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„Zu viele unrealistische Hoffnungen und zu wenig Pragmatismus“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Energiewirtschaftliche Tagesfragen, 01.01.2012, Nr. 1/2, S. 54

Energiewirtschaftliche Tagesfragen, 01.01.2012, Nr.1/2, S. 54

Energiepolitischer Geisterfahrer Deutschland?

„et“: Herr Prof. Sinn, Sie haben die deutsche Energiewende als „Symbolpolitik“ oder „Luxus einer Überflussgesellschaft“ bezeichnet und auf viele Widersprüche und Unsinnigkeiten hingewiesen. Wo liegt der Kern Ihrer Kritik?

Sinn: Wir haben ein CO2-Problem und müssen aus den fossilen Energieträgern aussteigen. Kernkraft wäre eine Möglichkeit gewesen, doch die haben wir uns jetzt verbaut. Stattdessen werden wir für eine gewisse Zeit genug damit zu tun haben, die Atomenergie vor allem durch Windenergie zu ersetzen. Damit hat sich Deutschland von den Klimazielen verabschiedet.

„et“: Zu dieser Thematik haben Sie bereits 2008 das Buch „Das grüne Paradoxon“ geschrieben. Es scheint also noch immer aktuell zu sein.

Sinn: Ich denke, dass die Thesen nach wie vor aktuell sind. Die von mir beschriebenen Irrationalitäten der Klimapolitik sind leider nicht kleiner geworden. Obwohl das Buch seit letztem Frühjahr ausverkauft ist, haben sich die Politiker jedoch nicht damit auseinandergesetzt. Die Energiewissenschaftler hingegen haben international sehr stark reagiert, und das Buch hat eine umfangreiche Fachdiskussion in Gang gesetzt. Die dritte, aktualisierte Auflage wird in diesen Monaten erscheinen, übrigens auch auf Englisch.

„Europa versucht, fossile Energie zu sparen und reduziert die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen. Das wird auf die Welt so lange keinen CO2-Effekt haben, wie die fossilen Brennstoffe, die weltweit aus dem Boden herausgeholt werden, dann eben anderweitig verkauft und verbrannt werden. Das ist das Hauptproblem. Es macht keinen Sinn, wenn eine Gruppe von Ländern alleine den CO2-Ausstoß reduziert, solange die fossilen Brennstoffe anderen zur Verfügung stehen. Dann fällt das CO2 in jenen Ländern an.“ Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts und Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität München

„et“: Haben Sie eine Vermutung, warum Ihre kritischen Gedanken in der Politik bislang auf keinen fruchtbaren Boden fielen?

Sinn: Ich glaube, der Politik geht es weniger darum, sachliche Lösungen zu finden, als irgendwelche Emotionen der Bürger zu befriedigen. Das ist nicht neu, Deutschland war immer idealistisch. Das Land neigt seit der Romantik dazu, Ziele jenseits aller ökonomisch-technischen Wirklichkeit zu verfolgen. Des Weiteren haben die Grünen dieses Thema so voran gebracht, dass sich die anderen Parteien gezwungen sahen, sich auf sie hin zu bewegen und ihre Politik letztlich zu übernehmen.

„et“: Stimmt der Eindruck, dass Deutschland in der heutigen Energiediskussion zu wenig offen ist für neue technologische Entwicklungen jenseits von Wind- und Sonnenenergie?

Sinn: Das kann man so nicht sagen. Die Diskussion in Deutschland ist extrem mutig und nach vorne schauend, wenn es darum geht zu überlegen, was man alles machen könnte. Meiner Meinung nach herrscht viel zu viel Wagemut. Ich sehe viel zu viel unrealistische Hoffnungen und zu wenig Pragmatismus.

„et“: Zum Beispiel, wenn die Forschung an der Idee einer künstlichen Photosynthese arbeitet?

Sinn: Wieso sollte man das anstreben, wenn es doch die natürliche Photosynthese gibt? Ich glaube nicht, dass man die Photosynthese effizienter machen kann, als es die Natur tut. Das alles erscheint mir reichlich abwegig.

„et“: Der CO2-Abscheidung und -Speicherung, kurz CCS, widmen Sie im „grünen Paradoxon“ ein Kapitel und erläutern, dass es zu wenige Lagerstätten gibt, um diese Technologie weltweit einführen zu können. Haben Sie wenigstens zu dieser Überlegung ein Echo erhalten?

Sinn: Auch nicht. Die Grünen wollen CCS als mögliche Hoffnung darstellen, damit sie den Atomausstieg begründen können, und die Energieversorger bieten CCS gerne als möglichen Weg an, weil sich sonst die öffentliche Meinung gegen die Kohlekraftwerke richtet. Leider ist es so, dass der Speicherplatz hinten und vorne nicht ausreicht, um das bei der Verbrennung anfallende CO2 zu verpressen. Aus einem Kubikmeter Kohle entstehen mehr als fünf Kubikmeter flüssiges CO2, da der Sauerstoff beim Speichern auch mit untergebracht werden muss. Seit das Buch vor drei Jahren herauskam, hat man keine neuen Lagermöglichkeiten gefunden.

