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„Unser Geld ist sicher – vorläufig“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Münchner Merkur, 30.12.2011, Nr. 301, S. 2

10 Jahre Euro: Interview mit Hans-Werner Sinn


Zehn Jahre nach seiner Einführung steht der Euro im Feuer. Was geschieht mit dem gemeinsamen europäischen Geld? Und wie sicher sind Anlagen in Bargeld, Anleihen und Aktien? Wir sprachen darüber mit Professor Hans-Werner Sinn, dem Chef des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

- Professor Sinn, vor zehn Jahren wurde der Euro als Bargeld eingeführt. Haben Sie sich gefreut?

Ja. Weil ich den Euro für einen wichtigen Schritt der europäischen Integration ge-halten habe, der die Völker Europas wirtschaftlich, aber auch politisch und psycholo-gisch zusammenschweißt.

-Wie fällt Ihre Bilanz dieser zehn Jahre heute aus?

Das Euro-Experiment ist ziemlich schiefgegangen. Die Befürchtungen, die die Euro-Gegner – zu denen ich nicht gehörte – hatten, haben sich in einer Schärfe und Intensität bewahrheitet, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

-Also lag die Bundesbank richtig, die eine gemeinsame Währung erst als Krönung einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik befürwortete?

Ja. Aber was folgt daraus? Jedenfalls nicht, dass man aus dem Euro raus sollte. Meine Position ist: Der Euro ist im Prinzip richtig, aber er hat Konstruktionsfehler, die man überwinden muss. Das heißt nicht, dass man den Euro abschaffen oder ihn in einen Nord- und Süd-Euro teilen sollte.

-Heute stecken wir in einer schweren Krise. Wie sicher ist unser Geld noch?

Unser Geld ist vorläufig sicher. Falls der Euro zerbricht – was man ja nicht mehr ausschließen kann – würde die D-Mark tendenziell aufwerten – also im Vergleich zu anderen Währungen wertvoller. Wer dann ein Konto in Deutschland hat, wäre auf der sicheren Seite.

-Auch wenn Eurobonds eingeführt würden?

Wenn man die Politik fortsetzt, Schulden zu vergemeinschaften, verschlechtert sich Deutschlands Bonität. Dann muss der Staat künftig deutlich höhere Zinsen für seine Schulden zahlen. Wir rechnen mit einer Mehrbelastung von mittelfristig 50 Milliarden pro Jahr für das Staatsbudget. Das sind 17 Transrapidstrecken pro Jahr, eine gewaltige Summe. Außerdem kann es ja sein, dass die Garantien, die wir geben, fällig werden. Dann verlieren wir erhebliche Teile unseres Auslandsvermögens. Es gibt also große Gefahren. Ob sie eintreten, hängt davon ab, welche Strategien die Politiker in Europa wählen werden.

-Die Politik sagt aber, die Deutschen hätten in den vergangenen Jahren in starkem Maße vom Euro profitiert.

Nein, das stimmt so nicht. Es war klar, dass wir Deutschen nicht direkt profitieren würden, weil Kapital aus Deutschland in die Peripherie abwandert. Aber das musste man hinnehmen als Stück gewünschter Konvergenz in Europa. Was inzwischen passiert ist, geht aber weit über das sinnvolle Maß an Kapitalabwanderung und Konvergenz hin-aus. Es hat in der Folge in den südlichen Ländern ein extrem stürmisches Wirtschafts-wachstum gegeben mit stark inflationären Tendenzen, so dass sich eine Blase gebildet hat, die jetzt geplatzt ist. Das ist die Krise, in der wir uns befinden. Die Kapitalabwan-derung selbst hatte Deutschland zum Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum in Europa gemacht, die Investitionen zum Versiegen gebracht und eine Massenarbeitslosigkeit er-zeugt.

-Wer hat am meisten verloren?

Man muss unterscheiden zwischen Bürgern, die Vermögen haben, und denen, die nur ihren Arbeitslohn haben. Letztere haben mit Sicherheit verloren, weil durch die Abwanderung des Kapitals in die Peripheriestaaten der Spielraum für Lohnerhöhungen klein war. Wir hatten ein schlechtes Wachstum unter dem Euro, und deshalb konnten die Löhne nicht stark steigen. Dafür ist der Euro nicht allein verantwortlich, doch ist er mitverantwortlich.

-Haben Vermögende durch höhere Zinsen vom Euro profitiert?

Sie hätten profitieren können, wenn die höheren Zinsen auch gezahlt worden wären.

-Wenn sie also keine griechischen Staatsanleihen gekauft hätten...

Die Vermögenden stellen jetzt fest, dass sie ihr Geld nicht wiederkriegen. Die Zin-sen standen nur auf dem Papier. Insofern haben sowohl die Arbeitnehmer als auch Ver-mögensbesitzer gleichermaßen unter dem Euro gelitten.

