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"Wir bezahlen die Vernichtung von Gütern"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Automobilwoche, 26.01.2009, Nr. 03/2009, S. 3

Der Staat soll sich aus der Industriepolitik heraushalten, fordert Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts in München. Im Interview mit Automobilwoche nennt er die Abwrackprämie „abwegig“ – der Bürger zahle für die Vernichtung von ökonomischen Gütern und den Ersatz durch neue Güter. Laut Sinn sei es besser, „die Leute in der Arbeitslosigkeit zu bezahlen und sie ihre Freizeit nutzen zu lassen, statt Autos zu vernichten und dann nachzuproduzieren“.

Herr Sinn, ist es für den Bürger nicht verlockend, 2500 Euro zu bekommen, wenn er sein altes Auto verschrotten lässt und einen Neuwagen kauft?

Ich weiß nicht, wie verlockend es für den Steuerzahler ist, dafür 2500 Euro auf den Tisch zu legen. Denn darum geht es, die Abwrackprämie zahlt ja nicht der liebe Gott. Bei der Diskussion um die Prämie muss man verschiedene Ebenen trennen. Zunächst muss bei einer Politikmaßnahme überprüft werden, ob sie überhaupt wirken wird.

Und wird sie Ihrer Ansicht nach wirken?

Das bezweifle ich. Ich kenne keinen Menschen, der ein schrottreifes Auto fährt und sich anschließend einen deutschen Neuwagen kauft. Ich kenne eigentlich nur zwei Sorten von Menschen: Der eine Typ kauft Gebrauchtwagen und fährt sie bis zur Schrottreife, der andere kauft Neu- oder Jahreswagen und verkauft sie dann als Gebrauchtwagen. Keiner dieser beiden Typen wird auf die Abwrackprämie reagieren. Es wird nur wenige Fälle geben, wo sich überhaupt jemand angesprochen fühlt. Vielleicht kauft sich ja tatsächlich der Besitzer eines alten Opels einen neuen Renault Logan aus Rumänien. Ich gebe zu, dass die Schrottprämie den Rumänen dann etwas helfen wird.

Autoexperten gehen von einem zusätzlichen Absatz von 300.000 Fahrzeugen in 2009 aus.

Das klingt reichlich. Fragen Sie die Experten doch mal, wie viele deutsche Autos dabei sein werden.

Wie sinnvoll ist diese Maßnahme aus volkswirtschaftlicher Sicht?

Bei der Abwrackprämie bezahlen wir die Vernichtung von ökonomischen Gütern und den Ersatz durch neue Güter. Das ist abwegig und widerspricht jeder wirtschaftlichen Vernunft. Es wäre besser, den Automobilarbeitern die Abwrackprämie direkt auszuzahlen, denn dann könnte man unnütze Ersatzproduktion vermeiden. Es ist besser, die Leute in der Arbeitslosigkeit zu bezahlen und sie ihre Freizeit nutzen zu lassen, statt Autos zu vernichten und dann nachzuproduzieren.

Aber hilft es den Automobilfirmen nicht doch ein wenig?

Überlegen Sie doch mal, welche verheerenden Konsequenzen es für das Image der deutschen Automobilindustrie haben kann, wenn ihre Autos zu Wegwerfprodukten stilisiert werden – die offenbar schon nach neun Jahren so wertlos sind, dass man sie abwracken muss. Bislang galten die deutschen Autos als Qualitätsprodukte, an denen man sehr lange seine Freude hat. Dieses nach meiner Meinung absolut korrekte Image hat ihren hohen Preis gerechtfertigt. Die Marketing-Abteilungen der deutschen Hersteller müssten eigentlich gegen die Idee der Abwrackprämie Sturm laufen.

Mit dieser Maßnahme will die Regierung krisengeschüttelte heimische Hersteller wie BMW oder Daimler unterstützen.

Denen wird dadurch bestimmt nicht geholfen. Für Premiumhersteller sind diese 2500 Euro doch ein Klacks. Und Leute, die schrottreife Autos fahren, kaufen sich sowieso keine Premiumwagen.

Frankreich hat gute Erfahrungen mit der Schrottprämie gemacht.

