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Gefährlich für die Weltwirtschaft

Interview mit Hans-Werner Sinn, Focus, 22.02.2010, Nr. 8, S. 130

Ökonomie-Professor Hans-Werner Sinn über das griechische Schlaraffenland und die Überlebenschancen des Euro

Manche vergleichen das griechische Schulden- debakel schon mit der Lehman-Pleite. Ist das übertrieben?

Nein, es geht hier um Staatsschulden, die Ende 2010 bei etwa 300 Milliarden Euro liegen werden. Das entspricht in der Größenordnung nahezu der Bilanz von Lehman. Die aktuelle Krise ist ebenfalls sehr gefährlich für die Weltwirtschaft, weil Domino-Effekte auftreten könnten, die auch andere Länder in die Insolvenz zwingen. Das kann, wenn man es falsch angeht, die Welt sogar in eine neue Rezession stürzen.

Womit müssen wir denn im schlimmsten Fall rechnen?

Im Moment halten sich bei den Anlegern, die erwägen, griechische Staatspapiere bei einem Zinsaufschlag von gut drei Prozentpunkten gegenüber deutschen Papieren zu kaufen, Optimisten und Pessimisten die Waage. Die einen denken, sie werden einen Teil ihres Geldes verlieren. Andere glauben, dass man Griechenland helfen wird, weil es zum Euro gehört. Wenn die EU Griechenland jetzt fallenlassen würde, wäre das ein entsprechend negatives Signal für andere unsichere Länder wie zunächst Irland, dann Portugal, Italien und zuletzt Spanien. Diese Länder haben ebenfalls sehr hohe Zinsaufschläge. Die Folge wäre, dass zum Beispiel Irland noch höhere Zinsaufschläge bezahlen müsste als jetzt, weil ja für die Anleger das Risiko steigt, dass sie ihr Geld nicht zurückbekommen. Möglicherweise erhält Irland dann auch gar kein Geld mehr von den Anlegern. Dann wäre auch Irland insolvent. Und wenn Irland und Griechenland zahlungsunfähig wären, gäbe es kein Halten mehr. Dann ginge es weiter mit Portugal, Italien und Spanien. Die Währungsunion wäre am Ende.

Das heißt, der Euro verschwindet?

Jedenfalls müssten die problematischen Länder in diesem Fall aus der Währungsunion ausscheiden. Sie haben in den letzten Jahren fleißig inflationiert. Das heißt, Preise und Löhne sind dort überdurchschnittlich gestiegen. Dadurch haben sie im Vergleich zu anderen Staaten ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren. Jetzt machen sie Deutschland zum Vorwurf, dass unsere Inflationsrate unterdurchschnittlich ausfiel und deutsche Firmen vieles günstiger produzieren als die Konkurrenz. Wir haben hier ein Dauerproblem, das nur gelöst werden kann, wenn die kritischen Länder ihre Löhne und Preise senken oder wenn sie aus der Währungsunion austreten und abwerten. Beides erscheint gleichermaßen schwierig.

Lässt sich der Absturz der Währungsunion jetzt noch abwenden?

Ja, schon. Zunächst muss Griechenland massiv sparen. Das Land hat in der Vergangenheit sehr gut gelebt, weil es sich mit Hilfe des Euros billig finanzieren konnte. Erst einmal waren die Zinsen, die die Griechen zahlen mussten, wesentlich geringer als vor der EuroÄra. Sodann haben sie sich hemmungslos verschuldet. Beides half, ein Schlaraffenland aufzubauen. Die Sozialausgaben wuchsen seit dem Euro-Beitritt pro Jahr um 3,6 Prozentpunkte schneller als die Wirtschaftsleistung. Die Renten liegen nach nur 15 Jahren Erwerbstätigkeit bei 111 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens. In Deutschland muss man mindestens 35 Jahre arbeiten, um 61 Prozent zu kriegen. Das ist haarsträubend. Die Griechen werden Ende des Jahres eine Schuldenquote von 125 Prozent und damit den höchsten Wert aller Länder der Euro-Zone erreichen. Jetzt müssen sie den Gürtel so eng schnallen, dass er kneift. Daran führt kein Weg vorbei.

Trauen Sie den Griechen zu, dass sie ein ehrgeiziges Sparprogramm umsetzen?

