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«Warum bezahlt die Schweiz nicht?»

Interview mit Hans-Werner Sinn, 20minuten.ch, 09.03.2012

von S. Spaeth - Hans Werner Sinn gilt als Vordenker, Dickkopf, Zyniker. Deutschlands bekanntester Ökonom über die Fehler der Euro-Rettung, Kanzlerin Merkels miese Lage und seine Forderung an die Schweiz

 

Herr Sinn, schmerzt es Sie zu sehen, dass Deutschland ständig Geld nach Griechenland schickt?

Natürlich schmerzt es, wenn das Portemonnaie geleert wird. Es ist die Altersvorsorge der Deutschen, aus der wir die gigantische Griechenland-Hilfe finanzieren.

Warum machen Sie als Schweizer eigentlich nicht mit?

Die Schweiz ist weder EU-Mitglied noch Euro-Land.

Was hat denn das mit Euro und EU zu tun? Es geht um gutnachbarschaftliche Hilfe und Hilfe für die Banken Europas, auch die Schweizer Banken. Darum müsste auch die Schweiz bei der Euro-Rettung mitzahlen. Provokativ gesagt: Ich sehe nicht ein, weshalb Deutschland eine grössere Verpflichtung hat als die Schweiz, England oder Schweden. Wer nicht im Euro ist, macht sich das Leben leicht, indem er von den noch leidlich intakten Euro-Staaten ständig erwartet, dass sie sich um die Rettung von Euro-Mitgliedsländern bemühen. Griechenland ist genauso Nachbar der Schweiz wie Deutschlands. Der Euro ist keine Transferunion, sondern eine Währungsunion.

Muss Deutschland für den Euro bluten, weil es jahrelang von der Eurozone profitiert hat?

Bis zur Krise war Deutschland der grosse Verlierer des Euro. Durch die Angleichung der Zinsen in Europa ist viel Kapital aus Deutschland abgewandert. Wir hatten lange Zeit die niedrigste Wachstumsrate in Europa, hatten eine Massenarbeitslosigkeit und die niedrigste Netto-Investitionsquote aller OECD-Länder. Unter dem Euro floss das deutsche Sparkapital in andere Länder, was sich in den Leistungsbilanzüberschüssen zeigte. Zu sagen, Deutschland hätte davon profitiert, ist absurd. Richtig ist aber, dass wir nach der Krise schneller aufgekommen sind als die anderen, weil sich das Kapital der deutschen Sparer nicht mehr aus dem Land traut. Aber das lag nicht am Euro, sondern an der Krise desselben.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Angela Merkel: Wie würden Sie vorgehen?

Frau Merkel ist nicht zu beneiden. Sie wird auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte stark bedrängt. Wenn wir nicht zahlen, kommen gleich die Nazi-Flaggen. Deutschland ist sehr empfänglich für den Druck, weshalb die anderen bewusst Druck aufbauen. Ich weiss nicht, wie Frau Merkel aus dieser Situation wieder rauskommen soll. Ich rate nur, das Portemonnaie nicht so weit aufzumachen, wie es die Kapitalmärkte und ihre Postillen verlangen. Wenn wir von Anlegern aus der ganzen Welt Forderungen gegen die Südländer übernehmen, die unsere Kinder später eintreiben müssen, wird es dort noch mehr Nazi-Flaggen geben.

Am EU-Gipfeltreffen letzte Woche hiess es, man wolle vom Krisen- auf Wachstumskurs umschalten. Teilen Sie diesen Optimismus?

Nein, dieser Optimismus ist verfrüht. Ich glaube nicht, dass Europa an einer Rezession vorbeikommen wird. Wenn die EZB jetzt billiges Geld zur Verfügung stellt, verschwinden weder die Ungleichgewichte noch die Schulden. Die Eurokrise ist lediglich von EZB-Milliarden übertüncht worden. Die Staaten, die sich übernommen haben, müssen gesundschrumpfen, nicht wachsen.

Warum?

Das Grundproblem ist, dass die Länder des Südens nicht wettbewerbsfähig sind, riesige Aussenschulden angehäuft haben und einen Lebensstandard führen, der ihrer Produktivität nicht entspricht. In einer solchen Situation ist Wachstum das falsche Rezept, denn das Wachstum der Einkommen erhöht die Importe nur noch mehr, was die Verschuldungsproblematik verschärft. Wer auf zu grossem Fusse lebt und sich mit Krediten finanziert, muss den Lebensstandard senken.

