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Griechenland, Irland und Portugal werden nicht in der Lage sein, ihre Schulden zurück zu zahlen

Interview mit Hans-Werner Sinn
portfolio.hu, 28.10.2010

Die Konjunktur in Deutschland dieses Jahr sehr gut gelaufen. Hat es Sie überrascht, wie gut?

Seit dem Winter wussten wir, dass die Konjunktur sehr stark anzieht, denn das zeigte der ifo-Indikator. Allerdings wurde es schneller besser, als wir es zu hoffen gewagt hatten. Was ist der Grund für die unerwartet zügige Überwindung des Produktionseinbruchs? Es ist eine Mischung aus den Exporterfolgen bei den Schwellenländern und einem extrem starken Anstieg der Binnenkonjunktur, insbesondere bei den Investitionen in Ausrüstungen und am Bau.

Gibt es für diese wirtschaftlichen Erfolge so etwas wie ein deutsches Rezept?

Ja, die finanzielle Solidität. Deutschland hat die Schuldenbremse in sein Grundgesetz geschrieben, während sich viele andere Länder hemmungslos verschuldet haben. Die Banken trauen sich heute nicht mehr, das deutsche Sparkapital in Griechenland, Spanien oder Amerika anzulegen, sondern bieten es in Deutschland an. Das ist der Hauptgrund für die gute Investitionskonjunktur. Kapital ist das Blut der kapitalistischen Systeme. Unter dem Euro hat Deutschland jahrelang Bluttransfusionen in die Defizitländer Europas geleistet. Dadurch erschlaffte seine Wirtschaft. Aber seit der Finanzkrise ist es damit vorbei. Jetzt kann das Land wieder gesunden.

Deutschland hat im internationalen Vergleich eine niedrige Arbeitslosigkeit. Gibt es da einen Zusammenhang mit dem Sozialsystem?

Einerseits lieg das an der erwähnten Umlenkung der Kapitalströme, andererseits an der deutschen Sozialreform von 2004, die Deutschland ein Lohnzuschusssystem gebracht hat, durch das der Niedriglohnsektor wieder errichtet wurde, der zuvor durch eine jahrzehntelange Politik der Verringerung der Lohnspreizung vernichtet worden war.

Welche Belastungen kommen auf die deutschen Steuerzahler durch die Haushaltsprobleme in Griechenland, Irland, Spanien und Portugal zu?

Erhebliche. Deutschland haftet für über 200 Milliarden Euro für die Staatspapiere der überschuldeten Länder. Griechenland, Irland und Portugal werden nicht in der Lage sein, ihre Schulden zurück zu zahlen.

Was ist das größte makroökonomische Problem der schwächeren Länder?

Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt und zu viel Kapital importiert. Hätte man das importierte Kapital wenigstens investiert, wäre man heute leistungsfähiger, aber das geschah in unzureichendem Umfang. Heute sollen sie ihre Schulden zurückzahlen und können es nicht.

Finden Sie die Nachrichten über die wirtschaftliche Entwicklung Osteuropas beunruhigend? Wo sieht es besser aus? Wie steht es in Ungarn?

Das Bild ist gemischt. Polen hat die Krise glänzend überstanden. Tschechien und die Slowakei sind im Aufschwung. Ungarn hatte massive Schwierigkeiten, weil sich die Leute zu stark verschuldet hatten, noch dazu in Fremdwährung. Ich hoffe, dass dieses Vabanque-Spiel jetzt ein Ende hat. Die Ungarn sind starke und fleißige Menschen. Ich traue ihnen zu, mit Hilfe eines eisernen Sparkurses wieder auf den Pfad der Tugend zurück zu kehren.

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