-Aber wenn wir die D-Mark noch hätten: Würde die dann nicht viel stärker schwan-ken und Exporte in die Nachbarländer erschweren?

Wir hätten ohne den Euro vielleicht weniger Exporte gehabt. Es hätte dafür aber eine viel stärkere binnenwirtschaftliche Nachfrage gegeben, weil ein Teil des Geldes, das mit dem Euro ins Ausland floss, in Deutschland investiert worden wäre. Das hätte zu mehr Wachstum und zu Lohnsteigerungen geführt. Auch hätten wir die Massenar-beitslosigkeit des letzten Jahrzehnts teilweise vermeiden können. Es wäre uns besser gegangen.

-Obwohl Deutschland ein Exportland ist?

Ja, denn wenn ein Land seine Ersparnisse im Inland investiert, anstatt sie dem Aus-land zu leihen, entsteht zu Hause bei der Investitionsgüterindustrie, vor allem im Bau, mehr Nachfrage, als an Exportnachfrage verloren geht. Außerdem entstehen durch die Investition neue Arbeitsplätze, was ein Wachstum der Produktion im Inland und Lohn-steigerungen ermöglicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass der Ex-port schlecht ist. Nur kann der Export nicht kompensieren, was an inländischer Beschäf-tigung verloren geht, wenn das Kapital abwandert, wie es unter dem Euro passiert ist.

-Viele Bürger haben das Gefühl, dass der Euro eigentlich Teuro heißen müsste. Täuschen sie sich?

Ja, die täuschen sich gewaltig. Die Statistiken sind hier eindeutig. Wir hatten unter dem Euro wesentlich weniger Inflation als unter der D-Mark. Der Euro brachte die Wirtschaftsflaute der Schröder-Ära, und in einer solchen Flaute steigen die Preise kaum.

-Wird es den Euro in drei Jahren noch geben?

Ich weiß es nicht, aber ich halte das für den deutlich wahrscheinlicheren Fall.

-In der jetzigen Form?

Es könnte sein, dass Griechenland, vielleicht auch Portugal dann nicht mehr dabei sind. Auf jeden Fall werden wir immer größere Vermögensrisiken eingehen.

-Italien und Spanien haben das Potenzial, um mit dem Euro zu leben?

Ja, ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie noch dabei sein werden. Vermutlich werden sogar alle Länder noch dabei sein, weil die Länder, die Schwierigkeiten haben, entsprechend subventioniert werden. Aber das weiß kein Mensch. Es gibt heute so viele Szenarien: Dass erste ist, dass der Euro zerbricht. Das zweite ist, dass man Eurobonds einführt und dass sich die Länder der Peripherie weiter munter verschulden, wie in der Zeit vor der Krise auch schon. Das dritte Szenario ist ein Durchwurschteln à la Frau Merkel. Das halte ich für die richtige Strategie. Ich würde das Portemonnaie nur noch etwas stärker geschlossen halten als sie.

-Und welches Szenario ist das wahrscheinlichste?

Das Durchwurschteln.

-Viele Deutsche stellen sich die Frage, wie sie ihr Geld noch sicher anlegen können. Was machen Sie mit Ihrem Geld?

(lächelt) Als Hochschulprofessor stellt sich diese Frage nicht wirklich.

-Aber, aber, Herr Sinn...

Ich will nicht kokettieren. Man kann versuchen, in Immobilien zu investieren.

-Was ist mit Aktien?

Die sind immer wertvoll, klar. Da ist man auf der sicheren Seite. Hier in Deutsch-land ist man eigentlich gut bedient. Es gibt gerade eine gewaltige Kapitalflucht aus Frankreich und Italien nach Deutschland. Wenn man schon hier ist, kann man doch froh sein.

-Wie sieht es mit Bargeld auf dem Konto aus?

Das ist auch kein Problem. Selbst wenn der Euro zerbrechen würde und das Geld würde in D-Mark umgetauscht, gäbe es allenfalls noch einen Aufwertungsgewinn.

-Und bei Staatsanleihen? Nur deutsche, keine italienischen?

Die italienischen sind gut verzinst. Natürlich gibt es ein Ausfallrisiko. Aber die Ita-liener haben eine kräftige Wirtschaft, und sie werden die Steuern erhöhen, um ihre Schulden bedienen zu können. Ich hoffe, das reicht, um die Gläubiger zu überzeugen.

-Rechnen Sie persönlich eigentlich auch zehn Jahre nach der Einführung noch manchmal in D-Mark um?

Ja, immer noch. Insbesondere, wenn ich meiner Frau klarmachen möchte, dass ein Betrag groß ist.

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