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Dann scheint die Sonne

Interview mit Hans-Werner Sinn, Der Spiegel, 07.11.2011, S. 25

Der Ökonom Hans-Werner Sinn, 63, über eine mögliche Wiedereinführung der Drachme in Griechenland


SPIEGEL: Herr Sinn, die Griechen haben das Referendum abgesagt, sie wollen den Euro behalten und sich von Europa retten lassen. Können wir jetzt aufatmen?

Sinn: Was die Politiker als Rettung bezeichnen, rettet Griechenland in Wahrheit nicht. Mit dem Euro kommen die Griechen nie wieder auf einen grünen Zweig. Ihr Land ist nicht konkurrenzfähig. Die Löhne und Preise sind viel zu hoch, und die Retterei fixiert diesen Zustand. Es ist deshalb im Interesse Griechenlands, aus dem Euro auszusteigen und die Drachme wieder einzuführen.

SPIEGEL: Wie soll dass funktionieren? Sinn: Es muss schnell gehen. Die griechischen Banken müssen für eine Woche geschlossen werden. Es werden alle Konten, alle Bilanzen und auch die Staatsschulden auf Drachme umgestellt, und dann wertet die Drachme ab.

SPIEGEL: Jeder Grieche würde versuchen, noch schnell sein Konto zu räumen. Es würde zu Tumulten kommen.

Sinn: Da muss man durch. Es gibt ein lokales Gewitter, und dann scheint wieder die Sonne. Die reichen Griechen haben ihr Geld doch längst im Ausland in Sicherheit gebracht. Das Geld kommt erst wieder zurück, wenn Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit wiederhergestellt hat.

SPIEGEL: Welcher Wechselkurs soll zwischen Euro und Drachme gelten?

Sinn: Wenn Griechenland um 44 Prozent abwertet, ist es so teuer wie die Türkei. Die griechischen Produkte lassen sich dann wieder verkaufen, und die Touristen kommen zurück.

SPIEGEL: Das Geld, das ausländische Banken und Staaten den Griechen geliehen haben, wäre weg. Ist ein solcher Schaden verkraftbar?

Sinn: Die Gläubiger würden die Hälfte ihres Geldes verlieren, aber das haben sie ja ohnehin schon akzeptiert. Mehr wird es nicht.

SPIEGEL: Und die europäischen Staaten? Welchen Schaden hätten sie?

Sinn: Wirtschaftlich hätten sie eher Vorteile. Die Geberländer müssen weniger helfen, weil Griechenland sich selbst hilft. Es wird für sie erheblich billiger, zumal auch die anderen Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt haben, den Ernst der Lage begreifen und endlich versuchen werden, sich zu retten.

SPIEGEL: Glauben Sie im Ernst, die Griechen könnten es mit einer schwachen eigenen Währung schaffen, ihren Zahlungsverpflichtungen in Euro nachzukommen?

Sinn: Nur wenn sie aus dem Euro austreten, können sie Außenhandelsüberschüsse erwirtschaften. Und nur dann können sie etwas zurückzahlen. Sonst bleiben sie ewig am Tropf.

SPIEGEL: Wenn Griechenland aus dem Euro aussteigt, wer folgt dann als Nächster?

Sinn: Portugal ist gefährdet. Italien kann es schaffen, wenn es seine Reformen nicht nur ankündigt, sondern auch durchführt.

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