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"Die gefühlte Flaute kommt erst noch"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Hamburger Abendblatt, 28.01.2009

Der Mann ist Realist: Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sprach mit dem Abendblatt über die "außerordentlich pessimistische" Stimmung in den Betrieben, die steigende Arbeitslosigkeit und das Bankenrettungsprogramm. Fazit: Die Flaute steht uns noch bevor.

Von Beate Kranz

Hamburg - Abendblatt: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich nach der jüngsten Ifo-Umfrage geringfügig aufgehellt. Ist dies die Trendwende?

Hans-Werner Sinn: Das kann man nicht als Trendwende interpretieren. Wir sprechen erst dann von einer Trendwende, wenn ein Indexwert sich dreimal hintereinander in eine Richtung bewegt.

Abendblatt: Dennoch schimmert Optimismus durch.

Sinn: Von Optimismus kann leider auch noch nicht die Rede sein. Die Firmen sind außerordentlich pessimistisch - nur nicht mehr ganz so stark wie noch im Dezember. Der Pessimismus ist aktuell sogar deutlich stärker ausgeprägt als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Besonders beunruhigend finde ich, dass sich die faktische Lage, wie Firmen bekunden, abermals verschlechtert hat.

Abendblatt: Gab es je eine ähnlich schlechte Stimmung?

Sinn: Vergleichbar war die Situation nach der zweiten Ölkrise 1982. Dennoch: Sollte die Konjunktur in diesem Jahr, wie erwartet, um zwei bis drei Prozent sinken, wäre dies die stärkste Rezession in der Nachkriegszeit.

Abendblatt: Wie wird sich 2009 die Konjunktur entwickeln?

Sinn: Schlecht. Die Wachstumsrate wird sich vielleicht nächstes Jahr wieder etwas verbessern. Doch das bringt uns unterm Strich noch nicht viel. Solange der Wirtschaftszuwachs in Deutschland unter 1,5 Prozent liegt, vergrößert sich die Arbeitslosigkeit und verringert sich der Auslastungsgrad der Produktion. Alle Prognosen, die erstellt wurden, gehen davon aus. Die gefühlte Flaute kommt erst noch.

Abendblatt: Sind alle Branchen gleichermaßen betroffen?

Sinn: Nein. Der Bau und der Einzelhandel sind nach wie vor stabil. Am stärksten sind der deutsche Export und die Ausrüstungsinvestitionen betroffen. Hier liegt das große Problem. Deutschland ist über seinen Export stark global verwoben. Die rezessiven Kräfte kommen derzeit aus dem Ausland und nicht aus dem Inland. Deshalb kann die deutsche Konjunkturpolitik auch nur wenig gegen diese Flaute unternehmen. Sie kann nur die inländischen Kräfte stärken, die aber ohnehin noch nicht schwach sind.

Abendblatt: Was bringen die Konjunkturprogramme für die Realwirtschaft?

Sinn: Im Großen und Ganzen sind sie sinnvoll. Man muss jetzt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stützen. Einige Details gefallen mir nicht, wie das Bürgschaftsprogramm für Unternehmen oder die Abwrackprämie. Für gut heiße ich dagegen den Verzicht auf weitere Steuererhöhungen und die beschlossenen Infrastrukturprogramme.

Abendblatt: Sollten auch Unternehmen von Staatsseite finanziell unterstützt werden?

Sinn: Eine gezielte Unterstützung einzelner Unternehmen kann nicht funktionieren. Die Bürgschaftsprogramme für Unternehmen werden zu einer großen Wertevernichtung führen. Hier müsste eine staatliche Instanz prüfen, ob die Bonität der Kreditnehmer überhaupt gewährleistet ist. Und dies kann der Staat nicht leisten, wie an den milliardenschweren Verlusten bei den staatlichen Landesbanken erkennbar ist. Vielmehr muss dafür gesorgt werden, dass die privaten Banken durch Erhöhung des Eigenkapitals wieder in die Lage versetzt werden, neue Kredite zu vergeben. Dies würde den Unternehmen am meisten helfen. Kurzarbeit mitzufinanzieren geht im Übrigen auch ok.

Abendblatt: Welche Rezepte empfehlen Sie?

Sinn: Das Konjunkturpaket ist ein richtiger Schritt - auch das Volumen stimmt. Allerdings ist es dringend notwendig, das Bankenrettungsprogramm nachzubessern. Die Banken müssen verpflichtet werden, dass sie das ihnen zur Verfügung gestellte Eigenkapital auch annehmen. Hier sträuben sich die Institute noch.

Abendblatt: Wer muss hierbei aktiv werden?

Sinn: Das Rettungspaket muss nachgebessert werden, indem die Banken - wie in Großbritannien - zur Aufnahme neuen Eigenkapitals verpflichtet werden, egal ob dieses Kapital aus der Privatwirtschaft oder vom Staat kommt. Bisher basiert das deutsche Rettungspaket auf der Theorie der freiwilligen Bestrafung durch Gehaltsverzicht bei den Managern. Das kann nicht funktionieren.

Abendblatt: Wie wird sich der Arbeitsmarkt entwickeln?

Sinn: Wir werden viel Kurzarbeit bekommen, aber auch mehr Arbeitslosigkeit. Der Tiefpunkt der Arbeitslosigkeit wurde in diesem Winter erreicht. Ich gehe davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Dezember um eine halbe Million höher liegt als im letzten. Gleichzeitig halte ich Kurzarbeit für ein wichtiges Mittel zur Stabilisierung der Konjunktur. Kurzarbeit liegt auch im Interesse der Unternehmen. Man behält gute Mitarbeiter statt sie zu entlassen, um für den nächsten Aufschwung gerüstet zu sein.

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