Nein. Deswegen hat ja die EU beschlossen, das griechische Budget unter direkte Aufsicht zu stellen. Die EU wird ihre Beamten nach Griechenland schicken, um jegliche Ausgaben zu kontrollieren. Sie hat ein Programm zur Rückführung des Budgetdefizits verlangt, was immerhin vier Prozentpunkte dieses Jahr ausmacht. Ob das reicht, ist noch die Frage. Auch danach hätten die Griechen mit mehr als acht Prozent immer noch ein riesiges Defizit. Andere Länder werden helfen müssen, die etwa 50 Milliarden Schulden, die allein 2010 zu refinanzieren sind, aufzubringen.

Warum denn?

Wenn man Griechenland rettet, kann man zumindest den Domino-Effekt verhindern. Noch geht es um überschaubare Beträge. Die Hilfe wäre ein klares Signal an die internationalen Anleger, dass die anderen kritischen Länder auch gerettet werden. Dann sind die Zinsaufschläge für diese Staaten von vornherein geringer, sodass deren Haushalte nicht so aus dem Ruder laufen.

Wir müssen also bluten für die Griechen, die sich in den Euro geschummelt haben?

Es gibt drei mögliche Retter: den IWF, also den Internationalen Währungsfonds, die EU und die einzelnen EU-Länder, allen voran Deutschland. Für den IWF spricht, dass er hart durchgreifen würde und auch das Geld hat. Dagegen, dass er nicht zimperlich ist und gegenüber einer Beschädigung des Zusammenhalts der Euro-Zone gleichgültig wäre.

Welchen Vorteil haben wir denn, wenn wir Griechenland direkt helfen?

Erstens darf die EU nach Artikel 125 des Maastrichter Vertrags gar nicht helfen. Zweitens würde Deutschland im Falle einer Vertragsänderung in diesem Punkt die Kontrolle über sein Geld verlieren und die Empfängerländer selbst mit darüber abstimmen lassen, wie viel wir geben. Deutschland hat ja ohnehin nur einen kleinen Einfluss in der EU, der der Größe seiner Bevölkerung und seinen Beitragsleistungen in keiner Weise entspricht. Das macht uns dauerhaft zum Nettozahler. Mit 20 Prozent sind wir bei den Einnahmen der EU, aber nur mit elf Prozent bei deren Ausgaben dabei. Deswegen sind wir gut beraten, der EU nicht das Recht zu geben, Hilfsmittel zu Lasten von Deutschland und anderen Ländern an Griechenland zu verteilen. Wenn wir etwas beisteuern müssen, dann können wir uns über unseren Beitrag auch allein mit Griechenland verständigen.

Und wenn wir nicht helfen?

Dann muss der IWF helfen. Je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich diese Möglichkeit. Ich befürchte fast, die EU wird von Griechenland nicht die Disziplin einfordern, die nötig ist, um das Land auf Kurs zu bringen und andere Länder hinreichend abzuschrecken, es den Griechen gleichzutun. Sicherlich würde die Hilfe des IWF den Euro schwächen. Aber das wäre letztlich nicht so schlimm, weil der Euro derzeit, gemessen an den Kaufkraftparitäten, ohnehin stark überbewertet ist. Eine gewisse Abwertung als Folge eines Vertrauensverlustes wäre, so paradox es klingen mag, gerade in der heutigen Situation nicht nur sehr gut zu verkraften, sondern auch nützlich, um die europäische Exportwirtschaft wieder auf Schwung zu bringen. Davon würde nicht zuletzt Griechenland profitieren.

Welche Konsequenzen wird das auf die Entwicklung der Währungsunion haben?

Es wird sehr lange dauern, bis man sich auf neue Mitglieder einlassen wird. Bevor das passiert, wird die EU die Budgetregeln und den Stabilitäts- und Wachstumspakt neu formulieren müssen.

Das heißt, dass die Haushalte aller Euro-Länder stärker kontrolliert werden?

Natürlich. Auch Deutschland ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Hier wird ebenfalls kräftig geschummelt. Die Kommunen haben zum Beispiel mit US-Finanzinstituten Leasing-Verträge abgeschlossen. Sie haben Klärwerke verkauft und zurückgeliehen, um an Geld zu kommen. Es werden öffentliche Gebäude privat gebaut und geleast, statt sie zu kaufen. Oder es werden staatliche Immobilien und Verkehrswege verkauft, um an Geld zu kommen. Im Grunde ist das alles versteckte Staatsverschuldung, die nicht ausgewiesen wird.

Hans-Werner Sinn, 61, leitet das Ifo-Institut seit 1999. Der gebürtige Westfale gilt als einer der renommiertesten Ökonomen in Deutschland. Breites Aufsehen erregte der 61-Jährige mit Büchern wie "Die Basar-Ökonomie" (2005), "Kasino-Kapitalismus" (2009).

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