Main Content

H.-W. Sinn: "Der Rettungsschirm ist schon zu groß"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Handelsblatt, 13.01.2011, Nr. 9, S. 7

Die EU diskutiert eine Erweiterung des Rettungsschirms für Krisenländer der Euro-Zone. Darüber sprach Dirk Heilmann mit Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Ifo-Instituts.

Handelsblatt: Herr Professor Sinn, wäre die Erweiterung des Rettungsschirms ein sinnvoller Schritt?

Hans-Werner Sinn: Unter keinen Umständen. Wir würden uns damit immer tiefer in eine Haftungsgemeinschaft hineinbegeben. Wir haben ja gesehen, wie es Irland ging. Das Land dachte, es müsste einen möglichst großen Rettungsschirm für seine Banken aufspannen, um die Märkte zu beruhigen, und nun steckt es selbst in der Tinte. Das kann Deutschland ganz ähnlich passieren.

Handelsblatt: Der Rettungsschirm muss aber doch zumindest so groß sein, dass auch Spanien aufgefangen werden kann.

Sinn: Der Rettungsschirm ist geschaffen worden, um eine Liquiditätskrise zu be-kämpfen. Also muss er genug Geld haben, um für ein, zwei Jahre die Ablösung auslau-fender Staatsanleihen der Krisenländer zu finanzieren. Dafür sind 750Milliarden Euro schon viel zu viel. Was der portugiesische Kommissionspräsident will, ist ein Schutz gegen Insolvenz. Wir sollen versprechen, die Schulden anderer Länder gegebenenfalls zu übernehmen. Gegen dieses Verlangen müssen wir uns wehren.

Handelsblatt: Sollte der Rettungsschirm die Möglichkeit haben, Anleihen von Euro-Staaten aufzukaufen, um die Märkte zu beruhigen?

Sinn: Nein. Kurspflege auf dem Anleihemarkt ist nicht nötig, um die Liquidität der Euro-Länder zu sichern. Wenn der Rettungsschirm nun auch noch Anleihen kauft, dann übernimmt er, ebenso wie die Europäische Zentralbank es getan hat, die Haftung für einen Teil der Schulden der Krisenländer. Das läuft dann auf eine echte Vermögensum-verteilung hinaus.

Handelsblatt: Aber wie sollen die Kreditnehmer aus der Überschuldung heraus-kommen, wenn nicht die Zinsen für Hilfskredite des Rettungsschirms gesenkt werden?

Sinn: Auch das hielte ich für falsch. Die Zinsen, zu denen die Kredite vergeben wurden, sind ohnehin schon zu niedrig. Als bei der Euro-Einführung die Zinsen gesenkt wurden, haben die Länder ja auch nicht gespart, sondern ganz im Gegenteil noch mehr Schulden gemacht.

Handelsblatt: Sollten wir nichts mehr unternehmen, um den Krisenländern zu hel-fen?

Sinn: Liquiditätshilfen für zwei, maximal drei Jahre sind o.k. Mehr nicht. Wir kön-nen nicht mit unserem Geld sicherstellen, dass diese Länder weiterhin über ihre Ver-hältnisse leben.

Heilmann, Dirk Hinrich

Ihre Fragen und Kommentare

Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!

Pressekontakt

Harald Schultz

ifo Institut
Presse, Redaktion, Konferenzen
Telefon: +49(0)89/9224-1218
Fax: +49(0)89/9224-1267
E-Mail: schultz @ ifo.de
Website


Short URL: www.ifo.de/de/w/3oKeNeB4r