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Deutschland hat unter dem Euro extrem gelitten

Interview mit Hans-Werner Sinn, Der Standard, 31.12.2010, Nr. 307, S. 15

Griechenland wird die Sanierung seines Budgets nicht schaffen, die erforderlichen Einsparungen würden das Land an den Rand eines Bürgerkrieges treiben, sagt der deut-sche Ökonom Hans-Werner Sinn zu András Szigetvari.

Standard: 2010 war ein turbulentes Jahr für die Gemeinschaftswährung: Hatten Sie 2010 irgendwann Angst um den Euro?

Sinn: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Der Euro war nie in Gefahr. Die Schuldenkrisen einzelner Länder wurden zur Systemkrise des Euro hochstilisiert, um den Naturkatast-rophenparagrafen des Maastrichter Vertrages aktivieren zu können und somit die Euro-hilfen rechtlich zu legitimieren. Das deutsche Verfassungsgericht hat diesen Schwindel nicht akzeptiert.

Standard: Dabei wurde gerade der deutschen Kanzlerin Angela Merkel vorgewor-fen, durch ihr Zögern bei der Griechenlandhilfe den Euro gefährdet zu haben. Wie beur-teilen Sie Merkels Arbeit?

Sinn: Frau Merkel hat tapfer gekämpft. Am Ende hat sie das Portemonnaie dann doch immer wieder aufmachen müssen. Aber sie hat Schlimmeres verhindert. Das ist in einer Zeit, in der alle überschuldeten Südländer an das deutsche Geld ran wollen, nicht einfach.

Standard: Derzeit wird über Eurobonds diskutiert: Dabei geht es darum, dass alle Eurostaaten gemeinsam Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Auch hier blockiert Merkel.

Sinn: Zu Recht. Das Ganze liefe ja auf eine Sozialisierung der Schulden hinaus.

Standard: Aber die Idee ist, dass die Zinskosten durch gemeinsame Anleihen sin-ken, wodurch kein Land mehr pleitegehen würde.

Sinn: Die Zinskosten würden für Länder wie Italien und Spanien sinken. Für Deutschland und Österreich würden die Zinsen aber steigen, weil wir unsere Bonität verwässern. In Deutschland könnten die Mehrkosten zwischen 14 bis 17 Milliarden Eu-ro betragen. Das ist aber nur ein Problem. Viel wichtiger ist, dass die Bürgschaften nach der Ansteckung über die Banken einen zweiten Ansteckungsweg über die Staatshaus-halte eröffnen. Denken Sie an Irland: Erst bürgt der Staat für seine Banken, dann strau-chelt er selbst. Wenn Deutschland und Österreich für die Schulden von Spanien und Italien aufkommen müssten, wären sie pleite.

Standard: Deutschland hat von der Eurozone massiv profitiert. Ist es nicht fair, wenn Berlin mitzahlt?

Sinn: Die Aussage ist das Gegenteil der Wahrheit. Alle Länder profitieren davon, dass die Wechselkurse heute sicher sind, das ist richtig. Ansonsten aber hat Deutschland unter dem Euro extrem gelitten. Durch den Euro wurde ein gemeinsamer Kapitalmarkt geschaffen, in dessen Folge die Zinsen in den südlichen Ländern auf das deutsche Ni-veau gesunken sind. Dadurch wurde dort ein großer Anreiz für kreditfinanzierte Investi-tionen geschaffen. Der Löwenanteil der deutschen Ersparnisse floss aus Deutschland ab und stand zu Hause nicht mehr zur Verfügung. Deutschland kam in die Flaute, im Sü-den war Party. Man genoss eine Periode der lockeren Bugdetbeschränkungen, um ein-mal einen Begriff aufzugreifen, mit dem der ungarische Ökonom János Kornai schon 1980 das Ende des Kommunismus vorhersagte.

Standard: Aber Deutschland erlebte doch unter dem Euro einen ungeahnten Export-boom.

