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Hans-Werner Sinn: Amerika will Inflation

Interview mit Hans-Werner Sinn, €uro am Sonntag, 03.05.2009

Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Er ist der Mann hinter dem Ifo-Geschäftsklimaindex. Der Wirtschaftsprofessor gibt sich keinen Illusionen hin, der Weg aus der Rezession wird lang und beschwerlich.

von Martin Blümel

Dass er „Deutschlands bester Ökonom“ sei, wie „Bild“ einst schrieb, weist Sinn zurück. Immerhin aber gilt Hans-Werner Sinn als politisch einflussreichster Wirtschaftswissenschaftler des Landes. Sinn ist Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, das zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität München den Geschäftsklimaindex erstellt, einen vielbeachteten Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland. Zuletzt ist der Indikator gestiegen. Doch Sinn wird nicht müde zu betonen, dass er deutlich negativ ist und in einem einmaligen Anstieg keinesfalls eine Trendwende zu erkennen sei. „Dafür muss der Index schon dreimal hintereinander steigen“, sagt Sinn. Mit €uro am Sonntag sprach der Professor über weitere Folgen der Wirtschaftskrise und darüber, welche Lehren daraus zu ziehen sind.

€uro am Sonntag: Nächste Woche trifft sich die Europäische Zentralbank. Was kann die EZB noch tun, um der Wirtschaft zu helfen?

Hans-Werner Sinn: Sie kann sukzessive die Zinsen weiter senken, das wird sie vermutlich auch tun. Die Amerikaner sind ja schon bei null, die EZB wird es vielleicht nicht so weit treiben. Schon jetzt hat die Geldpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen.

€uro am Sonntag: Muss die EZB daher unkonventionelle Maßnahmen ergreifen – wie die Bank of England oder die amerikanische Notenbank Fed – und etwa Anleihen kaufen?

Sinn: Die EZB könnte erwägen, langfristige Unternehmensanleihen aufzukaufen. Einige fordern auch, dass sie Staatsanleihen kauft. Das wäre allerdings ein gewaltiger Schritt, vor dem man nur warnen kann. Das würde eine Sozialisierung der Staatsschulden in Europa bedeuten.

€uro am Sonntag: Das heißt?

Sinn: Wir haben mehrere Länder, die insolvenzgefährdet sind. Es fing an mit Island. Jetzt haben wir Irland, Ungarn, Griechenland, die baltischen Länder, und vielleicht Italien. Italien fordert, dass Euroanleihen aufgelegt werden, also Anleihen mit demselben Zinssatz für alle Länder. Der italienische Staat muss derzeit über eineinhalb Prozentpunkte mehr Zinsen zahlen als Deutschland, weil man das Land für unsicher hält. Italien möchte das ändern, da geht es um zehn Milliarden Euro im Jahr. Aber ich kann nur warnen. Euroanleihen bedeuten, dass wir praktisch Bürgschaften für diese Länder übernehmen.

€uro am Sonntag: Wohin wird die expansive Geldpolitik der Notenbank langfristig führen? Zu Deflation oder zu Inflation?

Sinn: Es ist eine Frage der Fristigkeit und der Mechanismen, die man im Auge hat. Derzeit haben wir eine klare deflationäre Tendenz in der Weltwirtschaft, weil es an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage fehlt, man nennt das deflatorische Lücke. Aktuell haben wir noch eine Disinflation, bei der die Preissteigerung zum Stillstand kommt. Die kann vielleicht in Deflation um­schlagen. Die Leute die sagen, dass eine Inflation droht, denken schon weiter und sehen bereits den nächsten Aufschwung mit einer überschäumenden Nachfrage, der von der Notenbank nicht gebremst wird. Amerika hätte ein solches Szenarium sicherlich gern, weil das Land sich dann durch eine Inflation der Auslandsschulden entledigen könnte.

€uro am Sonntag: Geht das denn?

Sinn: Der politische Wille ist da. Ob es ökonomisch geht, ist ein ganz anderes Thema. In der heutigen Situation haben die Amerikaner keinerlei Möglichkeit, durch Gelddrucken Inflation zu schaffen, weil die Märkte jede zusätzliche Liquidität aufsaugen. Wegen des zusammengebrochenen Interbankenmarkts gibt es in den USA eine gigantische Liquiditätsnachfrage und eine stockende Güternachfrage. In Europa dagegen gibt es nicht einmal den politischen Willen, Inflation durch Geldpolitik zu erzeugen. Die EZB ist durch den Maastricht-Vertrag eindeutig auf das Ziel der Preisstabilität fixiert. Sie ist verpflichtet, die Geldmengen wieder aus dem Markt zu holen, wenn die Wirtschaft wieder anzieht.

