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„Zum Konsolidieren ist es noch zu früh“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Fuldaer Zeitung, 01.12.2009, Nr. 279, S. 5

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn im Interview über die Folgen der weltweiten Finanzkrise

Deutschlands Banken werden noch einige faule Wertpapiere in ihren Bilanzen abschreiben müssen. Davon ist Hans-Werner Sinn überzeugt. Im Interview dämpft der Präsident des Münchner Ifo-Instituts die Hoffnung, dass alle Folgen der Krise bekannt sind.

Die Berechnungen für den Ifo-Geschäftsklimaindex lassen seit Monaten auf eine Erholung der Weltwirtschaft hoffen. Ist das Schlimmste überstanden?

Es gibt zumindest deutliche Anzeichen, die dafür sprechen. Zum Beispiel ist in Asien der Konjunkturmotor endlich angesprungen. In Amerika bereiten mir zwar die immer noch steigenden Arbeitslosenzahlen Sorgen. Es könnte aber gut sein, dass die Konjunktur im Rest der Welt unabhängig von den USA die Kurve kriegt.

Welche Rezeptur würden Sie mixen, damit Deutschland möglichst schnell Wachstum erzielt?

Ich würde vor allem die für 2011 geplanten Steuersenkungen auf das kommende Jahr vorziehen. Darin entfaltete ein solches Konjunkturprogramm noch die erwünschte Wirkung. Wir hoffen doch, dass wir 2011 wieder einen selbsttragenden Aufschwung erleben werden. Das wäre dann der Zeitpunkt, an dem man Konjunkturprogramme auslaufen lässt. Aktuell sollten die kreditfinanzierten Konjunkturprogramme nicht infrage gestellt werden. Zum Konsolidieren der Staatshaushalte ist es noch zu früh.

Gibt es neben den Steuersenkungen noch weitere positive Ansätze im schwarz-gelben Koalitionsvertrag?

Absolut. Neben den Regelungen zur Vermeidung einer Kreditklemme ist dies besonders die Ankündigung, die Arbeitsmarkt-Reformen fortzuschreiben. Diese hatte die Regierung Schröder auf den Weg gebracht, doch die SPD hat sich von ihrem Kurs verabschiedet. Weniger Geld fürs Wegbleiben - mehr Geld fürs Mitmachen, war damals die heimliche Devise. Das hat zu einer neuen Dynamik am Arbeitsmarkt mit 1,3 Millionen Lohnzuschussempfängern geführt. Nicht zuletzt aus diesem Grund verläuft die Krise bei uns nun so glimpflich. Auch die Ressortverteilung im Kabinett finde ich gut. Mit der Besetzung im Wirtschaftsbereich bin ich sehr zufrieden. Ich bedaure, dass Franz Josef Jung als Arbeitsminister zurücktreten musste, denn er verfügte in diesem Feld über eine hohe Kompetenz. Frau von der Leyen hat diese Kompetenz allerdings auch.

Wäre Jung weiterhin als Mitglied der Bundesregierung haltbar gewesen?

Wenn erst einmal eine Treibjagd eingesetzt hat, ist es schwer, noch zu entkommen.

Welche Schulnote geben sie Barack Obama im Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise?

Der US-Präsident hat bislang noch keinen Fehler gemacht. Die Amerikaner haben ihre Bankenrettungsprogramme so massiv eingesetzt, dass davon die ganze Welt profitiert. Das kann ich nur bewundern.

Wird es den USA gelingen, ihre Rolle als Weltwirtschaftsführer zu behaupten?

Nein. Die Kräfte in der Welt werden sich immer stärker in Richtung Asien verlagern. Amerika hat massive Probleme, weil dort der gesamte Markt der Immobilienfinanzierung weggebrochen ist. Dort rettet nun der Staat, was zu retten ist. Die drei staatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae sichern heute 95 Prozent der US-Immobilienkredite. Bislang bezeichnete man Volkswirtschaften mit einer .solchen Staatsquote als sozialistisch.

Welche Entwicklung erwarten Sie auf dem US-Immobilienmarkt?

Die Amerikaner sollten sich ein paar entscheidende Dinge in Europa abschauen. Zum Beispiel die Pfandbriefe. Die sind ein Anspruch gegen die Bank, der zusätzlich durch eine Immobilie besichert ist. Sie haben unserem Kapitalmarkt ein hohes Maß an Stabilität gebracht. Immobilienbesicherte Wertpapiere amerikanischer Provenienz sind dagegen nur Ansprüche gegen den Hauseigentümer, und auch der kann sich der Zahlungsverpflichtung leicht entziehen.

Wie das?

Wer in Deutschland den Kredit für sein Haus nicht zurückzahlt, verliert das Haus und haftet für den offenen Betrag mit seinem übrigen Vermögen. Im Notfall wird ihm sogar der Lohn gepfändet. In den USA haften die Kreditnehmer nur mit dem beliehenen Haus. Wenn sie irgendwann den Kredit nicht mehr bedienen können oder wollen, stecken sie die Haustürschlüssel in einen Briefumschlag und schicken ihn an die Bank. Dieser Aspekt der Krise war mir vor der Krise nicht bekannt gewesen.