Was also ist zu tun?

Die hochverschuldeten Länder müssen ihre Importe runter und die Exporte rauf bringen. Das geht aber nur, wenn Preise und Löhne sinken. Das hätte zur Folge, dass Importe teurer werden – und man sie sich nicht mehr leistet. Die Nachfrage würde in der Folge auf heimische Ware umgelenkt, wovon die eigene Wirtschaft profitiert. Ausserdem könnte man wieder mehr exportieren, weil man wettbewerbsfähiger wird.

Versteht das die Politik?

Nein, für die Politik ist Wachstum das Zauberwort. Mit Wachstum meinen sie stets neue Verschuldung und eine Lastverschiebung auf zukünftige Generationen.

Wie ließe sich eine Senkung von Löhnen und Preisen umsetzen?

Realistischerweise ist eine Anpassung nur mit einer länger anhaltenden Wirtschaftsflaute in einzelnen Euroländern zu erreichen. Es ist wie beim Nachbarn, der über seine Verhältnisse gelebt hat und sich eine Villa und zwei dicke Autos geleistet hat. Er kann auch nicht einfach aus der Situation herauswachsen, er muss sich gesundsparen. Klar ist: Es ist kein Zuckerschlecken, sich anzupassen.

Sie haben gefordert, den Griechen Geld zu geben, um ihnen den Euro-Austritt zu erleichtern. Haben Sie sich nicht getraut zu sagen: «Die Griechen müssen raus!»?

Ich sage schon seit langem, dass es im Interesse der Griechen ist, auszutreten. Um wettbewerbsfähig zu werden, müssten sie ihre Löhne und Preise um mindestens 30 Prozent senken. Das ist im Euro aber kaum zu machen. Es käme zu massiven Protesten. Die Gewerkschaften gingen auf die Strasse, und die Firmen der Realwirtschaft gerieten in die Überschuldung, weil ihre Aktiva im Wert fielen, während ihre Bankschulden blieben. Viel einfacher ist es, wenn Griechenland aus dem Euro austritt und alle Schuldverhältnisse im Inland in Drachmen umtauscht.

Wie sollten die Griechen zu dieser Einsicht kommen?

Griechenland würde sofort austreten, wenn Europa der Regierung den Geldhahn zudrehen würde. Athen hat Hilfen von 500 Milliarden Euro bekommen. Das ist fast dreimal das Volkseinkommen von 180 Milliarden. Meines Erachtens liegt das alles schon lange ausserhalb jedweder sinnvollen Proportion.

Mögen Sie eigentlich den Euro – oder hätten Sie lieber die D-Mark zurück?

Ich hätte nicht lieber die D-Mark. Der Euro ist eigentlich sinnvoll für Europa. Er hat eine hohe Integrationskraft. Zudem brauchen wir ein gemeinsames Währungssystem für den Handel und Austausch in Europa.

Rückblickend betrachtet, hätte man in der Euro-Krise nie mit Staatsrettungen beginnen sollen?

Zwei Jahre Liquiditätshilfe kann man gewähren. Die Art von Dauerhilfe, die nun entstanden ist, geht aber weit darüber hinaus. Die Strapazierfähigkeit der Geberländer ist an ihre Grenzen gelangt. Ganz gefährlich ist es zudem, wenn die Hilfen beispielsweise von der EZB kommen oder man für den Rettungsschirme lediglich Haftungsgarantien abgibt. Diese versteckten Hilfen werden uns später mal auf die Füsse fallen.

Hans-Werner Sinn ist der bekannteste deutsche Ökonom. Kaum eine Stimme der Bundesrepublik in Sachen Eurokrise mehr Gewicht als jene des 63-jährigen, gebürtigen Westfalen. Professor Dr. Dr. h.c Sinn ist Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München und Direktor des Münchner Center for Economic Studies der Ludwig-Maximilian-Universität. Sinn ist Autor mehrerer Sachbücher, darunter «Ist Deutschland noch zu retten?» und «Kasinokapitalismus». Derzeit arbeitet Sinn an einem Buch zum Thema Eurokrise. Es soll im kommenden Herbst erscheinen. Seine Öffentlichen Auftritte und die provokanten Botschaften haben Sinn auch Kritik eingebracht: Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» nannte Sinn kürzlich «Dickschädel unter den Wirtschaftsprofessoren».

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