€uro am Sonntag: Was sind die strukturellen Lehren aus der Krise? Sinn: In einer Marktwirtschaft braucht man einen Ordnungsrahmen. Gerade wir Deutschen wissen das ja, mit dem Neoliberalismus sozusagen als Gründungsphilosophie der Bundesrepublik. Der Neoliberalimus fordert einen starken Ordnungsrahmen, im Gegensatz zum Paläoliberalismus, der die Nichteinmischung des Staats befürwortet. Diesen Ordnungsrahmen haben wir im Finanzsektor nur unzureichend gehabt. Die US-Investmentbanken wurden 2004 völlig dereguliert, durften tun und lassen, was sie wollten. Auch Basel II ist ein sehr lasches Regulierungssystem, das es den Banken ermöglicht, mit einem Minimum an Eigenkapital ihr Geschäft zu machen. Da fällt man bei der leisesten Krise um oder fängt an zu zocken, weil man ja nicht viel zu verlieren hat.

€uro am Sonntag: Wir brauchen also ein komplett neues System?

Sinn: Ja. Selbst Basel I war besser als Basel II, weil es den Banken weniger Spielraum zum Tricksen ließ und mehr Eigenkapital erzwang. Die Bewertung nach eigenen risikotheoretischen Modellen – das hat doch alles nicht funktioniert. Den Manipulationsmöglichkeiten wurden Tür und Tor geöffnet. Es gibt zu viel Glücksrittermentalität auf den Finanzmärkten, die aus diesen Möglichkeiten entstanden ist.

€uro am Sonntag: Banken sollten wieder langweiliges Geschäft machen, wie Nobelpreisträger Paul Krugman es formuliert hat?

Sinn: So ist es.

€uro am Sonntag: Wer wird eine wichtige Rolle bei der Neuordnung der Finanzmärkte einnehmen?

Sinn: Die G 20 hatten schon vereinbart, strengere Regeln zu schaffen. Die neuen Regeln müssen eine Basis schaffen, an der sich alle Länder orientieren, für alle Institutionen, die ­Finanzmarktgeschäfte machen. Aber da fängt es schon wieder an: Beim letzten Treffen in London hieß es, nur systemrelevante Hedgefonds seien der Regulierung zu unterwerfen. Aber was sind systemrelevante Hedgefonds?

€uro am Sonntag: Sehen Sie auch eine Machtverschiebung, weg von den USA Richtung Asien?

Sinn: Ja. Amerika ist sehr stark angeschlagen und bleibt es auch. Das Land muss aus seinem American Dream erwachen. Es geht eben nicht, dass dort jeder sein Häuschen hat, obwohl er kaum Einkommen hat. Die Amerikaner müssen lernen, mit weniger auszukommen, und das ist ein sehr schwieriger Prozess. Es ist aber langfristig nötig, dass sie das tun, damit das Land seine Investitionen wieder selbst finanziert. Weniger importieren, mehr exportieren, das ist das Gebot. Und Länder, die viel in die USA exportiert haben, müssen sich eben umsehen und neue Märkte finden, etwa in Asien.

€uro am Sonntag: Was halten Sie von der Idee einer neuen Weltleitwährung, wie sie China jüngst ins Gespräch gebracht hat.

Sinn: Diese Haltung verstehe ich durchaus. Die Chinesen haben zwar nicht in die strukturierten amerikanischen Wertpapiere investiert, aber sie haben Staatspapiere gekauft und sorgen sich nun um deren Sicherheit. Die USA könnten sich ja ihrer Zahlungsverpflichtungen entziehen. Durch ein Schuldenmoratorium oder – eleganter – durch Inflationierung. Davor hat China Angst.

€uro am Sonntag: Wie kommt man zu einer neuen Weltwährung? Ist das nicht eine sehr abstrakte Idee?

Sinn: Man kann durchaus eine künstliche Währung schaffen, die einen Mittelwert anderer Währungen bildet und dann als Einheit für Kreditkontrakte dient. So wäre man nicht auf eine einzige Währung angewiesen. Aber im Moment ist dafür der falsche Zeitpunkt. Die Welt ist extrem im Ungleichgewicht, was Kapitalströme und Leistungsbilanzsalden betrifft. Die Amerikaner müssten erst einmal von ihrem gigantischen Leistungsbilanzdefizit runter und bräuchten also einen unterbewerteten Dollar. Erst wenn das Defizit weg ist, kann der Dollar wieder zur Kaufkraftparität zurückkehren, und erst dann wäre eine Weltwährung denkbar. Die Welt ist von einer solchen ­Situation weit entfernt.

€uro am Sonntag: Wann wird sich die Wirtschaft stabilisieren? Welche Indikatoren sind Ihnen wichtig?

Sinn: Für mich ist einer der entscheidenden Indikatoren die Hauspreisentwicklung in den Vereinigten Staaten, wo die Krise begann. Allerdings zeigen da die Werte nach wie vor nach unten, es gibt nicht einmal eine Abflachung, nicht einmal eine Verringerung der Steigerung. Es geht weiter steil nach unten.

Das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung ist eines der größten Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands. Chef ist seit 1999 Hans-Werner Sinn (61), der auch Finanzwissenschaften und Nationalökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt. Sinn hat sich als Autor populärwissenschaftlicher Bücher einen Namen gemacht. Im Mai erscheint sein neuestes Werk, „Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist“.

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