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Die Manager zocken für die Aktionäre

Interview mit Hans-Werner Sinn, Handelszeitung, 10.03.2010, Nr. 10, S. 8

Der deutsche Top-Ökonom geht mit den Banken hart ins Gericht: Nur eine strenge internationale Regulierung halte sie künftig vom Zocken ab. Darum brauche es eine Erhöhung des Eigenkapitals. Tiefere Manager-Boni dagegen brächten wenig, denn gierig seien die Aktionäre.

Geht es den Banken wieder gut? Oder stehen noch weitere Abschreiber bevor?

Hans-Werner Sinn: Es stehen noch gigantische Eigenkapitalverluste an. Erst die Hälfte der nötigen Abschreiber in den Bankbilanzen ist wirklich anerkannt. Die Banken wissen das, weshalb sie ein Deleveraging betreiben. Das heisst, die Banken schrauben ihre Kredite runter. Und das führt zur Kreditklemme.

Die Banken selber behaupten stets, es gebe keine Kreditklemme.

Sinn: Sie definieren die Klemme in einem sehr engen Sinne. Gemeint ist aber nicht, dass man einen Kredit selbst zu hohen Zinsen nicht mehr bekommt, sondern dass die Margen hoch sind. Eine Kreditklemme ist eine Situation, bei der die Banken wegen Eigenkapitalmangel ausserstande sind, die Liquidität, die die Zentralbank und die Sparer zur Verfügung stellen, an die Investoren weiterzureichen, und deshalb ihre Margen erhöhen können. Die Marge zwischen dem kurzfristigen Ausleihzins der Banken und dem Zentralbankzins ist heute in Europa und den USA auf einem einsamen Rekordhoch.

Wo liegen die Probleme der Banken?

Sinn: Die amerikanischen Hausbesitzer, die keine Immobilienkredite mehr kriegten, sind in die Bereiche Kreditkarten und Leasing ausgewichen. Dort steigen die Ausfallraten. Und Kreditkarten- und Leasingverträge sind ebenfalls verbrieft worden und schlummern in den Bankbilanzen. Das erklärt einen Teil der noch ausstehenden Abschreibungen. Gemäss einem neuen Bericht des US-Kongresses muss noch mit Hunderten von Bankkonkursen in den USA gerechnet werden. Dies vor allem auch darum, weil auch die Gewerbeimmobilien in den Keller rasseln.

Ist das ein inneramerikanisches Problem?

Sinn: Nein, das wird auch auf Europa durchschlagen, weil die entsprechenden Kredite auch hier verkauft worden sind.

Wie beurteilen Sie die bisher getroffenen Massnahmen zur Bankenregulierung?

Sinn: Wir haben diese Krise vergeudet. In der Krise ist die Reformbereitschaft da, aber wenn es wieder besser geht, erlahmt sie. Und die Banken selber wollen sich gar nicht regulieren lassen. Nur in der Krise ist der Druck der Öffentlichkeit potenziell gross genug, den politischen Widerstand der Banken zu brechen.

Viele Banken machen aber schon wieder schöne Gewinne. Haben wir einfach die Segnungen des heutigen Systems noch nicht verstanden?

Sinn: Das Bankensystem funktioniert noch nicht richtig. Speziell die Finanzierungssituation in Amerika ist nicht wiederhergestellt. Der private Markt für die Verbriefung von Immobilienkrediten ist um 97% geschrumpft. Im Immobilienbereich liegt die Finanzierung heute zu 95% bei den Staatsinstitutionen Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae. Volksrepublik Amerika kann ich da nur sagen.

Sie fordern klar, dass Banken ein höheres Eigenkapital haben müssen.

Sinn: Ja. Einerseits, damit sie in der Krise nicht so schnell umgepustet werden. Andererseits um sicherzustellen, dass das Eigenkapital die Verluste tatsächlich tragen kann, wenn sich das Institut verspekuliert hat. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass man sich von vorneherein vorsichtig verhält. Eine Bank, die ihr Geschäft mit nur wenig Eigenkapital machen darf, neigt zum Glücksspiel.

