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„Die gestiegene Inflation ist das kleinste Übel“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Schwäbische Zeitung, 26.06.2008, Nr. 147

Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn über gestiegene Preise, gute Konjunktur, stabile Währungen, richtige Geld- und falsche Agrarpolitik

MÜNCHEN - Wird unser Geld immer weniger wert? Hat die EZB die Preise noch im Griff? Oder war zu Zeiten der guten alten D-Mark doch alles besser? Fragen wie diese gehen vielen Menschen durch den Kopf, seit das Statistische Bundesamt monatlich Inflationsraten um drei Prozent meldet. 60 Jahre nach Einführung der D-Mark haben wir deshalb Hans-Werner Sinn, den Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts, um eine Einschätzung gebeten. Sinn nennt Gründe und Verantwortliche für die gestiegene Teuerung, klärt auf über die Folgen von Ölpreis, Agrar-Boom und Mehrwertsteuer-Erhöhung – und gibt Entwarnung. Ein Rundumschlag mit dem Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft.

Das Gespräch führte unser Redakteur Martin Sturm

SZ: Im März 2008 wurde Geld so schnell entwertet wie seit Jahren nicht mehr. Die Inflationsrate lag bei 3,1 Prozent. Ist das eigentlich hoch, Herr Professor Sinn?

Hans Werner Sinn: Natürlich ist das viel zu hoch. Ziel sollte eine Inflationsrate von zwei Prozent oder knapp darunter sein, wie es auch die Europäische Zentralbank EZB anstrebt. Völlig starre Preise, eine Null-Inflation – das würde jedoch eher lähmen. Auf die Dauer ist es am besten, wenn die Notenbank etwa zwei Prozent ansteuert. Man braucht etwa zwei Prozent Inflation als Schmiermittel der Wirtschaft, nicht mehr und nicht weniger. Wenn Sie zu viel Öl in den Motor schütten, läuft er nicht gut, und wenn zu wenig Öl drin ist, machen Sie ihn kaputt. Ähnlich ist das bei der Inflation.

SZ: Jahrelang hatten wir stabilere Preise bei rund zwei Prozent Inflation. Was hat sich geändert?

Sinn: Die Teuerung hatte vor allem drei Gründe: Öl, Lebensmittel und die Mehrwertsteuer-Erhöhung der Bundesregierung im vergangenen Jahr.

SZ: Wenn sich ein Gut verteuert, verbilligt sich ein anderes. Soweit die volkswirtschaftliche Theorie. Warum klappt das in der Praxis nicht?

Sinn: Öl und Lebensmittel werden schnell teurer, anderes wird nicht so schnell billiger. Es stimmt, dass bei sehr knapper Geldversorgung die Preise für andere Güter stark unter Druck geraten würden. Nicht nur in der Theorie, auch in der Praxis. Dafür könnte die Europäische Zentralbank sorgen: Sie bräuchte nur die Zinsen zu erhöhen, was die Geldmenge verringert. Dann gäbe es nicht so viel Inflation. Aber Vorsicht. Sie würde dann auch die Wirtschaft abbremsen, und wir hätten wieder mehr Arbeitslosigkeit. Das würden viele Leute noch stärker in der Tasche spüren als steigende Preise.

SZ: Sie sagen: Die höhere Inflation ist der Preis, den die Allgemeinheit für die gute Konjunktur bezahlt. Wir sollen also lieber drei Prozent Geldentwertung in Kauf nehmen statt zusätzliche Arbeitslosigkeit?

Sinn: So stellt sich die Wahl nicht. Wenn die Notenbank abrupt bremsen würde, gäbe es mehr Arbeitslosigkeit. Das wäre falsch, denn wir kommen bei nachlassender Konjunktur automatisch herunter.

SZ: Wie bewerten Sie die Entscheidung der Bundesregierung, ab 2007 die Mehrwertsteuer zu erhöhen?

Sinn: Hier muss man unterscheiden. Der Zielwert einer Inflationsrate von um die zwei Prozent gilt nur für die schleichende Geldentwertung: die aus der Wirtschaft selbst kommt – nicht aber für staatliche Eingriffe wie die Mehrwertsteuer. Statt mehr Geld von den Bürgern einzufordern, hätte der Staat sich selbst einschränken können. Das wäre im Jahr 2007, als die Erhöhung in Kraft trat, ein realistisches Ziel gewesen. Zumal das Subventionsvolumen in Deutschland weiter unnötig hoch ist. Aber es ist eben leichter, Steuern in der Breite zu erhöhen, als Ausgabenprogramme zu senken. Die Teile der Wirtschaft, die von Subventionen leben, haben in Berlin eine so starke Lobby, dass die Politiker dagegen nicht ankommen.

