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„Nur kurze Strohfeuer“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Markant Handelsmagazin, 01.12.2008, Nr. 12/2008-1/2009, S. 13

Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts und Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die Finanzkrise.

Wird Deutschland von der internationalen Konjunkturschwäche besonders hart getroffen?

Der Konjunkturzyklus ist in jedem Land durch das Auf und Ab der Investitionen geprägt. Und Deutschland hat sich nun mal sehr stark auf die Produktion von Investitionsgütern spezialisiert. Das ist im Aufschwung von Vorteil und im Abschwung von Nachteil. Wir schwimmen wie ein Korken auf den Schaumkronen der Weltkonjunktur.

Inwieweit wurde der Abschwung durch die Finanzkrise verursacht?

Wenn die Finanzkrise konjunkturelle Folgen hätte, käme es 2009 zu einer Schrumpfung der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent. Das haben die Institute in einem Risikoszenario errechnet. Das ist aber mit den staatlichen Bankenrettungspaketen weniger wahrscheinlich geworden. Der Abschwung, den wir seit einem halben Jahr ohnehin schon haben, setzt sich unvermindert fort. Er wurde nicht durch die Finanzkrise bewirkt, sondern hat mit dem Crash des US-Häusermarkts die gleiche Ursache wie diese.

Wo liegen die tieferen Ursachen der Finanzkrise?

Die Regulierung der Banken war zu lasch. Sie konnten ihre Geschäfte machen, ohne über genügend Eigenkapital zu verfügen. Man hat in guten Zeiten ausgeschüttet, was nur ging, nach der Devise: Was nicht drin ist, kann ich nicht verlieren. Jetzt merkt man, dass in der Krise Eigenkapital fehlt. Der Staat hat im 19. Jahrhundert die Haftungsbeschränkung eingeführt. Er darf es aber nicht den Firmen überlassen, zu defi - nieren, was Haftungsbeschränkung eigentlich heißt. Die Investmentbanken haben das bis zum Gehtnichtmehr interpretiert und haben ihr Geschäft fast ohne Eigenkapital betrieben. Mit nur vier Prozent Eigenkapital liegt die Haftungssumme bei fast null.

Sind Konjunkturprogramme von staatlicher Seite sinnvoll?

Nur dann, wenn es wirklich schlimm um die Konjunktur steht, wenn der Auslastungsgrad der Produktion im Keller ist. Heute ist der Auslastungsgrad auf einem extrem hohen Niveau und die Arbeitslosigkeit auf einem Tiefstand. Ein zusätzlicher Nachfrageschub ist jetzt nicht nötig, er könnte zu Überhitzungen führen. Also: Warten, bis die Situation kritisch ist. Denn Nachfrageprogramme sorgen nur für kurze Strohfeuer.

Sind spezielle Programme für Autooder Bauindustrie der richtige Ansatz?

Nein. Das ist grundsätzlich falsch, weil der Staat dadurch nicht nur konjunkturell eingreift, sondern auch lenkend tätig wird. Die einzelnen Ressorts haben immer unerfüllte Wünsche, und nun liefert die Konjunktur den Vorwand, sie zu erfüllen.

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