„et“: Auf welche Technologien sollte man sich angesichts des CO2-Problems, der Versorgungssicherheit und der Energiekosten konzentrieren?

Sinn: Auf den Atomstrom und man sollte die Kernfusion vorantreiben. Da sehe ich die größten Gewinnmöglichkeiten. Zwar ist der Weg lang und steinig, aber am Ende winkt die endgültige Überwindung des Energieproblems.

„et“: Grundlage der Energiepolitik sind Zukunftsszenarien. Können wir die Struktur von Industrie und Energieversorgung über Jahrzehnte hinaus überhaupt sinnvoll abschätzen?

„Wenn man den Emissionshandel hat, kann man mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nichts mehr verbessern, denn der Handel sorgt bereits dafür, dass man ein gegebenes Umweltziel mit minimalen Kosten oder bei gegebenen Kosten ein Maximum an Umweltqualität erreichen kann. Das kann man mit dem EEG nicht toppen, sondern nur verschlechtern. Wir sollten also das EEG abschaffen, dann wird der Strom billiger und es wird nicht mehr CO2 ausgestoßen, weil diese Emissionen durch den Handel gedeckelt sind.“ Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts und Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität München

Sinn: Szenarien fußen auf Wenn-dann-Rechnungen. Es wird untersucht, was gewisse Annahmen implizieren, ohne diese selbst verteidigen zu wollen, aber von irgendwelchen Annahmen muss man ja ausgehen. Der Leser kann sich dann selbst Gedanken machen, wie plausibel die verschiedenen Szenarien sind, oder eben nicht sind. Trotzdem kann man durchaus versuchen, makroökonomische Trends zu berechnen, indem man aus der Vergangenheit etwa Zinsverläufe oder Preissteigerungen einbezieht, und so, ohne im Detail die Wirtschaftsentwicklung vorhersagen zu müssen, gewisse strukturelle Trends abbildet. Nur, es ist ganz klar, über so lange Zeiträume ist das mit extremen Unsicherheiten behaftet. Am ifo haben wir Szenarienrechnungen zur Rentenproblematik und zur Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen durchgeführt. Ansonsten prognostizieren wir vornehmlich im konjunkturellen Bereich und legen unsere Modelle nur auf ein Jahr an.

„et“: Zur Erreichung der klimapolitischen Ziele für 2050 setzt Deutschland fast ausschließlich auf erneuerbare Energien und Energieeinsparung, während die EU auch Kernenergie und effiziente fossile Kraftwerke einbezieht. Rührt daher Ihr Vorwurf, die Deutschen seien „energiepolitische Geisterfahrer“?

Sinn: Deutschland ist sicherlich ein Geisterfahrer beim Atomausstieg. Nur Belgien möchte bis 2020 ebenfalls aussteigen, ansonsten folgt diesem Kurs fast kein anderes Land. Die Schweiz will nach 2030 aussteigen. Das ist fast dasselbe, wie nicht auszusteigen. In den kommenden Jahrzehnten wird es wieder viele neue Politiker geben, und man wird sich wieder alles neu überlegen. Wer einen Weg geht, den andere nicht gehen, wer vorangehen will, um die Welt zu führen, wie das Deutschland bei der Energiefrage vorhat, für den ist es hin und wieder ratsam, sich umzuschauen, ob andere nachfolgen.

„et“: Warum ist der deutsche Atomausstieg aus Ihrer Sicht so problematisch?

Sinn: Wenn man neue technologische Entwicklungen bei der Kernkraft nicht in Erwägung zieht, bleiben nur Wind- und Solarstrom, aber das sind beides keine besonders ergiebigen Wege, zumal dieser Strom ja stochastisch anfällt. Viele Leute vergleichen die Kilowattstunden miteinander, aber ein Kilowatt Grundlast ist etwas anderes, als Strom, der nur zur Verfügung steht, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint, nicht aber dann, wenn die Wirtschaft ihn braucht. Dieser Strom ist so wertlos, dass die Strompreise in Deutschland manchmal negativ sind. Wenn in Norddeutschland am Sonntagmorgen der Wind weht und die Leute noch in ihren Betten liegen, müssen die Kraftwerksbetreiber ausländischen Abnehmern Geld bezahlen, damit sie den Windstrom übernehmen. Ich halte den Sonderweg Deutschlands für vollkommen falsch. Man muss sich mit den Nachbarn abstimmen.

Irrationalismen der europäischen und nationalen Klimapolitik

„et“: Wie bewerten Sie die deutschen und europäischen Ansätze in der Klimapolitik im Kontext globaler Interessenlagen?

Sinn: Europa versucht, fossile Energie zu sparen und reduziert die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen. Das wird auf die Welt so lange keinen CO2-Effekt haben, wie die fossilen Brennstoffe, die weltweit aus dem Boden herausgeholt werden, dann eben anderweitig verkauft und verbrannt werden. Das ist das Hauptproblem. Es macht keinen Sinn, wenn eine Gruppe von Ländern alleine den CO2-Ausstoß reduziert, solange die fossilen Brennstoffe anderen zur Verfügung stehen. Dann fällt das CO2 in jenen Ländern an.