Wie hoch muss das Eigenkapital sein?

Sinn: Wir müssen die Banken mit sehr viel mehr Eigenkapital arbeiten lassen als bisher. Die Kernkapitalquote muss gegenüber heute auf 8% verdoppelt werden. Zudem sollte man die Risikogewichte für viele Risikopositionen erhöhen, was dann noch einmal eine Erhöhung des Eigenkapitalbedarfs bedeutet.

Warum gerade 8%?

Sinn: Einen «richtigen» Anteil kann man nicht bestimmen. Man kann nur sagen: Wenn man das Eigenkapital erhöht, wird das Bankensystem stabiler.

Sie fordern weitere Stress-Tests, dass also die Banken Risikoszenarien durchspielen.

Sinn: Nur mit Stress-Tests kann man feststellen, welche Banken nun tatsächlich genug Eigenkapital haben.

Und wenn diese Tests zeigen, dass das Eigenkapital zu tief ist, soll der Staat Anteile an den Banken erwerben. Warum?

Sinn. Die Banken erhalten heute Geldgeschenke, indem die Zentralbank ihnen zulasten des Steuerzahlers die Zinsen auf fast null gesenkt hat. Besser wäre es, der Staat würde Aktien der Banken kaufen. Das hat mehrere Vorteile. Erstens erhält der Steuerzahler eine Gegenleistung. Zweitens lassen sich die Banken so schneller rekapitalisieren. Drittens wird sichergestellt, dass das Altkapital die Verluste trägt, was die Anreize für die Zukunft verbessert. Die Banken müssen wissen, dass ihr Eigenkapital im Krisenfall nicht mit Geschenken, sondern mit staatlichem Aktienkapital aufgefüllt wird. Nur wenn der Staat die Banken statt die Bankaktionäre rettet, kehrt wieder Vernunft ein.

In der Schweiz wird das sogenannte «Too big to fail»-Problem heiss diskutiert: Banken dürfen nicht zu gross sein.

Sinn: Sie dürfen vor allem nicht zu klein sein, damit sie sinnvoll funktionieren. Kleine Banken neigen viel mehr zum Zocken als grosse.

Warum?

Sinn: Weil Verluste, die eine kleine Bank macht, nicht mit den Gewinnen einer anderen kleinen Bank ausgeglichen werden. Die Verluste gehen vielmehr zulasten der Gläubiger der Bank. Bei einer grossen Bank ist das anders. Wenn ein Teil einer grossen Bank einen Verlust macht, kann dieser meistens mit dem Gewinn eines anderen Teils ausgeglichen werden. Die Bank muss den Verlust also häufiger selber tragen. Grosse Banken neigen darum unter sonst gleichen Voraussetzungen weniger zum Glücksspiel als kleine.

Die UBS widerlegt Ihre Aussage.

Sinn: Ich sage nicht, dass die Zockerei allein von der Grösse abhängt. Natürlich nicht. Auch grosse Banken spielen, wenn sie zu wenig Eigenkapital haben. Die UBS war völlig unterkapitalisiert, 2007 hatte sie gerade einmal 1,9% Eigenkapital in der Bilanzsumme.

Umso wichtiger ist also die Anforderung an eine Erhöhung des Eigenkapitals?

Sinn: Ja.

Ist unser Land nicht in einer besonderen Bedrohungslage, weil die beiden Grossbanken einen so bedeutenden Teil unserer Wirtschaft ausmachen? Muss man sie nicht schon darum verkleinern?

Sinn: Die Spezialisierung auf das Bankwesen ist die Stärke der Schweiz. Je kleiner ein Land ist, desto stärker muss es sich relativ spezialisieren, desto krisenanfälliger wird es. Das liegt im Bereich des Trivialen. Insofern sollte auch die Schweiz ein Interesse daran haben, ihre Banken besser zu regulieren, und sich von der Vorstellung einer Selbstregulierung verabschieden. An eine Zerschlagung würde ich erst denken, wenn das nicht gelingt.

