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«Ich halte den Euro für stabil»

Interview mit Hans-Werner Sinn, Neue Zürcher Zeitung, 23.05.2010, Nr. 116, S. 12

Hans-Werner Sinn, Leiter des deutschen Ifo-Instituts in München

NZZ am Sonntag: Sie kritisieren das Rettungspaket als eine der grössten Fehlentscheidungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Warum?

Hans-Werner Sinn: Die Beschlüsse bedeuten, dass die Maastrichter Verträge aufgekündigt sind. Das alles passierte in nur wenigen Verhandlungsstunden, ohne dass das Thema auf der Tagesordnung gestanden hätte. Aus der Krise weniger europäischer Schuldenländer wurde eine Krise des Euro gemacht. Nur um den Artikel 122 des EU-Vertrages bemühen zu können, der Finanzhilfen für ein Mitgliedsland bei aussergewöhnlichen Ereignissen zulässt, die sich seiner Kontrolle entziehen. Man darf sich nicht wundern, dass der Euro absackt, wenn die europäischen Führer erklären, der Euro sei gefährdet.

Was wäre die Alternative gewesen?

Man hätte wie bei jeder Konkursordnung vorsehen müssen, dass die Gläubiger eine Kürzung ihrer Forderungen akzeptieren, bevor frisches Geld zur Sanierung kommt. Nur mit einer solchen Vorkehrung hätte man die Banken veranlassen können, in Zukunft vorsichtiger zu sein und die Schuldenblase der Südländer nicht weiter aufzublähen. Begrenzte Zins-Spreads wären nicht ungesund gewesen.

Inwiefern?

Die Zinsen auf den Kapitalmärkten richten sich stets nach der Bonität des Schuldners, weil sie das Ausfallrisiko kompensieren müssen. Sie steigen mit der Verschuldung an. Genau das zwingt den Schuldner zu mehr Disziplin. Die Kapitalmärkte hatten in dieser Krise begonnen, die Zinsen endlich wieder ein bisschen auszuspreizen. Das empfanden viele Länder als Krise, aber in Wahrheit war es eine heilsame Disziplinierungswirkung der Kapitalmärkte. Es war falsch, diese Wirkung mit dem Gewährleistungspaket abzublocken.

Bedeutet das Paket den Einstieg in die Transferunion?

Das befürchte ich. Zuerst heisst es, die gesunden Staaten müssten die Schulden übernehmen, weil ihre Banken sowieso schon drinhängen. Dann wird es heissen: Ihr müsst jetzt grossen Transferprogrammen zur Stabilisierung der Schuldenländer zustimmen, weil ihr euer Geld sonst nie wieder sehen werdet. Dieser Ablauf ist nun programmiert.

Welche konkreten Folgen hat das Paket für Deutschland?

Zunächst einmal: Deutschland könnte insofern gestärkt aus der Krise hervorgehen, als nun anlagesuchendes Spargeld wegen der gestiegenen Risiken der Auslandanlage im Inland bleiben wird. Das gibt Hoffnung auf einen von einem Immobilienboom getragenen Aufschwung. Der Rettungsschirm könnte diese heilsame Entwicklung jedoch teilweise wieder zunichte machen.

Kommt in drei Jahren, wenn die Massnahmen auslaufen, der grosse Knall?

Nein, denn dann wird man eine Anschlussfinanzierung beschliessen. Richtig ist aber, dass die Schuldenblase durch die Rettungs-Versprechen wieder aufgeblasen wird, so dass längerfristig mehr Probleme drohen.

Wie gross sind die Gefahren einer Zahlungsunfähigkeit für Portugal, Spanien und Italien, und wie können diese ihre Leistungsbilanzdefizite abbauen?

Das lässt sich schwer beziffern. Italien und Spanien haben relativ kein grösseres Defizit als die USA. Portugal muss sich indes anstrengen.

Die Schweizerische Nationalbank versucht, durch massive Euro-Käufe den Wechselkurs zum Franken zu stabilisieren. Ist das eine nachhaltige Strategie?

Eine Politik der Kursstabilisierung gehört zu den normalen Aufgaben der Zentralbank.

Anleger aus Deutschland bringen wieder vermehrt Geld in die Schweiz, weil sie den Franken für stabiler halten. Liegen sie damit richtig?

Ich halte den Euro für stabil. Das Problem ist nur, dass die Politiker immer wieder betonen, die Währung sei gefährdet. Interview: Susanne Ziegert

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