihnen für die Ersparnis zur Verfügung, auch dann, wenn sie ungewollt kinderlos sind.

Das ist aber eine Abkehr von der Grundidee des jetzigen Rentensystems.

Sinn: Ja. Eine Gesellschaft, die im Alter versorgt sein will, muss entweder sparen oder Kinder großziehen, die sie versorgt. Außerdem muss diese Gesellschaft ihre Alten versorgen. Daraus entsteht aber noch keine Rente, auch wenn wir die rechtlichen Bedingungen unserer Rentenversicherung so gestaltet haben, als wäre das der Fall. Die neue Zusatzrente bildet die ökonomische Wahrheit einfach nur ab.

Was passiert mit Kinderlosen, die zu wenig Einkommen haben, um privat fürs Alter vorzusorgen?

Sinn: Wenn keine Ersparnisse und keine Kinder da sind, wird man im bestehenden Rentensystem trotzdem versorgt. Da das System gar nicht angerührt wird, ändert sich daran nichts. Im Übrigen bleibt die Sozialhilfe bestehen. Eine Sparpflicht kann man solchen Personen nicht auferlegen.

Welches Rentenniveau ist nach Ihrem Vorschlag zu erwarten?

Sinn: Die gesetzliche Rentenkasse wird leider die heutige Relation aus normaler Rente und Durchschnittslohn nicht halten können, die bei 46 Prozent liegt. Es ist zu befürchten, dass diese Relation bis zur Mitte des Jahrhunderts auf unter 30 Prozent fallen wird, was nach heutigen Verhältnissen die Sozialhilfe ist, denn es wird dann relativ zur Arbeitsbevölkerung doppelt so viele Alte geben wie heute. Deswegen ja mein Vorschlag. Die absehbare Altersarmut muss man durch die beiden aufstockenden Rentensäulen - Kinderrente und Mehrersparnis - verhindern.

Wann könnte das System greifen, das Sie vorschlagen?

Sinn: Die laufenden Renten und Beitragszahlungen blieben von der Umstellung unberührt. Aber für jeden Berufsanfänger gilt neben der Beteiligung an der alten Rentenversicherung die Pflicht zur privaten Altersvorsorge. Nach dem ersten Kind wird ein Drittel der angesammelten Ersparnisse ausgezahlt und ein Drittel des Pflichtsparens erlassen, und so weiter bis zum dritten Kind. An die Stelle der privaten Rente tritt dann die Kinderrente.

Die große Koalition will Müttern, Geringverdienern und langjährig Versicherten in ihrem Rentenpaket etwas Gutes tun. Kann sie sich das leisten?

Sinn: Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, den Müttern weiterhin fast alle Rentenbeiträge ihrer Kinder wegzunehmen, wie es heute der Fall ist. Das zerstört die Grundlagen der Gesellschaft.

Löst das Rentenpaket der großen Koalition das Problem?

Sinn: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. In den 90er- Jahren hat das Bundesverfassungsgericht mit dem Mütterrentenurteil festgestellt, dass es verfassungswidrig wäre, keine Kinderkomponente im Rentensystem zu haben, und hat den Gesetzgeber zum Handeln gezwungen. Die Mütter sind die Grundlage für das Rentensystem. Und die Gesellschaft beutet sie aus. Das muss ein Ende haben.

Ist das derzeitige Umlagesystem in der Rentenversicherung zu halten?

Sinn: Ja, aber die Renten, die es erbringt, reichen hinten und vorne nicht, weil wir kaum noch Nachkommen haben. Die Deutschen liegen mit 8,1 Geburten pro 1000 Einwohner auf dem absoluten Schlussplatz unter allen entwickelten Länder.

Muss also das Umlagesystem der Rentenversicherung durch eine Finanzierung durch den Kapitalmarkt ergänzt werden?

Sinn: Ja, obwohl das nicht völlig unbedenklich ist angesichts des Umstandes, dass wir in einer großen Krise des Kapitalmarkts stecken. Andererseits bietet auch eine Finanzkrise eine Möglichkeit, Geld anzulegen. Im Prinzip wäre es richtig, in diese Richtung zu steuern. Es gibt auch keine andere Möglichkeit. Renten können nur über Kapitaldeckung oder Kinder finanziert werden.

Von Barbara Will

Ihre Fragen und Kommentare

Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!

Pressekontakt

Harald Schultz

ifo Institut
Presse, Redaktion, Konferenzen
Telefon: +49(0)89/9224-1218
Fax: +49(0)89/9224-1267
E-Mail: schultz @ ifo.de
Website


Short URL: www.ifo.de/de/w/xSmMQwiu