Warum haben die Experten nicht stärker vor der Krise gewarnt? Immerhin gab es doch klare Anzeichen für eine gigantische Blase.

Es gehörte zum Standardrepertoire eines jeden Volkswirts, vor dem Platzen der Immobilienblase und dem nicht aufrecht zu erhaltenden Defizit in der Leistungsbilanz zu warnen. Die Kassandrarufe sind in den vergangenen 15 Jahren immer lauter geworden. Aber das wurde irgendwann langweilig. Dass sich eine Blase aufbaute, die platzen musste, war allen klar. Den konkreten Zeitpunkt und das Ausmaß konnte aber niemand vorausahnen.

Was hat am Ende das Fass zum Überlaufen gebracht?

Das war am 10. September 2008 die völlig unerwartete Entscheidung von US-Finanzministers Henry Paulson, die Bank Lehman Brothers nicht zu retten. Dieser Entschluss hat die Welt völlig überrascht und zum Zusammenbruch des Interbankenmarktes geführt. In den darauf folgenden Tagen und Wochen wurde die Krise immer stärker, bis am 10. Oktober der Ansturm auf das Bargeld in vielen Banken auf der ganzen Welt einsetzte. Weil kein Institut soviel Geld vortätig hat, wie auf den Konten steht, hätte dies zum Kollaps des gesamten Finanzsystems geführt. Diese Zuspitzung war nicht prognostizierbar. Lehman fallen zu lassen, war ein großer Fehler.

Aktuell hat man den Eindruck, das Casino sei wieder eröffnet. Haben die Banken nichts aus der Krise gelernt?

Das trifft es. Man muss sich nur den Zinsmarkt ansehen. Da erhalten die Institute Geld fast zinsfrei von den Zentralbanken und geben es zu hohen Zinssätzen an ihre Kunden weiter. Die Margen sind heute traumhaft hoch. Die Banken erzielen Rekordrenditen auf ihr geschrumpftes Eigenkapital. Damit versuchen sie, ihre Bilanzverluste sukzessive wettzumachen. Das geht vor allem zu Lasten des Steuerzahlers, weil diesem die Zinseinnahmen der Zentralbanken vorenthalten werden. Der Steuerzahler rekapitalisiert die Banken, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen.

Haben Sie dies in der Politik angesprochen?

Ich habe die Problematik mehrfach angesprochen. Viel rumgekommen ist dabei aber bislang nicht.

Haben Sie bereits mit dem Gedanken gespielt, selbst in die Politik einzusteigen?

Niemals. Spätestens das Beispiel Paul Kirchhof hat gezeigt, dass Wissenschaftler für die Politik nicht geeignet sind. In diesem Metier müssen sie die positiv-emotionale Ansprache beherrschen. Als Wissenschaftler versucht man dagegen alles, um gerade das zu vermeiden. Ich finde es aber beachtlich, wie Politiker so etwas beherrschen. Sie kommen mir vor wie Geigenspieler, die auf ihren Instrumenten Stimmungen erzeugen können und dadurch Zustimmung erhalten. Ich könnte das nicht.

Welche Gefahren schlummern noch in den Bilanzen deutscher Banken?

Die Institute, die laut Schätzungen noch auf toxischen Papieren in einer Größenordnung von 650 Milliarden Euro sitzen, haben gerade erst ein Viertel ihres Eigenkapitals als Abschreibungsverluste gemeldet. In ihren Bilanzen stecken aber noch mehr als 30 Prozent des Eigenkapitals. Am Ende wird mit mindestens etwa 170 Milliarden Euro mehr als die Hälfte des gesamten Eigenkapitals der deutschen Banken durch außerplanmäßige Abschreibungsverluste aufgezehrt sein.

Werden die enormen Kosten für den Kampf gegen den Klimawandel das Wirtschaftswachstum dämpfen oder sehen Sie eher Chancen in diesem Bereich?

Wenn wir gegen den Klimawandel vorgehen, indem wir allein den fossilen Strom verteuern, dann wird Sich das natürlich negativ auf das Wachstum auswirken. Dadurch wird ein zentraler Produktionsfaktor erheblich teurer. Das heißt aber nicht, dass ich gegen erneuerbare Energien bin. Nur kann ich als Ökonom die Behauptung nicht nachvollziehen, dass der Austausch fossiler durch erneuerbare Energien Wachstum generiert. Das ist Propaganda.

Wie beurteilen sie die Lage in Dubai? Könnte die Finanzkrise in dem Emirat zum ernsten globalen Problem werden?

Was in Dubai passiert, ist in der Tat ein ernstes Problem, allerdings kein Phänomen, das es nur dort gibt. Problematische Finanzen finden wir in einigen der aufstrebenden Ölländer, zum Beispiel auch in Russland. Auch dort sind viele Wechsel auf die Zukunft gezogen worden, und angesichts der Kreditverknappung gibt es dort nun erhebliche Probleme. Brasilien, Indien oder China befinden sich hingegen schon wieder mitten im Aufschwung.

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