Main Content

"Banken zwingen, staatliches Geld zu nehmen"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Handelsblatt.com, 30.12.2008

Der Präsident des Münchner Institutes für Wirtschaftsforschung (ifo), Hans-Werner Sinn, sieht das wichtigste Konjunkturprogramm für Deutschland darin, die Kreditklemme zu verhindern. In der Dezember-Umfrage des ifo klagen 40 Prozent der Unternehmen darüber, dass die Kreditvergabe der Banken restriktiv sei. Bei den Großunternehmen sind es sogar 48 Prozent. "Wir haben damit einen Wert, der so hoch ist wie beim Beginn unserer Aufzeichnungen im Jahr 2003", sagte Sinn im Interview mit Handelsblatt.com.

Der Präsident des Münchner Institutes für Wirtschaftsforschung (ifo), Hans-Werner Sinn, sieht das wichtigste Konjunkturprogramm für Deutschland darin, die Kreditklemme zu verhindern. In der Dezember-Umfrage des ifo klagen 40 Prozent der Unternehmen darüber, dass die Kreditvergabe der Banken restriktiv sei. Bei den Großunternehmen sind es sogar 48 Prozent. "Wir haben damit einen Wert, der so hoch ist wie beim Beginn unserer Aufzeichnungen im Jahr 2003", sagte Sinn im Interview mit Handelsblatt.com.

Handelsblatt: Herr Sinn, nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank nimmt die Sorge vor einer Kreditklemme zu. Auch ihrem Institut liegen Zahlen vor, nach denen fast die Hälfte der Großunternehmen Probleme bei der Kreditvergabe hat. Was ist in dieser Situation das Wichtigste?

Hans-Werner Sinn: "Die Politik kümmert sich sehr stark um Konjunkturprogramme, aber das wichtigste Konjunkturprogramm für Deutschland besteht darin, die Kreditklemme zu verhindern. Die Investitionsanreize verpuffen, wenn die Unternehmen keine Kredite von den Banken kriegen."

Worin liegen die Hemmnisse für die Kreditvergabe?

"Das Problem besteht darin, dass die Banken ihr Eigenkapital durch die Abschreibungen auf amerikanische Wertpapiere und Aktien zum Teil verloren haben und nun ihre Ausleihungen an die Firmen in Proportion zum geschrumpften Eigenkapital reduzieren. Runter mit dem Geschäftsvolumen ist die Devise. Das bedeutet, dass weniger Kredite vergeben werden. Die Politik hat ein Rettungspaket für die Banken geschnürt, um dem entgegenzuwirken - immerhin stehen 80 Mrd. Euro als Eigenkapitalhilfen zur Verfügung. Die Politiker sollten freilich auch dafür sorgen, dass das Geld genommen wird."

Wie können die Politiker das schaffen?

"Deutschland könnte das englische Modell übernehmen. Danach müssen die Banken eine Kernkapital-Quote von neun Prozent vorhalten, und zwar im Wesentlichen auf die Ausleihungen der letzten vier Jahre. Zurzeit versuchen viele Banken, ihre Quote wieder zu erreichen, indem sie ihre Ausleihungen im Verhältnis zum geschrumpften Eigenkapital reduzieren. Also muss man verhindern, dass das passiert, und das kann man tun, indem man die Quote auf die Ausleihungen der Vergangenheit anwendet. In Großbritannien müssen sich die Banken das fehlende Eigenkapital entweder auf dem privaten Markt besorgen oder den Staat als Miteigentümer akzeptieren. Die englischen Banken sind auf diese Weise teilverstaatlicht worden, natürlich nur so lange, bis die Finanzkrise überwunden ist."

Was heißt das für deutsche Banken?

"Die Banken müssen gezwungen werden, staatliches Geld zu nehmen oder sich privates zu beschaffen. Leider führen die Bedingungen des Rettungspaketes dazu, dass die Banken den Rettungsschirm nur in Anspruch nehmen, wenn sie gar nicht mehr anders können. Wenn knapp 50 Prozent der Großunternehmen sagen, dass die Kreditvergabe der Banken ihnen gegenüber restriktiv sei, dann haben wir bereits ein Riesenproblem."

Ihre Fragen und Kommentare

Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!

Pressekontakt

Harald Schultz

ifo Institut
Presse, Redaktion, Konferenzen
Telefon: +49(0)89/9224-1218
Fax: +49(0)89/9224-1267
E-Mail: schultz @ ifo.de
Website


Short URL: www.ifo.de/de/w/4d8MuMyA