SZ: Ist das nicht der Job der Politiker, dagegen vorzugehen?

Sinn: Politiker wollen ihren Ärger minimieren und wiedergewählt werden.

SZ: Kein Politiker würde als Privatperson zu Hause so wirtschaften: Geld für – wie Sie sagen – überflüssige Dinge verteilen und dafür auf eigene Kappe Schulden machen.

Sinn: Nein. Aber in ihrem Amt geben Politiker ja das Geld anderer Leute aus.

SZ: Ein Teil der Inflation wäre also vermeidbar gewesen, wenn Politiker diese Aufgabe ernster genommen, mit dem Geld anderer Leute besser gewirtschaftet hätten?

Sinn: So würde ich das unterschreiben. Dann wäre die Mehrwertsteuer- Erhöhung nicht nötig gewesen.

SZ: Die Verschuldung steigt derweil trotzdem munter weiter...

Sinn: ...nein, das tut sie nicht. Wir müssen fair bleiben. Erstmals seit 1969 hat die Bundesregierung das Budget konsolidiert und keine neue Schulden aufgenommen. Die Begehrlichkeiten der Ministerien auf das Mehrwertsteuer- Geld war groß. Bundesfinanzminister Steinbrück hat diese Attacke abgewehrt und den Kampf gewonnen. Das ist eine Leistung. Noch schöner wäre es natürlich gewesen, Herr Steinbrück hätte die Ausgaben gesenkt.

SZ: Unser globales Finanzsystem ist stark aufgebläht und zu einem zunehmend schwerer beherrschbaren Komplex geworden. Auch mit Auswirkungen auf die Preisstabilität?

Sinn: Die US-Immobilienkrise hat gezeigt, dass die internationalen Finanzmärkte erhebliche Risiken erzeugen können. Inflationsgefahr droht von dort aber nicht. Eher das Gegenteil: Es waren fallende Häuserpreise in den USA, die die Finanzkrise auslösten.

SZ: Aus den USA drohen uns also keine Inflationsgefahren?

Sinn: Es mag sein, dass die US-Notenbank bald ein Inflationsproblem bekommt, weil sie die Zinsen stark gesenkt und damit die Geldmenge aufgebläht hat. Das ist aber nicht unser Problem. Wir haben ja flexible Wechselkurse, und bei flexiblen Kursen überträgt sich Inflation nicht. Höhere Inflation im Dollar-Raum führt nur zu einem noch stärkeren Euro. Seien wir froh, dass der Euro so gestiegen ist. Er wirkt als Preisdämpfer auf Importe, die mit Dollar bezahlt werden – etwa auf Öl und einige Grundnahrungsmittel.

SZ: Umgekehrt heißt das aber: Die Inflationsrate wird in Deutschland steigen, wenn der Euro wieder sinkt?

Sinn: Diese Gefahr besteht, wenn der Dollar auf sein Normalniveau zurückkehrt. Die OECD sieht die tatsächliche Kaufkraft des Euro bei etwa 1,15 Dollar – nicht beim derzeitigen Kurs um die 1,50 Dollar. Mit sinkenden Kursen ist dann zu rechnen, wenn der US-Export zulegt und der deutsche nachlässt.

SZ: Die Institution, die über stabile Preise zu wachen hat, ist die Europäische Zentralbank. Hat die EZB die Situation im Griff?

Sinn: Ja. Die EZB hat – anders als die US-amerikanische Zentralbank Fed – die Zinsen nicht gesenkt, obwohl viele es verlangt haben. Die dennoch auf 3,1 Prozent gestiegene Inflation war praktisch nicht zu vermeiden. Und sie ist, unterm Strich, das kleinste Übel. Die EZB hat ihre Arbeit sehr gut gemacht. Sie muss aber nun verstärkt an die Inflation denken. Ich wäre in der heutigen Lage gegen Zinssenkungen.