Sinn: Ja, aber den interpretieren Sie falsch. Der Abfluss von Ersparnissen unter dem Euro war ein Aderlass. Er verlangsamte das Wachstum und drückte so die deutschen Importe. Zugleich dämpfte er den Anstieg der Löhne und Preise, was die Exporte beflü-gelt hat. Beides führte zu einem Überschuss im Außenhandel, der exakt so groß war wie der Abfluss an Ersparnissen. Der Überschuss im Außenhandel ist ein Ergebnis der Flau-te, kein Zeichen von Handelsgewinnen. Der Nettoabfluss von Sparkapital und Waren ist nun einmal dasselbe, so wie die linke und die rechte Seite der Bilanz dasselbe ist. Deutschland hatte unter dem Euro unter allen Euroländern die schwächste Nettoinvesti-tionsquote und das zweitniedrigste Wachstum.

Standard: Macht ein Euroaustritt Sinn?

Sinn: Nein. Der Euro ist notwendig für die Stabilität Europas. Deutschland muss auch den Kapitalabfluss in einem gewissen Umfang hinnehmen. Aber was wir erlebt haben, war zu viel. Zwei Drittel der deutschen Ersparnisse wurden seit 2002 ins Aus-land gebracht. Deswegen dieses Drama.

Standard: Wo wäre das Drama, wenn es den Euro nicht mehr gäbe?

Sinn: Wenn wir zu den alten Währungen zurückkehren würden, würden die Bürger in jenen Ländern, die als Folge der Währungskonvertierung abwerten müssten, die Ban-ken stürmen und ihr Geld in Sicherheit zu bringen versuchen. Dieser Banken-Run wür-de zu einer Insolvenz der Kreditinstitute im Süden führen. Die Folge wäre eine wirt-schaftliche Destabilisierung der gesamten EU.

Standard: Wird Griechenland diese interne Abwertung schaffen?

Sinn: Wir reden von einer Reduktion der Löhne und Preise von 20, 30 Prozent. Ich glaube nicht, dass Griechenland das schafft. Das würde das Land an den Rand des Bür-gerkrieges treiben. Griechenland muss seinen Gläubigern erklären, dass es seine Schul-den nicht zurückzahlen kann. Dann sind drei Szenarien möglich. Erstens: Die Staaten-gemeinschaft finanziert Griechenland dauerhaft über Transferleistungen. Zweitens: Griechenland wählt die interne Abwertung, was das Land destabilisiert. Drittens: Grie-chenland kehrt zur Drachme zurück. Das führt zu dem beschriebenen Banken-Run. So oder so: Es wird entweder für Griechenland oder für uns alle ganz schrecklich. Das ist es, was eine griechische Tragödie auszeichnet.

Standard: Es hat der EU viel geholfen, dass die vom Export getriebene deutsche Wirtschaft zuletzt stark gewachsen ist. Hält das an?

Sinn: Der Boom 2010 in Deutschland ist nur zu einem Viertel durch den Außen-handel zu erklären. Dreiviertel liegen in der starken Binnennachfrage, vor allem nach Investitionsgütern. Diese Nachfrage ist so stark, weil die Banken sich nicht mehr trauen, die Ersparnisse ins Ausland zu lenken, sondern inländische Anlagen suchen. Der Ader-lass der letzten zehn Jahre hat abrupt ein Ende gefunden, und das treibt die Wirtschaft nun an.

Hans-Werner Sinn, einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands, leitet seit 1999 das Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo und unterrichtet an der Ludwig-Maximilians-Uni München. Sinn ist verheiratet und hat drei Kinder.

"Deutschland kam in die Flaute, im Süden war Party", sagt Hans-Werner Sinn. Nach der Einführung des Euro sei das Sparkapital aus der Bundes- republik in die Mit-telmeerstaaten und nach Portugal abgeflossen.

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