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"Das deutsche Rentensystem beruht auf einer Illusion"

Interview mit Hans-Werner Sinn, FOCUS Online, 21.12.2013

Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind gut - doch damit könnte es bald vorbei sein. Im FOCUS-Online-Interview warnt Ifo-Chef Sinn vor den Folgen des Mindestlohns, mahnt einen Umbau des Rentensystems an und rechnet mit der Euro-Rettung ab.

FOCUS Online: Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag zahlreiche Wohltaten angekündigt. Die Ausgaben werden also weiter steigen. Haben wir aus dem Schicksal der Schuldensünder nichts gelernt?

Hans-Werner Sinn: Im Koalitionsvertrag finde ich bis auf die Mütterrente keinen Zukunftsentwurf, der Mut macht. Stattdessen wird sich die Entscheidung für den Mindestlohn als historischer Fehler erweisen. Basis des deutschen Jobwunders ist die Agenda 2010. Mit dem Mindestlohn wird sie rückabgewickelt. Der Mindestlohn wird zu steigender Arbeitslosigkeit und mehr Inflation führen, also dem, was man Stagflation nennt.

FOCUS Online: Warum das?

Sinn: Wegen der Lohnabstände wird die gesamte Lohnskala angehoben. Dadurch steigen die Güterpreise, und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft wird verringert. Hätten wir noch eine eigene Währung, könnte der Effekt durch Abwertung nach außen hin abgefangen werden. Wegen des Euroverbundes wird er sich indes voll auswirken. Wir adoptieren eine Fehlkonstruktion, unter der auch andere Länder des Euroverbundes leiden.

FOCUS Online: Die Mütterente finden Sie aber gut. Um sie zu finanzieren, will die neue Bundesregierung eine fällige Senkung des Rentenbeitrags einkassieren. Damit werden die Arbeitnehmer schon wieder nicht entlastet.

Sinn: Die Ausbeutung der Mütter in unserem Rentensystem muss gestoppt werden. Unser gesamtes Rentensystem beruht auf einer Illusion. Es gaukelt vor, dass die Zahlung von Beiträgen die Basis für die spätere Rente ist. Das aber ist eine rechtliche Illusion, die die ökonomischen Fakten verkennt. Wenn ein Arbeitnehmer in den Ruhestand geht, sind seine Beiträge längst verfrühstückt. In unserem umlagefinanzierten System erhält jeder seine Rente von der nächsten Generation, sofern sie in hinreichendem Umfang vorhanden ist. Es wird Zeit, dass diese ökonomische Wirklichkeit in der Rentenformel abgebildet wird. Sonst wird diese Gesellschaft aussterben.

FOCUS Online: Sie meinen: Ohne Kinder gibt es keine Rente.

Sinn: Eine Gesellschaft, die keine Kinder hat und nicht spart, muss im Alter hungern. Wir brauchen deswegen ein Rentensystem, das die Erziehungsleistung stärker abbildet. Die Mütterrente ist da für mich der erste Schritt. Kinder sollten noch viel stärker berücksichtigt werden.

FOCUS Online: Was schlagen Sie vor?

Sinn: Die vorhandene Rentenversicherung sollten wir erhalten und die dort aufgebauten Ansprüche nicht antasten. Doch wird die Rente wegen der rückläufigen Geburtenraten viel zu gering sein. Wir brauchen aufstockende Renten. Entweder sparen wir zusätzlich, um später eine solche Aufstockung aus den Ersparnissen zu bilden, oder wir erziehen mehr Kinder. Jeder muss etwas tun: Der eine erzieht Kinder und bekommt dafür von der Generation der eigenen Kinder eine Zusatzrente. Und wer keine Kinder hat, der kann das Geld, das andere für die Kindererziehung ausgeben, anlegen, um sich so die Zusatzrente zu sichern.

FOCUS Online: Statt einer Mütterrente könnte man auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Viele Frauen erhalten im Alter ja nur deshalb eine so geringe Rente, weil sie jahrelang nicht gearbeitet haben.

Sinn: Das ist kein Widerspruch. Die Mütterrente ist keine Alternative zu einer besseren Kinderbetreuung, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Jedoch halte ich es für ungerecht, den Müttern, die wegen der Erziehung der Kinder nicht arbeiten können oder wollen, auskömmliche Renten nur unter der Bedingung zu gewähren, dass sie zusätzlich arbeiten. Was wollen wir den Müttern nicht noch alles zumuten? Wir sollten nicht vergessen, dass die Erziehungsleistung der Mütter faktisch die Voraussetzung dafür ist, dass überhaupt irgendwelche Renten gezahlt werden können.
 

INTERVIEW: CLEMENS SCHÖMANN-FINCK

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