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«Europa ist auf einem gefährlichen Weg»

Interview mit Hans-Werner Sinn, Berner Zeitung online, 07.06.2010

Mit der Rettung Griechenlands habe sich Europa in eine schwierige Situation manövriert, sagt der deutsche Starökonom Hans-Werner Sinn.

Herr Sinn, wie fühlen Sie sich im Moment als deutscher Staatsbürger?

Hans-Werner Sinn: Ich bin etwas entsetzt über die Politik meines Landes und die Massnahmen, denen die Bundesregierung auf europäischer Ebene in letzter Zeit zugestimmt hat.

Sie sprechen das Rettungspaket an, das Deutschland geschnürt hat, um Griechenland zu stützen. Sie halten das offenbar für den falschen Weg.

Das Gewährleistungsgesetz, das nicht nur für Griechenland, sondern für alle Euroländer gedacht ist, bedeutet einen fundamentalen Paradigmenwechsel. Mit ihm wird Tür und Tor für die Fortsetzung einer ausufernden Schuldenpolitik geöffnet.

Mit anderen Worten: Diese Hilfsaktion sendet ein falsches Signal an andere angeschlagene Staaten wie Portugal, die nun wissen, dass ihnen die EU schlimmstenfalls zu Hilfe eilt.

So ist es. Man muss zwar in der Tat retten und zu Hilfe eilen, aber erst müssen die Banken zur Kasse gebeten werden. Sonst verleihen sie ihr Geld auch in Zukunft ohne jede Sorgfalt. Zu viel Geld fliesst in die Länder der südwesteuropäischen Peripherie und geht so der Verwendung in Deutschland und der Schweiz verloren.

Viele Länder haben in der Krise ihre Verschuldung erhöht. Nun wird Griechenland von denselben Ländern mit Milliarden unterstützt. Manövriert sich Europa in eine Schuldenspirale?

Europa ist auf einem äusserst gefährlichen Weg. Es war zwar richtig, in der akuten Krise Gegensteuer zu geben, indem man eine höhere Staatsverschuldung in Kauf genommen hat. Jetzt aber innerhalb Europas eine Transferunion zu errichten, indem die einen Länder die Schulden der anderen übernehmen, ist ein Schritt, den ich für unakzeptabel halte.

Ist der Euro eine Fehlkonstruktion?

Ich halte den Euro für einen richtigen und wichtigen Schritt in der europäischen Geschichte.

Aber?

Der Euro wird jetzt zu einer Haftungsgemeinschaft. Das ist gefährlich.

Sie sagen, die Griechen müssen ihre Löhne massiv senken, um die Krise zu überwinden, befürchten aber gleichzeitig, dass dies zu einem Bürgerkrieg führen könnte. Was hat Griechenland für Alternativen?

Erstens könnten wir den Griechen die Güter, die sie nicht bezahlen können, fortwährend schenken. Das will ich aber nicht und Sie wahrscheinlich auch nicht. Zweitens könnte Griechenland aus dem Euro austreten und ihn dann abwerten.

Ist dies die Variante, die Sie bevorzugen?

Ja. Die griechischen Banken gingen zwar in Konkurs, weil die Leute sofort ihre Konten leer räumen würden. Aber es ist besser, die Bücher der Banken werden neu aufgestellt, als dass die Bankgebäude niederbrennen.

Sie sagten in Ihrem Referat, die Euro-Krise sei nur halb so schlimm, die eigentlichen Probleme für die Weltwirtschaft lägen in der enormen Überschuldung der USA. US-Starökonom Paul Krugman behauptet das Gegenteil. Wer von Ihnen beiden hat nun recht?

Ich will die europäischen Probleme keineswegs verharmlosen. Nur sind die amerikanischen Probleme noch grösser. Dort ist ja der gesamte private Verbriefungsmarkt für Immobilienkredite kollabiert, und der Staat organisiert heute 95 Prozent der Immobilienfinanzierung. Ausserdem hat Amerika, nicht Europa, ein gigantisches Leistungsbilanzdefizit. Die Geldgeber werden sich von den USA abwenden.

Was bedeutet das für Europa?

Für Europa ist das gut, ohne schadenfreudig sein zu wollen. Denn jahrelang ist unglaublich viel Kapital nach Amerika geflossen. Wenn nun dieses Kapital teilweise in Europa investiert wird, ist das nur gut für uns.

Es ist aber nicht zu befürchten, dass Amerika eine zweite weltweite Krise auslöst?

Es wäre schlimm, wenn das passieren würde. Aber ich vermute mehr, dass es nach dem derzeitigen Aufschwung stattdessen zu einer lang anhaltenden Flaute in den USA kommen wird.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Perspektiven der Schweiz?

Gut. Es wird weniger Kredit exportiert und stattdessen zur Finanzierung von Projekten in der Schweiz verwendet. Obwohl das den Franken aufwertet und die Exporte beeinträchtigt, bedeutet es per saldo mehr Wachstum. Die Schweiz bleibt der sichere Hafen, und hier wird wieder mehr investiert.

Sie sprachen in Interlaken auch über die Energiepolitik. In der Schweiz stimmt das Volk bald darüber ab, ob es neue AKW will oder nicht. Was raten Sie uns?

Sie sollten dafür stimmen. Denn die Atomkraft ist eine konkurrenzlos billige Energie. Sie hat zwar ihre Probleme mit der Endlagerung, aber diese Probleme sind klein im Vergleich zu den Endlagerproblemen der Kohlekraftwerke zum Beispiel.

In rot-grünen Kreisen haben Sie wohl nicht viele Freunde.

Nein.

Was muss die Politik Ihrer Meinung nach tun, um die Erderwärmung aufzuhalten?

Wir brauchen dringend Massnahmen zur Verringerung des CO2-Ausstosses. Aber die müssen gemeinsam von allen Ländern beschlossen werden. Einzelstaatliche Massnahmen sind sinnlos.

Warum?

Weil die gesparten fossilen Brennstoffe dann woanders auf der Welt verbraucht werden.

Letzte Frage: Wer wird Fussball-Weltmeister?

(überlegt) Für Sie hoffe ich, dass die Schweiz gewinnt.

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