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„Die Lohnkosten sind zu hoch“

Interview mit Hans-Werner Sinn , Westfälische Nachrichten, 19.01.2008, Nr. 16/2008, S. RPO 3

Ifo-Präsident Sinn: EU-Erweiterung zu schnell

Münster. Der Fall Nokia habe nichts mit Lohnkosten zu tun? - stimmt nicht!, betont Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich.

Jürgen Rüttgers nennt Nokia eine „Subventionsheuschrecke". Wie sehen Sie es, wenn ein gut verdienender Betrieb abwandert, obwohl er Millionen-Subventionen kassiert hat?

Sinn: Die Logik, nach der ein Betrieb nicht zumachen darf, solange er noch Erträge erwirtschaftet, ist nicht die Logik der Märkte. Zu den Kosten, die in Bochum nicht gedeckt werden, gehört eine Eigenkapitalrendite, wie sie auch anderswo auf der Welt verdient werden könnte. Wir können uns darüber ärgern, doch wird das nichts ändern. NRW hat seine Subventionen wahrscheinlich für die Startphase und als Kapitalzuschüsse gewährt. Wenn das so ist, muss sich die Landesregierung selbst an der Nase fassen. Damit Subventionen dauerhaft Arbeitsplätze schaffen, muss man die Arbeit dauerhaft subventionieren. Das geht nur im Niedriglohnsektor zu vertretbaren Kosten.

Mit Subventionen hat NRW Nokia nach Bochum gelockt. EU-Subventionen könnten in dem Industriepark stecken, der die Finnen nach Rumänien zieht.

Sinn: Dass die EU sich hier einmischt, gehört verboten. Der EU sollte man den Geldhahn für die Subventionen zudrehen. Dass wir mit deutschem Geld die EU bezahlen, damit die die ohnehin extrem niedrigen Produktionskosten in Rumänien weiter heruntersubventioniert, ist ein Unding. Aber es sind nicht in erster Linie die Subventionen, die Nokia nach Rumänien locken. Vielmehr sind es die Lohnkosten, die nur ein Zwanzigstel der unseren ausmachen. Es zeigen sich die Nachteile einer viel zu raschen Expansion der EU nach Osten. Ich habe immer davor gewarnt, Rumänien mit seinen 23 Millionen Menschen so rasch zu integrieren, genauso wie ich jetzt davor warne, die Türkei zu integrieren.

Die Arbeitskosten machen nur fünf Prozent bei der Handy-Produktion aus.

Sinn: Das ist egal. Bei der industriellen Fertigung machen zwar die Vorprodukte den Löwenanteil der Kosten aus, aber deren Preise sind meist an allen Standorten gleich. Die Chips, die in Rumänien eingebaut werden, sind dort genauso teuer wie in Deutschland. Standortrelevant sind nur die Lohnkosten, die nationalen Steuern, standortgebundene Subventionen und die Kosten örtlicher Vorleistungen, die von den nationalen Lohnkosten bestimmt werden. Die deutschen Lohnkosten in der Industrie sind leider immer noch die dritthöchsten der Welt.

Hat sich der Lohnverzicht der deutschen Arbeitnehmer überhaupt gelohnt?

Sinn: Ja, er hat beträchtliche Arbeitsplatzgewinne gebracht. Insbesondere die Älteren werden wieder mehr beschäftigt. Das liegt an der Agenda 2010 und an der Verkürzung der Zeitdauer für das Arbeitslosengeld. Zu niedrigeren Löhnen gab es mehr Jobs. Wer sogar die Agenda zurückdrehen will, darf sich nicht wundern, wenn die Fabriken das Land verlassen.

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