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„Griechenland ist zu retten – ohne Euro“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Nordwest-Zeitung, 16.03.2012, Nr. 65, S. 22

ifo-Präsident Sinn auch für Austritt Portugals – Wettbewerbsfähigkeit steigern


FRAGE: Herr Professor Sinn, über den offenbar gelungenen Schuldenschnitt herrscht allerorten Erleichterung. Ist das Land denn jetzt gerettet?
SINN: Nein! Griechenland hat ja nicht nur die alte Schuldenlast. Das Hauptproblem liegt darin, dass Griechenland nicht mehr wettbewerbsfähig ist und laufend neue Schulden macht.

FRAGE: Angeblich wird die Schuldenquote wieder steigen.
SINN: Ja, weil Griechenland vor sich hin schrumpft, und wegen der neuen Schulden. Das Schrumpfen ist insofern erforderlich, als das Land über seine Verhältnisse gelebt hat, dank der billigen Kredite aus dem Ausland. Das geht nun nicht mehr.

FRAGE: Ist das Land denn noch zu retten?
SINN: Natürlich ist auch Griechenland zu retten – aber nicht in der Eurozone! Nötig ist eigentlich eine Wechselkursanpassung für Griechenland. Das Land ist zu teuer geworden. Die Preise müssen runter, um schätzungsweise 30 bis 40 Prozent. Das aber ist in dem Land nicht machbar, schon wegen der drohenden zunehmenden Militarisierung von Bevölkerungsteilen und auch, weil die Bankschulden der Unternehmen unerträglich würden. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ist also im Euro nicht möglich. Das geht nur durch Austritt. Die Bankschulden der Firmen würden dann automatisch in Drachme umgewandelt und mit den Güterpreisen abgewertet werden.

FRAGE: Ihr Bremer Forscher-Kollege Rudolph Hickel hat in einem Interview betont, eine Rückkehr zur Drachme würde die Probleme Griechenlands nicht lösen – auch, weil Importe dann massiv teurer werden. Ihr Argument dazu?
SINN: Das Argument taugt nichts, denn die Verteuerung der Importe ist doch das Ziel der Abwertung! Wenn die Importe teurer werden, kaufen die Leute weniger davon, und das ist erforderlich, um das Außenhandelsdefizit zu verringern. Außerdem ist es für die heimische Wirtschaft gut, weil sich die Nachfrage nun wieder auf heimische Produkte richtet. Die Tomaten würde man nicht mehr aus Holland beziehen, und das Olivenöl käme nicht mehr aus Italien. Vielmehr kämen diese Produkte wieder von den eigenen Bauern. Diese Effekte kriegt man im Euro nicht hin. Würde man eine Sparpolitik im Euro probieren, um das Land bei den Preisen zu drücken, gäbe es eine Massenarbeitslosigkeit, und dann würde das Land zusammenbrechen

FRAGE: Wie groß ist die Gefahr, dass nach Griechenland weitere Staaten kippen?
SINN: Ist der Austritt eine Gefahr oder eher eine Hoffnung? Das Problem ist ja: Wenn Griechenland in der Eurozone bleibt, müssen wir es weiter finanzieren. Griechenland hat mit dem Schuldenschnitt und den EZB-Krediten jetzt schon 500 Milliarden Euro gekostet. Das ist zweidreiviertel Mal so viel wie das Volkseinkommen von 180 Milliarden Euro. Das ist schlicht nicht tolerabel. Ich befürchte eine ähnliche Entwicklung bei Portugal. Wenn aber Griechenland in diesem Volumen gerettet wird, dann müssen wir auch Portugal so retten, dann müssen wir Spanien so retten und nachher auch Italien. Das haut uns alle um. Also ist es keine Befürchtung, dass nach Griechenland auch Portugal austritt. Die Befürchtung ist eher, dass es drin bleiben will und auch die Hand aufhält.

FRAGE: Sie haben wiederholt vor hohen Risiken im Zusammenhang mit Forderungen der Bundesbank an das System der EZB gewarnt. Um was geht es?
SINN: Das Kernproblem ist, dass die Südländer über ihre Verhältnisse gelebt haben und sich, nachdem sie keinen Kredit mehr bekamen, das nötige Geld selbst gedruckt haben. Damit haben sie dann Güter bei uns gekauft und ihre Schulden getilgt. Die deutschen Banken legten die Ersparnisse der Deutschen notgedrungen bei der Bundesbank an, und die Bundesbank hat eine sogenannte Target-Forderung gegen die EZB erhalten. Diese Forderungen gegen andere Eurostaaten kann sie aber nicht fällig stellen und sie sind nur mit einem Prozent verzinst. Hier wird unsere Altersvorsorge verbraten. Es geht immerhin um etwa 13 000 Euro je deutschem Erwerbstätigen oder insgesamt 547 Milliarden Euro.

FRAGE: Zur Konjunktur: Kann Deutschland 2012 trotz der Probleme Europas positiv überraschen?
SINN: Ja, aber nicht trotz, sondern wegen der Probleme. Die Krise ist ja der Haupttreiber des deutschen Wachstums, denn wegen der Krise suchen die Anleger den sicheren Hafen und investieren dort. Unser Wachstum wird nachfrageseitig heute vor allem durch den Investitionsboom erklärt, und die Investitionen sorgen zudem auch noch für eine höhere Produktionskapazität in der Zukunft. Die Zeit, in der zwei Drittel der deutschen Ersparnisse in andere Länder verschoben wurde, ist glücklicherweise vorbei. Banken, Versicherungen und andere investieren primär in Deutschland. Das sorgt für die beste Binnenkonjunktur seit 15 Jahren.

Prof. Hans-W. Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, war Gast bei der Stiftung der Metallindustrie im Nord-Westen und beim Arbeitgeberverband.

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