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Rettungspaket wird nicht greifen

Interview mit Hans-Werner Sinn, Nürnberger Nachrichten, 18.10.2008

ifo-Präsident Sinn: Verknüpfung mit Managergehältern war eine Dummheit

NÜRNBERG — Noch tobt die Finanzkrise, doch längst suchen Politiker und Wissenschaftler nach Wegen, künftig solche Krisen zu vermeiden. Über Ursachen, Fehler und Folgen sprachen wir mit Hans-Werner Sinn, Wirtschaftsforscher und Präsident des ifo-Instituts am Rande einer Veranstaltung im Südwest-Park.

Sie gelten als Fürsprecher einer neoliberalen Wirtschaftsordnung. Müssen Sie heute den einen oder anderen Ihrer Standpunkte überdenken?

Sinn: Nein, außerdem bin ich kein Neoliberaler. Wenn Sie solche Termini verwenden wollen, bin ich ein Ordoliberaler im Sinne Ludwig Erhards. Ich bin für strikte Spielregeln, deren Einhaltung vom Staat überwacht werden, ohne dass der Staat selbst mitspielt. Seit Jahren gehöre ich in Wort und Schrift zu den entschiedensten Kritikern der Liberalisierung im Bankenwesen.

Sätze von Ihnen, wie „der individuelle Eigennutz ist Grundlage für das Allgemeinwohl“ sind also nach den Exzessen vieler Banker noch gültig?

Sinn: Sicher, der individuelle Eigennutz braucht aber Spielregeln, nach denen er sich austoben kann.

Wenn wir auf das Desaster im Bankensektor blicken: Waren die Spielregeln falsch, oder haben sich die Institute nur nicht an die Regeln gehalten?

Sinn: Die Regeln waren falsch. Der Staat hat zugelassen, dass Banken ihr Geschäft mit einem Minimum an Eigenkapital betreiben konnten. Aktionäre haften aus guten Gründen nicht mit ihrem Vermögen, sondern nur mit dem Eigenkapital ihrer Unternehmen, wenn etwas schiefgeht. Die Aktionäre der angelsächsischen Banken haben so viel Kapital wie möglich aus den Unternehmen herausgezogen, um es vor den Konsequenzen einer Pleite zu schützen. Die Folge war eine dramatische Unterkapitalisierung des US-Bankenwesens, das damit krisenanfällig geworden ist. Verschlimmert wurde das Ganze dadurch, dass das geringe Eigenkapital dann zum Glücksrittertum einlud.

Die Manager wurden also zu Spielern?

Sinn: Ja. Die US-Investmentbanken haben mit nur vier Prozent Eigenkapital gearbeitet und dann gezockt. Das Prinzip hieß: Wenn’s gut geht, stecken wir die Gewinne ein. Wenn’s schlecht läuft, dann machen wir den Laden eben dicht, und die Gläubiger oder der Staat zahlen die Zeche.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Politiker?

Sinn: Die Politiker haben überraschend schnell gehandelt und so die Kernschmelze verhindert. Sie haben im Wesentlichen das Richtige getan. Deutschland hat ja das englische Modell übernommen, nach dem sich der Staat an maroden Banken beteiligt und so Ansprüche auf zukünftige Dividenden erwirbt. Das versorgt die Banken wieder mit Eigenkapital, und vielleicht macht der Staat sogar noch ein gutes Geschäft.

Reichen denn die Rettungspakete, die bis jetzt geschnürt wurden?

Sinn: Zur Bewältigung der Bankenkrise ja. Keiner muss mehr Angst haben, dass eine Bank in Konkurs geht.

Die Bekämpfung der Krise ist eine Sache, die Beseitigung der Ursachen eine andere. Was muss geschehen?

Sinn: Jetzt müssen die Banken gezwungen werden, solche Risiken in Zukunft gar nicht mehr einzugehen. Und das geht nur, indem man die Eigenkapitalanforderungen spürbar hinaufschraubt. Denn dann müssen die Eigentümer der Banken selbst mit hohen Einlagen für Entscheidungen haften, die sie und ihre Manager treffen.

Das funktioniert doch nur, wenn solche Regulierungen weltweit vereinheitlicht und überwacht werden.

Sinn: Richtig, denn sonst wären Bankenstandorte mit weniger hohen Anforderungen im Vorteil, sie zögen Kapital an, und es entstünde ein Laschheits-Wettbewerb, der die Regulierungssysteme erneut erodieren ließe.

Wer soll die Aufgabe übernehmen?

Sinn: Der Internationale Währungsfonds (IWF), der schon jetzt den umfassendsten Überblick über die weltweiten Finanzströme hat.

Ausgerechnet der IWF, der doch von den Amerikanern dominiert wird, die uns doch die ganze Suppe erst eingebrockt haben?

Sinn: Immerhin gibt es Hoffnung, dass die Angelsachsen eingesehen haben, dass ihr Weg vielleicht doch nicht der richtige war. Im Übrigen ist Chef des IWF ein Franzose.

Hat die Finanzaufsicht versagt?

Sinn: Die Finanzaufsicht hat nur getan, was ihr die Gesetzeslage aufgibt. Wir brauchen allerdings eine Kontrolle, die grenzüberschreitend ist. In Europa muss das die Europäische Zentralbank übernehmen, weltweit eben der IWF.

Politiker verknüpfen ihre Rettungszusagen an Banken mit strengen Auflagen. Dazu zählt auch die Begrenzung der Managervergütungen. Ist das sinnvoll?

Sinn: Das ist eher der dumme Teil des Rettungspaketes. Welcher Bankmanager wird denn bereit sein, auf 90 Prozent seines Gehaltes oder sogar mehr zu verzichten, nur damit seine Bank in den Genuss staatlichen Kapitals kommt? Statt das staatliche Eigenkapital anzunehmen und das Volumen der Ausleihungen von Krediten an die Unternehmen zu halten, wird er lieber dieses Volumen kappen, bis es wieder in einer gesunden Proportion zum geschrumpften Eigenkapital steht.

Die Leidtragenden sind die Unternehmen, die das Geld für ihre Investitionen nicht kriegen, und damit wird die Konjunktur insgesamt verschlechtert. Es droht dann immer noch die Kreditklemme, die man eigentlich vermeiden wollte. Kein anderes westliches Land hat eine ähnliche Dummheit angekündigt. Die Politiker haben bei ihrer Entscheidung die Empfehlungen der Demoskopen befolgt und deshalb eine Neidkomponente in den Plan eingebaut. Neid macht indes blind.

Neid?

Sinn: Sie können es auch Gerechtigkeitsempfinden nennen. Im Endeffekt ist es dasselbe. Die Managergehälter werden begrenzt, und deswegen werden die Manager die Hilfen nur dann in Anspruch nehmen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Hier hat die Politik einen Fehler gemacht.

Finden Sie es denn ganz persönlich gerecht, wenn Investmentbanker dreistellige Millionenbeträge verdienen, während andere Arbeitnehmer kaum über die Runden kommen?

Sinn: Nein, natürlich nicht. Ich unterscheide mich als Bürger nicht von anderen, was meine persönlichen Präferenzen betrifft. Als Wirtschaftswissenschaftler muss ich darauf hinweisen, dass wir das bei den Managern eingesparte Geld durch eine vermeidbare Verschärfung der Wirtschaftskrise vieltausendfach werden bezahlen müssen. Interview: K. WONNEBERGER

ifo-Präsident Hans-Werner Sinn F.: Michael Matejka

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