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„Wir verlieren Zeit“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Süddeutsche Zeitung, 02.11.2012, Nr. 253, S. 20

Er ist ein besonders bekannter, aber auch umstrittener Euro-Experte des Landes. Regierungspolitiker mögen den Ökonomen nicht besonders, weil er unverblümt die Kosten der Rettungspolitik benennt. Insbesondere die von und bei der EZB aufgehäuften Risiken (Stichwort: Target-Kredite) hält Sinn für brandgefährlich. Überzeugte Euro-Gegner wiederum wundern sich, dass Sinn sich dennoch als überzeugter Europäer bezeichnet und sogar den Euro erhalten will. Beim SZ-Führungstreffen in Berlin wird Sinn mit Klaus Regling, dem Direktor des Rettungsfonds ESM, streiten.

SZ: Herr Professor Sinn, erleben wir derzeit eine Euro-, eine Banken- oder eine Staatsschuldenkrise?

Sinn: Es handelt sich im Kern um eine klassische Zahlungsbilanzkrise, wie wir sie aus Festkurssystemen kennen. Durch die Droge billiger Auslandskredite, die mit dem Euro verfügbar wurde, bildeten sich inflationäre Wirtschaftsblasen, die zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führten und die Länder Südeuropas vom Kredit abhängig machten. Als die Blasen platzten, weil die privaten Kreditgeber kalte Füße kriegten und flohen, entstand die Zahlungsbilanzkrise. Sie wurde seit 2008 mit Methadon von der EZB bekämpft: Kapitalflucht und Leistungsbilanzdefizite wurden mit Überziehungskrediten der Bundesbank und der Notenbanken anderer noch stabiler Länder finanziert (Target). Dann zwang die EZB die noch gesunden Notenbanken, die Staatspapiere der Südländer zu kaufen. Die Bundesbank unterwarf sich dem Zwang nur unter Protest. Dann kamen die intergouvernementalen Rettungsschirme. Alles diente dazu, die Kapitalanleger zu beruhigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich noch rechtzeitig aus dem Staube zu machen, aber es verhindert die notwendigen Anpassungen.

Was ist jetzt konkret die größte Gefahr für den Euro?

Dass man so weiter macht und die privaten Schuldner es schaffen, immer mehr toxische Papiere an die Steuerzahler der noch gesunden Länder zu verkaufen. Das führt unweigerlich zur Destabilisierung der Staatssysteme. Bislang sind schon etwa 1,4 Billionen Euro an öffentlichen Krediten an die Krisenländer gegeben worden. Das weitaus meiste Geld diente der Ablösung alter Schulden. Mehr als 80 Prozent der Summe kamen von der EZB, einer Institution, die dafür kein demokratisches Mandat hat, knapp 20 Prozent von den Rettungsschirmen. Und das ist erst der Anfang. Der neue ESM soll nach seiner Hebelung noch mal 2000 Milliarden hinzufügen. Wir reden hier also über 3,4 Billionen Euro, mehr als 1100 Transrapidstrecken vom Münchner Flughafen in die Innenstadt. Die Sache gerät außer Kontrolle.

Was ist ökonomisch jetzt geboten?

Man braucht sehr viel radikalere Schritte als jene, die die Politik derzeit zu gehen wagt. Dazu gehört auch die Verkleinerung der Eurozone, damit die austretenden Länder durch Abwertung wettbewerbsfähig werden und wieder auf eigenen Beinen stehen können. Der Euro ist in seiner jetzigen Form nicht überlebensfähig. Die Ruhe an den Finanzmärkten, die man im Moment durch die öffentlichen Kredite erzeugt hat, wird später unweigerlich zu größeren politischen Turbulenzen führen, weil aus Ländern, die befreundet waren, Gläubiger und Schuldner gemacht werden. Man schiebt die Probleme vor sich her, verliert Zeit und macht sie immer größer.

Haben Sie Verständnis, wenn die Politiker andere Prioritäten setzen?

Ich verstehe sie aus wissenschaftlicher Sicht, denn ich weiß, was sie treibt, indes habe ich kein Verständnis im üblichen Sinne des Wortes dafür, dass man die Probleme auf die lange Bank schiebt.

Wo wird Europa im Jahr 2020 stehen?

Ich bin kein Hellseher, vermute aber, dass Deutschland einen Großteil seines Auslandsvermögens verloren haben wird, und dass sich Europa in einem dirigistischen Regime befindet, in dem Recht, Freiheit und Demokratie in Mitleidenschaft gezogen sind.

 

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