„et“: Darum Ihre These, die Abbaugeschwindigkeit fossiler Energieträger zu vermindern?

Sinn: Genau, nur über das Angebot an Kohlenstoff kommt man zum Ziel. Unilaterale Nachfragebeschränkungen sind nutzlos. Diese Chance besteht jedoch nur im weltweiten Maßstab, und wenn man das nicht hinkriegt, schreitet der Klimawandel weiter voran. Es gibt Leute, die glauben, man könne den Klimawandel mit anderen Maßnahmen abschwächen. Das wage ich zu bezweifeln. Das einzige wäre die CO2-Sequestrierung, doch die stößt auf Platzprobleme und wäre schwierig umzusetzen. Keiner möchte über einem CO2-Speicher wohnen.

„et“: In der deutschen Energiepolitik werden vielfältige Instrumente gleichzeitig eingesetzt. Im Stromsektor sind der Emissionshandel und das EEG bestimmend. Wie beurteilen Sie deren Zusammenspiel?

Sinn: Beide Maßnahmen verfolgen das gleiche Ziel, eine ist also überflüssig. Wenn man den Emissionshandel hat, kann man mit dem EEG nichts mehr verbessern, denn der Handel sorgt bereits dafür, dass man ein gegebenes Umweltziel mit minimalen Kosten oder bei gegebenen Kosten ein Maximum an Umweltqualität erreichen kann. Das kann man mit dem EEG nicht toppen, sondern nur verschlechtern. Wir sollten also das EEG abschaffen, dann wird der Strom billiger und es wird nicht mehr CO2 ausgestoßen, weil diese Emissionen durch den Handel gedeckelt sind.

„et“: Wäre ein Brennstoffwechsel von Kohle zu Gas vor dem Hintergrund des Emissionshandelssystems sinnvoll?

Sinn: Das muss jedes Unternehmen selbst abwägen. Der Emissionshandel sorgt dafür, dass die technisch richtigen Entscheidungen von den Märkten getroffen werden. Die Politik muss derartige Dinge nicht entscheiden.

„Die Diskussion in Deutschland ist extrem mutig und nach vorne schauend, wenn es darum geht, zu überlegen, was man alles machen könnte. Meiner Meinung nach herrscht viel zu viel Wagemut. Ich sehe viel zu viele unrealistische Hoffnungen und zu wenig Pragmatismus.“ Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts und Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität München

„et“: Können umweltpolitische Vorschriften überhaupt gesamtwirtschaftlich positive Effekte bewirken und wer sind die Gewinner und Verlierer der Energiewende?

Sinn: Im Prinzip sind umweltpolitische Vorschriften nicht schlecht, wenn es lokale Externalitäten sind, die man internalisiert, aber bei CO2 bringt das gar nichts, weil man, wie oben bereits erwähnt, ein weltweites Problem hat, das auch nur weltweit gelöst werden kann. Was den zweiten Teil Ihrer Frage anbelangt: Während die Unternehmen, die umweltökonomische Technik herstellen, davon profitieren, müssen die Verbraucher höhere Strompreise bezahlen. Deren Lebensstandard fällt also, weil sie mehr von ihrem Einkommen für Energie aufwenden müssen. Doch die profitierenden Produzenten sitzen zum großen Teil gar nicht in Deutschland. Die Förderung des grünen Stroms geht vor allem an die Hersteller in China.

Gibt es einen Generalschlüssel?

„et“: Gibt es einen Generalschlüssel für den Weg in eine nachhaltige Energiewirtschaft?

Sinn: Im Prinzip ist es gut, sich zunutze zu machen, dass Sonne und Wind umsonst sind. Indes sind die technischen Einrichtungen, die man braucht, um die Energie in der Fläche einzusammeln, sehr teuer. Mit „Nachhaltigkeit“ habe ich in diesem Zusammenhang Schwierigkeiten. Der Begriff stammt aus der Forstwirtschaft und meint: So viele Bäume, wie nachwachsen, darf man fällen. Ich empfinde das Nachhaltigkeitskonzept als ein normativ problematisches Konzept, da es bei erschöpfbaren Ressourcen wie den Bodenschätzen nicht passt. Sollen wir aufhören, sie abzubauen? Wichtig ist, dass man sich alle Wege offen hält, die Energie aus verschiedenen Quellen bezieht, damit man ausweichen kann, wenn eine ausfällt, und dass die Energie hinreichend preisgünstig ist. In Bezug auf das CO2-Ziel kommt es darauf an, dass weniger CO2-Emissionen anfallen, aber das macht nur weltweit Sinn. Die Amerikaner und Chinesen müssen also mitmachen.

„et“: Wie könnte man diese Länder ins Boot holen?

Sinn: Indem man energisch verhandelt. Und wenn sie nicht einsteigen wollen, könnte man Steuern auf CO2-intensive Produkte erheben, die importiert werden. Die Umweltminister müssen versuchen, einen gemeinsamen Ansatz zu finden.

„et“: Herr Prof. Sinn, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte André Behr, Wissenschaftsjournalist, Zürich

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