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„Der Abstieg hat schon begonnen“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Kölner Stadt-Anzeiger, 15./16.11.08, Nr. 268

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn fordert die Beseitigung des „Laschheitswettbewerbs“ der Bankenaufsicht. Die Banken sollten verpflichtet werden, eine Kernkapitalquote von mindestens zehn Prozent zu erreichen, meint Hans-Werner Sinn.

„Der Abstieg hat schon begonnen“

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Professor Sinn, die Immobilienblase, die die Finanzkrise ausgelöst hat, ist über sechs Jahre in den USA gewachsen. Warum hat keiner der führenden Ökonomen auf die Gefahren hingewiesen? Oder sind sie einfach nicht gehört worden?

HANS-WERNER SINN: Zahlreiche führende und weniger führende Ökonomen weltweit haben seit Jahren in Veröffentlichungen, Vorträgen und Interviews auf die Gefahren hingewiesen und vor den Folgen gewarnt. Aber das ist nicht wirklich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen vieles nicht hören wollen, was sie nicht direkt empfinden können.

Konnten die Wirtschaftsforscher die Heftigkeit der Krise vorhersehen?

SINN: Wir haben die Bankenkrise bereits seit dem vergangenen Sommer befürchtet, als der Interbankenverkehr zusammenbrach. Das war schon eine außerordentlich kritische Situation, die dann durch Liquiditätsspritzen der Notenbanken aufgefangen wurde. Wir waren davon überzeugt, dass sich die Situation noch weiter verschärfen würde. Aber das jetzige Ausmaß ist schon beachtlich. Eine Krise wie diese erlebt man nur einmal in einem Menschenleben.

Wäre das Desaster vermeidbar gewesen?

SINN: Ja natürlich. Eine der Hauptursachen liegt in der mangelhaften Regulierung der angelsächsischen Banken. Den Instituten wurde erlaubt, mit einem Minimum an Eigenkapital zu arbeiten. Die Aktionäre fordern in diesem Fall von den Managern, dass sie ins Risiko gehen. Es wurden äußerst riskante Geschäfte getätigt - auch deshalb, weil die Banken nur mit diesem geringen Eigenkapital haften. Wenn es gut läuft, steckt man das Geld ein. Wenn es schlecht läuft, dann lässt man sich retten. Es war von vornherein von Seiten der amerikanischen Investmentbanken eingeplant, dass der Staat einspringt.

Der Bankensektor gehört doch bereits jetzt zu den am stärksten regulierten Wirtschaftszweigen. Haben die Aufsichtsbehörden weltweit geschlafen?

SINN: Zwischen den Aufsichtsbehörden herrscht ein Laschheitswettbewerb. Jede Regulierungsbehörde versucht, die bei ihr ansässigen Banken etwas großzügiger zu behandeln. Nach dem Motto: Wenn wir ein Finanzprodukt nicht genehmigen, dann wird es woanders zugelassen. Die Engländer haben das mit Bravour gemacht und viel Geschäft nach London geholt.

War auch die deutsche Bafin zu lasch?

SINN: Die Bafin hat zum Beispiel nicht die außerbilanziellen Zweckgesellschaften geprüft, weil dies nicht gesetzlich festgelegt ist. Hier ist indes nicht die Bafin zu kritisieren, sondern der Gesetzgeber. Eine gut funktionierende Marktwirtschaft braucht immer feste Spielregeln. Marktwirtschaft ist keine Anarchie, wo jeder machen kann, was er will.

Die Regierungschefs der G-20-Staaten beraten über eine neue Weltfinanzordnung. Welche Schritte sind notwendig?

SINN: Wir brauchen eine weltweit harmonisierte Bankenaufsicht unter der Ägide des Internationalen Währungsfonds. Auf nationaler Ebene sollte die Aufsichtspflicht dann bei den Zentralbanken angesiedelt werden. In Europa würde die EZB die Bankprodukte prüfen und genehmigen oder verbieten. Außerdem würde sie strikt auf die Einhaltung der Eigenkapitalvorschriften achten. Der Laschheitswettbewerb zwischen den einzelstaatlichen Regulierungssystemen in Europa wäre beseitigt.

