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720-Milliarden-Euro-Schutzprogramm für die europäische Währung

Interview mit Hans-Werner Sinn, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2010, Nr. 103, S. 14

Die Zuspitzung der Schuldenkrise hat die Währungsunion in Turbulenzen gebracht. Drei Ökonomen sagen, wie es weitergehen könnte.

Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo- Instituts, warnt vor einer Transferunion. Falls Griechenland doch pleite ginge, müssten vor allem die Deutschen haften.

Die EU spannt einen gigantischen Rettungsschirm auf. Was wird längerfristig aus der Währungsunion?

Unter dem Deckmantel der Krise zwingen die europäischen Schuldnerländer Deutschland in die Transferunion. Weil die Kapitalmärkte den Schuldnern kein Kapital mehr geben, tun es jetzt die anderen EU-Staaten. Die Regulierungsfunktion der Kapitalmärkte, die darin besteht, dass unsolide Schuldnerländer höhere Zinsen zahlen müssen, wird durch solche Maßnahmen außer Kraft gesetzt.

Wird es Griechenland mit Sparprogramm und der EU-Milliardenhilfe schaffen, einen Staatsbankrott zu vermeiden?

Griechenland ist insolvent. Es ist nicht abzusehen, dass Griechenland in der Lage sein wird, seine Schulden zurückzuzahlen. Die 110 Milliarden Euro über drei Jahre, die Griechenland zur Verfügung gestellt werden, dienen dazu, die privaten Gläubiger gegen staatliche Gläubiger auszutauschen. Bei einem späteren "Haircut", also bei einer Umschuldung mit Abschlägen, werden die EU-Staaten das Nachsehen haben.

Die Europäische Zentralbank ist nun bereit, von angeschlagenen Staaten Anleihen zu kaufen. Droht damit Inflation?

Es droht keine Inflation. Es droht aber ein Verlust mit den griechischen Staatsanleihen. Für die Verluste der EZB kommt in allererster Linie der deutsche Steuerzahler auf.

Wer werden die großen Verlierer dieser Krise sein? Und wer sind die Gewinner der aktuellen Rettungsaktion?

Die Verlierer werden die Deutschen sein, die den größten Teil der Lasten zu tragen haben. Zu den Gewinnern zählen vor allem die französischen Banken, die den größten Teil der griechischen Papiere halten und umfangreiches Eigentum an griechischen Banken haben. Gewinner sind außerdem die anderen hochverschuldeten Staaten, die weiterhin hemmungslos darauf spekulieren dürfen, dass wir sie freikaufen, wenn sie insolvent werden.

Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats, lobt die Maßnahmen der Staaten. Er hält die Lage der Griechen noch nicht für aussichtslos.

Die EU spannt einen gigantischen Rettungsschirm auf. Was wird längerfristig aus der Währungsunion?

Die Rettungsaktion folgt der gleichen Logik wie bei der Bankenrettung 2008. Mit ihrem geschlossenen und gemeinschaftlichen Handeln am Wochenende haben die Staatschefs gezeigt, dass der Währungsraum eine Zukunft hat. Allerdings muss es für alle Länder des Euro-Raums möglichst bald klare, transparente Verpflichtungen zur Konsolidierung geben.

Wird es Griechenland mit Sparprogramm und der EU-Milliardenhilfe schaffen, einen Staatsbankrott zu vermeiden?

Da das Gesamtzinsniveau im Euro-Raum im historischen Vergleich extrem niedrig ist, bietet das Paket für die Rettung günstige Voraussetzungen. Zusammen mit den griechischen Sparanstrengungen gibt es eine einigermaßen realistische Chance, die Konsolidierung hinzukriegen.

Die Europäische Zentralbank ist nun bereit, von angeschlagenen Staaten Anleihen zu kaufen. Droht damit Inflation?

Die EZB macht nichts anderes als das, was die Bank von England und die amerikanische Notenbank auch tun. Nachdem das Rettungspaket steht, halte ich das Risiko für gering, dass die EZB in größerem Umfang aktiv werden muss.

Wer werden die großen Verlierer dieser Krise sein? Und wer sind die Gewinner der aktuellen Rettungsaktion?

Gewinner der Rettungsaktion sind die Bürger Europas, weil damit verhindert wird, dass wir in eine Kleinstaaterei zurückfallen, die den Herausforderungen der Globalisierung nicht angemessen wäre. Gibt es auch Verlierer? Kommt auf die Perspektive an. Die Verlierer der Krise der vergangenen Jahre sind eindeutig die Steuerzahler, die für die Flurschäden der Fehlinvestitionen der Banken aufkommen müssen.

Clemens Fuest, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium, fordert: Auch die Gläubiger sollen an Verlusten beteiligt werden.

Die EU spannt einen gigantischen Rettungsschirm auf. Was wird längerfristig aus der Währungsunion?

Die Euro-Staaten haben gerade die Grundregeln der Währungsunion außer Kraft gesetzt. Sie muss sich nun neu erfinden. Es darf keine Solidarhaftung auf Dauer geben, jedenfalls keine unbegrenzte. Wichtig wäre es, für überschuldete Staaten als Ultima Ratio statt eines "Bailout" eine Umschuldung vorzusehen.

Wird es Griechenland mit Sparprogramm und der EU-Milliardenhilfe schaffen, einen Staatsbankrott zu vermeiden?

Ich rechne damit, dass Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Entweder werden andere EU-Staaten einen Teil der Schulden übernehmen oder, und das würde ich bevorzugen, es kommt zu einem Umschuldungsverfahren, so dass auch die Gläubiger an den Verlusten beteiligt werden.

Die Europäische Zentralbank ist nun bereit, von angeschlagenen Staaten Anleihen zu kaufen. Droht damit Inflation?

Kurzfristig nein, aber längerfristig auf jeden Fall. Deshalb darf der Ankauf von Staatsanleihen nur eine vorübergehende Maßnahme sein.

Wer werden die großen Verlierer dieser Krise sein? Und wer sind die Gewinner der aktuellen Rettungsaktion?

Gewinner sind sicherlich diejenigen, die derzeit griechische und portugiesische Anleihen halten. Wenn die Rettungsaktion nicht durch neue Regeln für den Euro-Raum ergänzt wird, dann sind die Steuerzahler und damit wir alle langfristig die Verlierer.

Mehr zum Thema im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/eurozukunft Die Gespräche führte Philip Plickert.

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