Die Franzosen machen das aus industriepolitischen Gründen. Die Maßnahme fördert den Kauf von kleinen Billigautos, deren Qualität schon bei der Produktion nicht allzu weit von der Qualität jener Autos entfernt ist, die verschrottet werden sollen. Das hilft ihnen. Ich will nicht sagen, dass die französischen Hersteller Schrottaustos produzieren. Doch ist die Qualität ihrer Autos mit der Qualität der deutschen Autos nicht vergleichbar. Sie sind billiger und leichter gebaut. Der Sprung von Schrottautos zu solchen billigen Autos kann mit den 2500 Euros angeregt werden, größere Sprünge eher nicht. Das ist die gleiche Schose wie beim CO2-Grenzwert von 120 g/km, da bekommen die deutschen großen Autos alle einen auf den Deckel. Dass die deutsche Regierung jetzt mit der Abwrackprämie noch eins draufsetzt, kann ich überhaupt nicht verstehen.

Die Schrottprämie soll auch dazu beitragen, den CO2-Ausstoß zu verringern.

Nach unseren Berechnungen wird bei der Produktion eines Autos so viel Energie verbraucht, dass ein neues Fahrzeug ein Drittel weniger CO2 ausstoßen muss als das alte, damit überhaupt ein Vorteil für die Umwelt entsteht. Das ist aber nicht der Fall, so viel besser sind die neuen Autos gar nicht.

Was soll der Staat denn machen, um die heimische Industrie zu fördern?

Der Staat hat nicht die Aufgabe, Industriepolitik zu machen. Der Strukturwandel findet statt, Firmen kommen und gehen, Branchen ändern ihre Art der Produktion, verändern die Güter, die sie herstellen. Dieser Prozess des Strukturwandels geht den Staat nichts an. Und es ist immer so, dass der Strukturwandel in der Krise stattfindet. Die Nicht-Intervention des Staates ist der Grund dafür, dass das verarbeitende Gewerbe in Deutschland so stark ist. Wenn wir anfangen, Industriepolitik zu machen und Bereiche zu unterstützen, dann werden diese Bereiche ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Das bedeutet, dass die Beschäftigung zurückgeht. Kurzfristig wird man in der Flaute Erfolge erzielen. Langfristig führt dieser Weg nicht zum Erfolg. Frankreich sollte ein warnendes Beispiel sein

Inwieweit sollte der Staat in der aktuellen Krise eingreifen?

Ich bin schon der Meinung, dass der Staat Konjunkturpolitik machen soll, aber nicht mit struktureller Komponente. Der Rest des Konjunkturprogramms ist okay, abgesehen freilich noch vom Bürgschaftsprogramm für den Nicht-Bankensektor. Insbesondere das Infrastrukturprogramm. Es ist auch richtig, die Steuern zu senken, weil das die Nachfrage in der Breite stützt. Dann können die Verbraucher entscheiden, ob sie Autos kaufen wollen oder Waschmaschinen, das muss nicht der Staat entscheiden.

Auch in den USA wird die kriselnde Autoindustrie durch ein milliardenschweres Hilfspaket unterstützt.

Das ist schlimme Industriepolitik, die man aus deutscher Sicht nicht gut geheißen kann. Gäbe es dieses Hilfspaket nicht, hätten unsere verbrauchsarmen Autos jetzt bessere Chancen in Amerika.

Wie schätzen Sie die langfristige Entwicklung des US-Automarktes ein?

Amerika ist groß und mächtig und wird es auch bleiben. Aber die goldenen Zeiten, in denen alle nur nach Amerika liefern, sind vorbei. Das ist auch gut so. Wir haben unsere Porsches, BMWs und Mercedes nach Amerika geliefert und haben uns dafür mit dubiosen Zertifikaten bezahlen lassen, die teilweise das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben wurden. Da wir die Zertifikate nicht mehr annehmen und die Amerikaner kein Geld mehr haben, werden die Exporte leiden. Die deutsche Industrie muss sich andere Kunden auf der Welt suchen. Russland, Asien, Osteuropa – in Zukunft spielt dort die Musik. Wir beobachten einen Prozess, in dem sich die Kräfte der Welt in die ex-kommunistischen Gebiete von Polen bis nach China verlagern. Diese Märkte entwickeln ein Eigenleben, das sich zunehmend von der amerikanischen Konjunktur lösen wird. Amerika wird in den nächsten Jahrzehnten allmählich an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig entstehen andere Märkte.

Das Interview wurde in der Druckausgabe der Automobilwoche nur gekürzt abgedruckt und gibt nicht sämtliche Argumente wieder. Die hier eingestellte und autorisierte Version erschien online.

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