SZ: Manche Menschen bezweifeln, dass die EZB eine gute Politik gemacht hat. Sie sehen noch immer den Euro als Teuro, wünschen sich die Zeiten der D-Mark zurück.

Sinn: Der Euro hat Deutschland bislang wesentlich mehr Preisstabilität gebracht, als wir unter der D-Mark hatten. Viele Leute haben einen verklärten Blick auf die Vergangenheit. Im Durchschnitt stiegen die deutschen Lebenshaltungskosten unter der D-Mark um 2,6 Prozent jährlich. Unter dem Euro stiegen sie bislang im Schnitt nur um 1,6 Prozent. Deutschland hatte – mit dem Euro – die niedrigste Inflation in ganz Europa. Unsere Wettbewerbsfähigkeit wurde so gestärkt. Das zeigt sich beim Export, am Arbeitsmarkt – überall.

SZ: Können wir denn die Inflationsrate derzeit überhaupt senken?

Sinn: Mit einer anderen Agrarpolitik hätten wir niedrigere Lebensmittelpreise – etwa wenn die EU aufhören würde, Stilllegungsprämien zu zahlen. Auch die staatliche Subventionierung der Biosprit-Produktion führt weltweit zu Flächenverknappung für Lebensmittel. In Deutschland, dem größten Biodiesel-Produzenten der Erde, wird Rapsanbau für Biodiesel staatlich subventioniert. Der Bauernverband hat letztes Jahr argumentiert, die Nahrungsmittelpreise seien an den Ölpreis gekoppelt. Leider ist an dieser sarkastischen Erkenntnis ein Körnchen Wahrheit. Wir müssen die Preise wieder entkoppeln, und das geht nur, wenn wir aufhören, landwirtschaftliche Flächen für die Biosprit- Produktion einzusetzen. Es gibt zu viele Rapsfelder in Deutschland.

SZ: Aber Bio-Sprit könnte die Energieverknappung und steigende Energiepreise mildern. Außerdem gilt Biosprit als neutral hinsichtlich Freisetzung von Kohlendioxid (CO2).

Sinn: Biosprit ist wegen Mineraldüngereinsatz, Transportkosten und vor allem Brandrodungen in weiten Teilen der Welt alles andere als CO2-neutral. Wir haben am Ifo-Institut ausgerechnet, dass der CO2-Ausstoß bei der Brandrodung für den brasilianischen Biosprit 323 Mal so hoch ist wie die jährliche CO2-Ersparnis. Wenn man nur den weltweiten Verkehr mit Biosprit bewältigen wollte, der lediglich ein Fünftel des menschlichen Energieverbrauchs ausmacht, bräuchte man die Agrarfläche der gesamten Erde. Das zeigt, wie abwegig die Vorstellung ist, mit Biosprit die Energiekrise zu lösen.

SZ: Wenn Sie Biosprit bremsen, dann wird die Nachfrage nach Öl aber noch weiter angeheizt. Und damit automatisch wieder die Inflation.

Sinn: Besser die Ölpreise steigen als die Nahrungsmittelpreise. Biologische Produkte gehören auf den Teller, nicht in den Tank. Wer etwas anderes meint, soll sich bitte vor die Armen der Welt stellen und seinen Standpunkt verteidigen. Er hat keine Chance.

SZ: Zurück nach Deutschland: Die Großhandelspreise sind im Mai 2008 im Vergleich zum Vorjahr sogar um 8,1 Prozent gestiegen. Müssen wir mit noch höheren Inflationsraten rechnen – in Richtung vier oder gar fünf Prozent pro Jahr?

Sinn: Nein. Die Großhandelspreise werden nicht vollständig weitergegeben. Daran sieht man: Nicht die Kaufleute sind die Bösewichte.

SZ: Sondern?

Sinn: Die Preise werden von den Ölund Gasproduzenten gemacht. Sie können nicht anders, als die Preise hochsetzen, weil die ganze Welt verrückt nach dem Öl ist. Dagegen kann man nichts machen.

SZ: Das Magazin „Spiegel“ berichtete jüngst, der hohe Ölpreis sei nicht das Ergebnis von Angebot und Nachfrage – sondern von Spekulation.

Sinn: Dafür liefert der „Spiegel“ weder ein logisches Argument noch ein Indiz. Die dort genannten Spekulationen können die Preise auf den Terminmärkten beeinflussen, nicht aber die Tagespreise für Öl.

