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„Die US-Krise ist wirklich substanziell“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Börse Online, 23.-30.10.2008, Nr. 44/2008, S. 26-27

Der Präsident des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn über das Rwttungspaket der Bundesregierung, die Rekapitalisierung der Banken und das hohe Risiko einer größeren Flaute der Weltwirtschaft.

Im Herbstgutachten der Forschungsinstitute heißt es, Deutschland werde von der internationalen Konjunkturschwäche besonders hart getroffen. Warum das?
Der Konjunkturzyklus ist in jedem Land durch das Auf und Ab der Investitionen geprägt. Und Deutschland hat sich nun mal sehr stark auf die Produktion von Investitionsgütern spezialisiert. Das ist im Aufschwung von Vorteil und im Abschwung von Nachteil. Wir schwimmen wie ein Korken auf den Schaumkronen der Weltkonjunktur.

Lässt sich sagen, inwieweit der Abschwung durch die Finanzkrise verursacht wurde?
Wenn die Finanzkrise konjunkturelle Folgen hätte, käme es 2009 zu einer Schrumpfung der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent. Das haben die Institute in einem Risikoszenario errechnet. Das ist aber mit den staatlichen Bankenrettungspaketen weniger wahrscheinlich geworden. Der Abschwung, den wir seit einem halben Jahr ohnehin schon haben, setzt sich unvermindert fort. Er wurde nicht durch die Finanzkrise bewirkt, sondern hat mit dem Crash des US-Häusermarkts die gleiche Ursache wie sie.

Kann man vermeiden, dass die Weltwirtschaft längere Zeit unter der Krise leidet?
Da bin ich mir nicht sicher. Die amerikanische Krise ist wirklich substanziell. Der Wertverlust der US-Immobilien liest bei etwa 5000 Milliarden Dollar. Sie wird die USA und den Rest der Welt in Atem halten. Außerdem bin ich skeptisch, was das deutsche Paket betrifft.

Was ist daran auszusetzen?
Die Begrenzung der Managergehälter auf 500000 Euro wird bedeuten, dass die Banken alles versuchen werden, die Inanspruchnahme der Hilfsmittel zu vermeiden. Sie werden diese Mittel zwar zur Abwendung eines drohenden Konkurses in Anspruch nehmen. Die notwendige Kapitalisierung des Bankensystems wird indes nicht erreicht. Die Konsequenz ist eine Kreditklemme, die von den Unternehmen und damit von uns allen ausgebadet werden muss. Insofern bleibe ich auch skeptisch bezüglich der Aktienkurse.

Droht die Kreditklemme auch in Amerika?
Die wird durch das 700-Milliarden-Dollar-Paket der US-Regierung weitgehend vermieden. Finanzminister Paulson hat die großen Banken ja gezwungen, das staatliche Eigenkapital anzunehmen. Im Übrigen plant kein anderes Land, das einen Rettungsfonds gegründet hat, eine ähnlich strikte Begrenzung der Managergehälter wie Deutschland. Das Gesamtvolumen der Fonds aller Länder liegt bei mehr als 2,2 Billionen Euro. Diese Summe wird ihre Wirkung nicht verfehlen.

Was heißt das für die USA?
Ich sehe die USA in einer langen Flaute. Im vergangenen Jahrzehnt haben sie über ihre Verhältnisse gelebt, aufgehört zu sparen und Immobilienkredite über den Neubau hinaus aufgenommen, um davon schön zu leben. Umso schwieriger wird das nächste Jahrzehnt. Da müssen sie die Konsequenzen tragen.

Wo sehen Sie die tieferen Ursachen der Finanzkrise vergraben?
Die Regulierung der Banken war zu lasch. Sie konnten ihre Geschäfte mit zu wenig Eigenkapital machen. Man hat in guten Zeiten ausgeschüttet, was nur ging nach der Devise: Was nicht drin ist, kann ich nicht verlieren. Jetzt merkt man, dass in der Krise Eigenkapital fehlt. Der Staat hat im 19. Jahrhundert die Haftungsbeschränkung eingeführt. Er darf aber nicht den Firmen überlassen zu definieren, was Haftungsbeschränkung eigentlich heißt. Die Investmentbanken haben das bis zum geht nicht mehr interpretiert und haben ihr Geschäft fast ohne Eigenkapital betrieben. Mit nur vier Prozent Eigenkapital liegt die Haftungssumme bei fast null.

Das allein erklärt aber nicht, warum die Banken so hohe Risiken eingegangen sind.
Oh ja, gerade das erklärt es. Je riskanter die Geschälte, desto größer die erwarteten Gewinne. Wenn es gut geht, stecken die Aktionäre den Gewinn in die Tasche. Wenn es schief geht, machen sie ihre Bank zu, ohne viel zu verlieren und überlassen es den Gläubigem der Bank oder dem Staat, mit den Verlusten fertig zu werden. Diese Asymmetrie bei der Beteiligung an den Gewinnen und Verlusten, die mit der Minimierung des Eigenkapitals einherging, erklärt das Glücksrittertum der Banken. Das war ein wesentlicher Grund für die Krise.

Welche Rolle spielte dabei der Wettbewerb unter den Banken?
Er hat dieses Verhalten im Interesse ihrer Aktionäre erzwungen. Der Staat hätte das durch schärfere Regulierung verhindern können. Doch dagegen haben sich die Banken gewehrt, weil sie stets befürchtet haben, dass Konkurrenten in den anderen Ländern nicht von dieser Regulierung erfasst werden. So wie die einzelnen Banken unterkapitalisiert ins Risiko gingen, waren die einzelnen Länder zu lasch in der Regulierung, um nicht Bankenaktivität an andere Länder zu verlieren. Sieger in diesem Laschheitswettbewerb waren die angelsächsischen Länder in Europa besonders England. Kein Wunder, dass sie von der Krise nun am stärksten betroffen sind.

Wie hoch sollte der Eigenkapitalanteil sein?
Schwer zu sagen. Die Briten wollen jetzt mindestens zehn Prozent, sonst geben sie kein staatliches Geld. Das ist eine vernünftige Zahl, es könnte aber auch mehr sein.

Hans-Werner Sinn ist im Ausland angesehen wie kein anderer deutscher Volkswirt. Der Präsident des ifo-Instituts hat zudem den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne und ist einem breiten Publikum durch die Veröffentlichung mehrerer Bücher bekannt geworden.

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