Können wir die Risikolust der Banken eindämmen, indem wir die Boni der Banker kürzen?

Sinn: Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit kann man sicher tiefere Löhne für Banker fordern. Nur: Es ist nicht Aufgabe des Staates, in der Marktwirtschaft Lohnstrukturen festzulegen. Ich sehe das Problem mehr bei der Entlöhnung der Aktionäre. Die Aktionäre der Banken sind asymmetrisch an Gewinnen und Verlusten beteiligt, weil sie ihr Geschäft gemäss den heutigen Regelungen mit zu wenig Eigenkapital machen dürfen. Diese Asymmetrie übertragen die Aktionäre in entsprechende Entlöhnungssysteme für das Management. Die Manager betreiben ihr Glücksspiel zugunsten der Aktionäre. Wohl wissend, dass man für die Verluste nicht persönlich haften muss, wollen die Aktionäre lieber riskante Strategien, die im Normalfall hohe Renditen bieten, als sichere Strategien mit kleinen Renditen.

Warum lassen sich die Banken so schwierig regulieren?

Sinn: Wieso schwierig? Die nötige Eigenkapitalregulierung liesse sich leicht bewerkstelligen. Die Schwierigkeit liegt allein im politischen Widerstand der Banken. Banken leben davon, dass sie riesige Geschäfte mit kleinen Margen machen und das dann auf ihr kleines Eigenkapital umrechnen. Je mehr Eigenkapital sie haben müssen, desto kleiner wird die Rendite. Es ist verständlich, dass sie eine Beeinträchtigung dieses Geschäfts nicht mögen, aber die Politik muss hier hart bleiben, denn die Renditen der Banken sind zum Teil nur das Spiegelbild der Verluste, die Gläubiger und Steuerzahler in Krisenzeiten zu tragen haben.

Braucht es für die Finanzwirtschaft eine globale Regulierungsbehörde?

Sinn: Zumindest braucht es international verbindliche Aufsichtsregeln. Sonst gibt es wieder einen Deregulierungswettbewerb, der das Bankenwesen unterminiert.

Wie stehen die Chancen dafür?

Sinn: Irgendetwas wird schon kommen. Auf europäischer Ebene plant man sogar die Schaffung einer einheitlichen Aufsichtsbehörde. Aber eigentlich brauchen wir eine weltumspannende Kontrolle und Koordination der Aufsicht. Das könnte vom IWF oder auch von der BIZ in Basel geleistet werden.

Werden wir in 10 Jahren bereits die nächste Bankenkrise hinter uns haben?

Sinn: Was in zehn Jahren ist, weiss ich nicht. Ich sehe nur, dass die Zyklen kürzer werden. 2000 platzte die Dotcom-Blase. Man dachte, nun seien die Anleger gewarnt, aber kurz darauf gab es schon wieder eine neue Blase, die in der Finanzkrise zerplatzte. Und heute baut sich abermals eine Blase auf. Wenn wir nicht Ruhe ins System bringen und diese zyklischen Übersteigerungen reduzieren, wird das die Marktwirtschaft zugrunde richten.

Josef Ackermann von der Deutschen Bank spricht schon wieder von 25% Rendite auf das Eigenkapital.

Sinn: Unter der alten Regulierung war das möglich. Unter den Regeln, wie ich sie mir vorstelle, ist eine Eigenkapitalrendite von 25% nicht mehr denkbar.

Würde der Bankenplatz Schweiz an der Abschaffung des Bankgeheimnisses zugrunde gehen?

Sinn: Nein. Die Stärke dieses Bankplatzes liegt in der Internationalität der Schweiz und der Expertise seiner Banker. Der grösste Teil des Geschäftes ist ja in jeder Beziehung legal. Die Schweiz spielt eine ähnliche Rolle wie London. Es geht auch ohne das Bankgeheimnis.

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