SZ: Wenn die starke Konjunktur die Preise so sehr treibt – sollen wir etwa auf den Abschwung hoffen?

Sinn: Nein, natürlich nicht. Der Abschwung kommt sowieso. Die Konjunktur geht immer auf und ab.

SZ: Trotzdem – Getreide ist in einem einzigen Jahr um bis zu 50 Prozent teurer geworden. Die Gaspreise sollen um bis zu 40 Prozent steigen. Viele Menschen fragen sich, ob ihre persönliche Inflationsrate nicht tatsächlich höher ist als 3,1 Prozent.

Sinn: Die „gefühlte Inflation“ ist eine Unschärfe der Wahrnehmung.

SZ: Die Menschen irren, wenn sie alte und neue Preise vergleichen?

Sinn: Sie irren, wenn sie gefühlte Durchschnitte bilden. Nehmen Sie den Preis für Bier und den Preis für Waschmaschinen. Die meisten Leute beachten den Bierpreis stärker, weil sie häufiger Bier kaufen. Wenn sich Bier verteuert, fällt ihnen das besonders auf. Nicht jedoch in gleichem Maß, wenn sich Waschmaschinen, Fernseher oder Computer verbilligen – denn die kaufen sie nur manchmal. Wir geben verhältnismäßig billigen Gütern, die wir häufig kaufen, ein zu großes Gewicht. Die Statistiker sind dagegen unbestechlich. Die 3,1 Prozent stimmen. Der Wert bezieht sich auf die Kaufgewohnheiten einer durchschnittlichen vierköpfigen Familie.

SZ: Vorsichtige Anleger haben aber ein real existierendes Problem: Ihre Zinsen werden – spätestens nach Abzug von Steuern – von der Inflation aufgefressen.

Sinn: Das liegt daran, dass Deutschland eine Schein-Zinsbesteuerung praktiziert. Denn der Teil der Zinsen, der eigentlich gebraucht wird, um die inflationäre Entwertung eines Vermögens wieder auszugleichen, wird auch der Steuer unterworfen.

SZ: Ein Systemfehler?

Sinn: Ich meine, ja. Der Staat müsste hier sein Steuersystem ändern und nur die realen Zinsen – also die Erträge abzüglich der Inflationsrate – heranziehen. Noch so ein Systemfehler ist die „kalte Progression“: Der Staat freut sich, dass wir bei Gehaltserhöhungen über ein progressives Steuersystem in höhere Steuertarife hineinwachsen und einen höheren Prozentsatz bezahlen. Obwohl wir wegen der Inflation vielleicht gar nicht reicher geworden sind.

SZ: Gibt es Staaten, die diese Fehler erkannt und korrigiert haben?

Sinn: Nein. Überall freut sich der Fiskus über die schleichenden Steuererhöhungen. Ich wäre dafür, sie zu unterbinden.

SZ: Wie schützt man sich vor Inflation?

Sinn: Mit Anlagen in Realwerten: einem Häuschen oder einer Eigentumswohnung. Oder man müsste Aktien kaufen, die sind auch ein inflationsgesicherter Anspruch an einem Unternehmenswert. Aber Vorsicht: Das Kursniveau ist heute sehr hoch und könnte wieder fallen. Was ich sage, gilt nur ganz langfristig. Vor dem Anstiften zum Schuldenmachen, was viele als Rezept gegen die Inflation sehen, kann ich nur warnen. Schuldner sind bei höherer Inflation nur scheinbar auf der Gewinnerseite. Denn gleichzeitig steigen die Zinsen – auch für Schulden.

SZ: Welche Inflationsrate werden wir in einem Jahr sehen?

Sinn: Ich glaube nicht, dass sie so hoch bleibt wie zurzeit. Von den drei wichtigen Effekten – Lebensmittel, Öl und Mehrwertsteuer – entfällt letzterer mit Sicherheit und der Ölpreis mit Wahrscheinlichkeit: Insofern erwarte ich, dass die Inflationsrate in den nächsten zwei Jahren wieder unter drei Prozent sinkt. Auch für die Zukunft bin ich optimistisch. Ich gehe davon aus, dass die deutschen Preise mit dem Euro auch in Zukunft langsamer steigen als zur Zeit der D-Mark.

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