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Ifo-Chef: Gefahr einer tiefen Rezession hat abgenommen

Interview mit Hans-Werner Sinn, Reuters, 05.11.2008

Die Gefahr einer schweren Rezession in Deutschland hat nach Einschätzung von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn abgenommen.

"Das Risiko hat sich verringert", sagte Sinn in einem am Mittwoch veröffentlichten Reuters-Interview. Grund seien die Rettungspakete der Bundesregierung und anderer Staaten für den angeschlagenen Finanzsektor. "Die Rettungsprogramme für die gesamte westliche Welt umfassen 2600 Milliarden Euro", sagte Sinn. "Man kann deshalb davon ausgehen, dass eine Fortsetzung des Bankensterbens und damit eine Kernschmelze des Finanzsystems abgewendet wurde."

Der Chef des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) sieht Deutschland am Rande einer Rezession. Sollte das Bruttoinlandsprodukt im dritten und vierten Quartal erneut schrumpfen, "muss man das wohl Rezession nennen". Noch habe die Wirtschaft aber einen sehr hohen Auslastungsgrad der Produktion. Die Arbeitslosigkeit liege auf dem niedrigsten Wert seit 16 Jahren. Er warnte deshalb vor einer zu frühen Anwendung des milliardenschweren Konjunkturpakets der Bundesregierung.

"KONJUNKTURPAKET NICHT ZU FRÜH STARTEN"

"Ich denke, das Programm ist gut", sagte der Wirtschaftsprofessor. Teile könnten sofort realisiert werden. "Aber insgesamt würde ich etwas auf Zeit spielen und mit dem Paket noch etwas warten. Warum sollte ich mein Stroh bereits heute verfeuern?" Es könne sein, dass es später noch dringender gebraucht werde. Das Bundeskabinett hat ein Förderpaket zur Stützung der Konjunktur verabschiedet.

Mit 15 Maßnahmen sollen gezielt Investitionen im Gesamtvolumen von rund 50 Milliarden Euro in den nächsten beiden Jahren angestoßen und damit eine längere Flaute verhindert werden. Diese bahnt sich für 2009 an. "Daran führt kein Weg mehr vorbei", sagte Sinn. "Sie ist aber realwirtschaftlich noch nicht wirklich da."

Der Ifo-Präsident forderte außerdem Nachbesserungen am deutschen Rettungspaket für den Bankensektor. "Es gibt einen Konstruktionsfehler: Das ist das Prinzip der freiwilligen Bestrafung", sagte Sinn. Die Manager müssen sich ihr Gehalt auf 500.000 Euro kürzen lassen, wenn sie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Dies führe dazu, dass Banken erst im letzten Moment unter den Rettungsschirm flüchteten.

Besser sei das britische Modell, das eine Eigenkapitalquote der Banken in Höhe von mindestens zehn Prozent vorschreibt. Gleichzeitig müssten die Ausleihungen - etwa für bestimmte Immobilienkredite - das Niveau der vergangenen vier Jahre erreichen. "Das läuft vielfach auf den Zwang hinaus, das staatliche Eigenkapital zu nehmen", sagte Sinn.

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