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Was tun gegen die Krise?

Interview mit Hans-Werner Sinn, Wi, 01.02.2009, Nr. 02-03/2009, S. 38-39

Obwohl dank Reformen gut gerüstet, hat die Krise die deutsche Marktwirtschaft heftiger erwischt als erwartet. Schon im November 2008 brachen die Exporte dramatisch ein. Die „Wi” sprach mit Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Ifo-Instituts für Wirtschaftforschung, über die Schuldigen der Krise, ob die Wirtschaft den Staat braucht und welche Maßnahmen in Zukunft helfen, ein ähnliches Desaster zu vermeiden.

Was halten Sie von dem derzeitigen Rettungspaket für Banken?

Es verhindert den Konkurs von Banken, doch nutzen es die Banken nicht, um sich neues Eigenkapital zu beschaffen, weil die Manager dann eine Gehaltskürzung akzeptieren müssen. Sie fahren lieber ihr Geschäftsvolumen in Proportion zu dem durch die Krise geschrumpften Eigenkapital herunter, aber das birgt die Gefahr einer Kreditklemme für die Unternehmen.

Sind Konsumgutscheine für eine Martkwirtschaft der richtige Weg?

Nein. Anstatt den Bürgern Geld zu geben, das man ihnen vorher aus der Tasche geholt hat, sollte man ihnen lieber von vornherein weniger wegnehmen. Sicher, viele zahlen keine Steuern, aber dabei handelt es sich um Transferempfänger, die ohnehin nicht von der Wirtschaftskrise betroffen sind. Also sind Steuersenkungen besser als Konsumgutscheine.

Wo sind die Schuldigen für die derzeitige Krise auszumachen?

Weniger bei Personen als bei Regeln. Die Banken durften ihr Geschäft mit zu wenig Eigenkapital machen und wurden dadurch krisenanfällig und risikosüchtig. Auch die amerikanischen Hausbesitzer haben mit Immobilien spekuliert.

Wo sehen Sie Chancen, die die Krise bietet?

Die Amerikaner lernen, dass man die Banken regulieren muss.

Können Sie eine detaillierte Wirtschaftsprognose für Deutschland und Polen im Jahr 2009 skizzieren?

Wie erwarten, dass die das deutsche Sozialprodukt schrumpft, und zwar um etwa 2%. Die Arbeitslosigkeit wird wieder zunehmen. Zum Jahresende 2009 könnte Deutschland eine halbe Million Arbeitslose mehr haben als heute. Polen wird wohl noch wachsen, denn der zugrunde liegende Trend ist ja stark nach oben gerichtet.

Um in Zukunft ein ähnliches Desaster zu vermeiden: Sollten die Banken verstaatlicht werden oder bräuchten wir andere Anreizsysteme und einen ethischen Kodex vor allem für Investmentbanker?

Die Verstaatlichung ist heute das Mittel der letzten Wahl, um die Banken zu stabilisieren. Langfristig muss sich der Staat wieder herausziehen. Die größten Verluste in Deutschland wurden schließlich von staatlichen Banken eingefahren. Die westliche Welt braucht ein einheitliches Kontrollsystem für Banken, durch das die Banken gezwungen werden, ihre Geschäfte mit wesentlich mehr Eigenkapital zu unterlegen als bislang. Nur mit hinreichend viel Eigenkapital lässt sich ein krisensicheres System schaffen und das Glücksrittertum der Banken verhindern.

Dort eine Milliarden-Rettungsmaßnahme, hier ein Billionen schweres Konjunkturpaket, und dann wieder ein Pakt gegen Entlassungen. Brauchen wir das alles überhaupt?

Ja, leider. Ohne den Staat ist die Markwirtschaft in der Krise gefährdet.

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