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»Kleines Wunder« am Arbeitsmarkt

Interview mit Hans-Werner Sinn, Bayerisch-Schwäbische Wirtschaft, 03/2008, S. 18-19

Breiten Raum nahm im Vortrag des ifo-Präsidenten Prof. Hans-Werner Sinn auf dem 34. Augsburger Konjunkturgespräch die Analyse des deutschen Arbeitsmarktes ein. Während er über das Wirtschaftswachstum sowohl global als auch national lapidar beschied: »Die Party ist zu Ende«, gab er in Sachen Arbeitslosigkeit Entwarnung: »Zum ersten Mal seit den 70er-Jahren ist die Sockelarbeitslosigkeit zurückgegangen.« Für Sinn kein Grund, die Reformen in Deutschland zu beenden.

Vor rund 250 Gästen im Fuggersaal der IHK Schwaben in Augsburg sprach Prof. Sinn traditionsgemäß zunächst über das Klima in der Wirtschaftswelt: »Die Reise geht stark nach unten«, lautet seine drastische Prognose, die er mit den Stichworten Bankenkrise, Verfall des amerikanischen Immobilienmarktes und seinen Folgen für den Börsenmarkt untermauerte: »Da ist was im Bush«, so die launige Bemerkung des ifo-Präsidenten zu der »Rezeptur für eine Rezession« in den USA.

Für Europa und die Bundesrepublik kann das nicht ohne Folgen bleiben, meint der Fachmann: »Europa exportiert rund ein Viertel seiner Produktion in die USA« und China mit einem Weltsozialprodukt von 5 % sei kein Ersatz für den Wirtschaftsgiganten USA (24 % Weltsozialprodukt).

Dennoch, so Sinn, »der deutsche Aufschwung hält auch 2008 noch an«. Der Anstiegswinkel sei flacher als in den vergangenen Jahren, die Prognose des ifo-Instituts liegt bei einem ökonomischen Wachstum von 1,6 % für 2008/09. »Wir haben einen schönen Oktober vor uns, bevor der Winter kommt«, wurde der langjährige Redner des Augsburger Wirtschaftsforums geradezu poetisch. Mit Bezug auf den Arbeitsmarkt setzte Sinn zu weiterem Schwärmen an: Hier sei »ein kleines Wunder« geschehen, da seit dem Jahre 2005 kontinuierlich weniger Arbeitslose registriert würden. Für 2008 liegt seine Schätzung bei 3,3 Mio. Arbeitslosen in Deutschland.

Das Land verhalte sich »wie der Korken auf der Schaumkrone der Weltkonjunktur«, gab der Professor seinen Zuhörern ein plastisches Bild. Ein Erfolgsfaktor für die gute Konjunktur der letzten Jahre sei auch die Bescheidenheit der Arbeitnehmer gewesen, deren Lohnverzicht zu einer relativen Senkung der Lohnstückkosten und damit einer besseren Wettbewerbsfähigkeit geführt habe.

»Das ist fantastisch«, rief der Präsident des ifo-Instituts in München aus, als er über die Wirkung der Agenda 2010 sprach. Zum ersten Mal seit 1970 sei die Sockelarbeitslosigkeit im vergangenen Jahr unter die Trendlinie von rund 800.000 Personen gefallen. »Wir haben heute ein Beschäftigungsvolumen wie beim letzten Boom im Jahre 2000«, so Prof. Sinn. Allerdings, schränkte er ein, seien diese Beschäftigungsverhältnisse in der Regel »nicht mehr so toll«, beispielsweise durch Teilzeit- oder Zeitarbeit.

Damit dieser positive Trend fortgesetzt werde, warnte Sinn ausdrücklich vor der weiteren Einführung eines Mindestlohns. Im Gegensatz zum ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel, der mit den Worten zitiert wurde »Der Mensch muss von seiner Hände Arbeit leben können«, lehnt Sinn einen Mindestlohn ab: »Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben.« Der Wirtschaftswissenschaftler rechnete vor: Derzeit erhielten rund 11 % der Arbeitnehmer einen Stundenlohn von unter 7,50 Euro. Mit Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns würden somit auf einen Schlag rund 1,1 Mio. Menschen ihre Arbeit verlieren, weil sich ihr Einsatz für die Unternehmer nicht mehr rechne: »Der Mensch muss mit der Maschine konkurrieren«, so Sinn, der darauf verwies, dass bereits in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende von Arbeitskräften durch Maschinen ersetzt wurden.

Stattdessen empfahl der Professor, noch mehr als bisher niedrige Einkommen über Lohnzuschüsse aufzustocken: »Der Staat sollte mehr fürs Mitmachen bezahlen, damit er nicht mehr so viel fürs Wegbleiben bezahlen muss.«

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