Welche Verpflichtungen sollte man den Banken künftig auferlegen?

SINN: Man muss vor allem bei den Vorschriften für das Eigenkapital ansetzen. Die Banken sollten verpflichtet werden, eine Kernkapitalquote von mindestens zehn Prozent zu erreichen.

Die Mehrheit der deutschen Banken ziert sich aber bislang, das Rettungspaket, das sie mit Kapital versorgen könnte, anzunehmen.

SINN: Es ist einer der großen Konstruktionsfehler des deutschen Rettungsplans, dass den Banken keine Pflicht zur Teilnahme auferlegt wurde. Durch die Auflagen - wie etwa den staatlichen Einfluss auf die Geschäftspolitik - wird das Paket für das jeweilige Management zusätzlich unattraktiv. Deswegen besteht auch die Gefahr, dass es hierzulande zu einer Kreditklemme kommt. Zudem besteht die Gefahr, dass sich die englischen und amerikanischen Geldinstitute jetzt für die Zukunft mit Kapital versorgen und die deutschen Banken künftig einen Wettbewerbsnachteil haben.

Bislang haben sich vor allem angeschlagene Landesbanken wie die WestLB und die BayernLB gemeldet. Wird jetzt gutes Geld dem schlechten hinterhergeworfen?

SINN: Auch die Commerzbank hat sich gemeldet. Die Aussage, dass keine systemrelevante Bank pleite- gehen darf, war richtig. Es geht ja nicht darum, dass der Staat hier zwingend eine Rendite erzielt. Die Gesellschaft erzielt die Rendite in Form des Erhalts des Finanzsystems und damit einer funktionsfähigen Wirtschaft.

Die Bundesregierung hat sich auf ein milliardenschweres Konjunkturprogramm verständigt. Ein richtiger Ansatz?

SINN: Derzeit ist die konjunkturelle Lage im Großen und Ganzen noch gut, von den Problemen bei den Automobilherstellern, die nun schon länger andauern, einmal abgesehen. Die Aussichten sind allerdings überall trist. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Rezession. Wir befinden uns noch in der Nähe der Bergkuppe, aber der Abstieg hat schon begonnen. Für ein Konjunkturprogramm ist es jetzt noch zu früh. Das würde ich erst angehen, wenn wir im Tal sind. Oder um ein anderes Bild zu verwenden: Erst wenn das Feuer ausgeht, sollte man sein Stroh verfeuern. Früher nicht.

Ist das Schlimmste der Krise jetzt überstanden? Wagen Sie eine Prognose?

SINN: Das Schlimmste ist zum Glück nicht passiert. Das Finanzsystem stand vor der Kernschmelze. Das gigantische Banksterben, das wir seit dem Jahresbeginn erlebt haben, hätte sich ohne Rettungspakete zur Katastrophe ausgewachsen.

Geht es jetzt wieder bergauf?

SINN: Nein, wir stürzen nur nicht in eine tiefe Schlucht. Der Abstieg selbst geht weiter. Die Bedrohung des Bankensystems hält noch weiter an, mindestens bis die Bilanzen im kommenden Frühjahr auf dem Tisch liegen. Dann erst wird man sehen, wie hoch der Abschreibungsbedarf wirklich ist. Hinzu kommen noch Bedrohungen aus dem Verkauf der Kreditkartenschulden und Kreditversicherungen. Das alles wird derzeit noch nicht wirklich beherrscht.

Wer sind die Gewinner der Krise?

SINN: Das sind vor allem die amerikanischen Hausbesitzer, die ihre Häuser häufig vollständig auf Kredit gekauft haben und jetzt ihre Kredite vielfach weder zurückzahlen können noch müssen, denn unterhalb des Durchschnittseinkommens gibt es keine Durchgriffshaftung. Das bedeutet, dass die Bank im Falle der Zahlungsunfähigkeit nicht auf das Arbeitseinkommen zugreifen kann. Wenn es schiefgeht, gibt man einfach den Schlüssel ab. Diese Hausbesitzer haben sich zehn schöne Jahre gemacht - zu Lasten der Welt.

Das Gespräch führte Corinna Schulz

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