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Eine Billion könnte weg sein

Interview mit Hans-Werner Sinn, Rheinische Post, 17.05.2012, S. 9

Interview: ifo-Chef Hans-Werner Sinn rät Griechenland zum Euro-Austritt


Ist die Zeit jetzt reif für den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone?

Sinn: Die Zeit ist schon lange reif: Schon vor zwei Jahren habe ich gesagt, dass Griechenland im eigenen Interesse aus der Euro-Zone austreten sollte. Griechenland würde im Euro nie die Wettbewerbsfähigkeit erlangen, die es braucht, um aus seiner wirtschaftlichen Depression wieder herauszukommen. Im Euro müsste Griechenland seine Preise und Löhne um 30 bis 40 Prozent senken, damit die griechischen Produkte billiger werden. Das können sie nicht machen, das triebe das Land an den Rand des Bürgerkriegs. Die Griechen müssen den Euro so schnell wie möglich aufgeben. Dass sie dies bislang nicht tun, liegt daran, dass sie im Euro weiter Hilfen erwarten können und vor allem daran, dass auch die Gläubiger - Unternehmen, Banken, Fonds - davon ausgehen, dass sie von den Steuerzahlern nur dann gerettet werden, wenn Griechenland im Euroraum bleibt. Die griechische Bevölkerung wird von den Gläubigern quasi in Geiselhaft genommen, denn sie muss die Konsequenzen in Form einer Massenarbeitslosigkeit ausbaden.

Pessimisten befürchten eine Kettenreaktion. Warum liegen sie falsch?

Sinn: Das ist ein interessengeleitetes Argument: Es wird von denjenigen vorgebracht, die unter allen Umständen ein europaweites Transfersystem etablieren möchten. Das erscheint vielen Ländern als der bequemere Weg, und vor allem wollen das die Gläubigerbanken. Deswegen sagen sie, wenn man diesen Weg nicht wählt, bricht die Welt zusammen. Es bricht nichts zusammen außer dem einen oder anderen Vermögensportfolio.

Warum nicht? Portugal, Spanien, Italien und selbst Frankreich sind doch jetzt schon stark gefährdet!

Sinn: Wir können Staatspleiten nicht dauerhaft verhindern, indem wir das deutsche Portemonnaie immer weiter aufmachen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Griechenland und Portugal es schaffen, innerhalb des Euro- Gebiets ihre Preise und Löhne um 30 bis 40 Prozent zu senken. Die Alternative wäre, dass wir diese Länder dauerhaft finanzieren. Das können und wollen wir nicht. Vielleicht ist die Euro-Zone deshalb nicht mehr zu halten, ich weiß es nicht.

Wie teuer wird die Euro-Rettung insgesamt für Deutschland?

Sinn: Der in Griechenland verlorene Betrag von etwa 80 Milliarden Euro ist klein im Vergleich zu der Summe, für die wir insgesamt haften: Um den Euro zu retten, sind wir bereits gewaltig ins Risiko gegangen. Wir haften, wenn man einen möglichen Staatskonkurs Italiens, Griechenlands, Spaniens und Portugals ins Auge fasst, wenn der Euro überlebt, schon für über 600 Milliarden. Und wenn der Euro zusätzlich zerbrechen sollte, kommen noch einmal gut 300 Milliarden für nicht einbringliche Notenbank-Forderungen hinzu. Insgesamt könnte dann eine knappe Billion Euro weg sein.

Birgit Marschall stellte die Fragen. Das Interview in voller Länge lesen Sie auf www.rp-online.de. "Eine Billion könnte weg sein INTERVIEW"

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